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"Pretty Woman" in Dänemark: Eine echte Hure auf der Theaterbühne

Filme auf die Bühne zu bringen, liegt im Trend. Dem Dänen Jeppe Kristensen ist das jedoch nicht genug. Deshalb spielt in seinem Theaterstück "Pretty Woman" eine echte Prostituierte von der Straße die Rolle, mit der Julia Roberts einst berühmt geworden ist.

Von Clemens Bomsdorf, Kopenhagen

"Theaterporno" und "Ludervorstellung" lauten die Schlagzeilen im dänischen Feuilleton. Der Kulturteil kennt seit Tagen kein anderes Thema als die Kopenhagener Bühnenversion des Kultfilms "Pretty Woman". Das Stück beherrscht die Medien, denn anstatt der jungen Julia Roberts wird eine echte Prostituierte für eine Stunde von der Straße geholt, um die weibliche Hauptrolle zu spielen. Und damit nicht genug: Der Staat hat das Stück mit fast einer Millionen Kronen (rund 130.000 Euro) unterstützt. Deshalb diskutieren auch Politiker mit.

Ausnahmsweise sind sich die Parteien links und rechts außen diesmal einig: "Ein Stück sozialer Pornografie", nennt die kulturpolitische Sprecherin der im starken Aufschwung befindlichen Linkspartei die Idee. Bei der rechten Dänischen Volkspartei, die die amtierende Minderheitsregierung stützt, spricht man von einem "unbehaglichen Ausnutzen von Frauen".

Argumente, die das Theaterteam nicht gelten lassen will: "Das ist genau die richtige Art, sich des Themas anzunehmen. So schaffen wir es, dass diskutiert wird", sagt Drehbuchautor Jeppe Kristensen. "Wer das Stück sieht, genießt sicher die Aufführung. Aber danach, wenn man wieder zu Hause ist, fängt das Nachdenken an, und die Leute werden überlegen, wie es den Prostituierten wirklich geht."

Die Illusion der glücklichen Hure

Nachdem er Monate lang zu seinem Stück in der Szene recherchiert hat, meint Kristensen nun zu wissen, wie es den meisten Prostituierten wirklich geht: Schlecht. "Der Film 'Pretty Woman' ist eine romantische Komödie, die von der Illusion der glücklichen Hure erzählt, die ihre Situation selbst gewählt hat und da auch wieder raus kann", sagt er. Das sei in der Realität aber nicht der Fall, und genau das möchte Kristensen mit seinem Stück vermitteln.

Wenn eine Prostituierte die Rolle der Prostituierten spielt, dann sei klar, dass die Erlösung durch den Traumprinzen nur eine Illusion ist. Schließlich geht die Darstellerin nach Ende des Stückes wieder zurück auf die Straße. Sie ist gefangen in ihrer Rolle als Prostituierte. So wie Anna, die am zweiten Abend Julia Roberts' Part der Vivian Ward übernommen hat. Anna ist eine schlanke, mittelgroße Frau mit langen braunen Haaren, schätzungsweise Ende 30. Im Gegensatz zu Anders Mossling, der Richard Geres Rolle als Anwalt Edward Lewis übernommen hat, ist ihr Auftreten zurückhaltend, sie wirkt beinahe träge. Das hat seinen Grund: Anna bekommt die Regieanweisungen ins Ohr geflüstert, hat ihre Rolle zuvor nicht ein Dutzend Mal auf der Bühne geübt. Prostituierte ist sie sonst nur im wirklichen Leben.

Männer wie wir

Aber auch sie hat den Film "Pretty Woman" schon einmal gesehen, ebenso das Theaterpublikum. Lediglich zwei Zuschauer meldeten sich, als gefragt wurde, wer die Vorlage nicht kenne. Auf den knapp 50 Plätzen sitzen fast nur Frauen. Männer scheint das Thema Prostitution weniger zu interessieren, vielleicht mögen sie aber auch bloß keine romantischen Komödien. "Es sind Männer wie wir, die zu Prostituierten gehen, habe ich während der Recherche für das Stück erfahren. Männer, die verheiratet sind und Kinder haben, sind ganz gewöhnliche Kunden", so Kristensen.

Mit dem sozialkritischen Zugang ist es Kristensen zwar nicht gelungen, die Parteien links und rechts außen auf seine Seite zu ziehen, aber erstaunlicherweise gibt es Zustimmung von der konservativ-liberalen Regierungspartei Venstre. "Zeitgenössisches dänisches Theater muss provozieren und sich Themen annehmen, die wehtun", so Ellen Trane Nørby, sozialpolitische Sprecherin der Partei.

Spielzeug der Intellektuellen

Die Kritik hat Kristensens Stück gemischt aufgenommen. "Amateuertheater" heißt es in der konservativen Zeitung "Jyllands-Posten". Die Prostituierte sei nur "das Spielzeug der Intellektuellen", schreibt der Autor. Die Kritikerin der linksliberalen "Politiken" ist hingegen sehr angetan und lobt das schauspielerische Talent der weiblichen Hauptdarstellerin, deren Bühne sonst die Straße ist. Politisch korrekt meint die Journalistin, dass die Theatermacherinnen, das wahre Talent der Prostituierten erkannt hätten. Statt wie im Film durch einen reichen Anwalt soll Pretty Woman also durch das Theater von der Straße gerettet werden.

Chancen hätte sie, könnte man meinen, schließlich hat die mittlerweile 41-jährige Julia Roberts soeben verkündet, nicht noch einmal Vivian Ward spielen zu wollen. Die Begründung aber schließt Anna wieder aus: Wer will schon eine alte Prostituierte sehen. Eine Frau, die schon lange auf der Straße gearbeitet hat, wäre wohl nichts für eine romantische Komödie - nur für die Realität.

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