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Abgewatscht! - der satirische Wochenrückblick: Raabemus Papam

Der Papst entschleunigt, Stefan Raab beschleunigt und beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest drückt man die C- und die V-Taste. Eine bewegte Woche zwischen Pontifex-Burnout und Plagiatsdebatte.

Von Ingo Scheel

Wie hatte der stern doch in seiner vorletzten Ausgabe ebenso flehentlich wie nur allzu wahr getitelt: Rettet den Feierabend! Dass dieser relaxante Imperativ ausgerechnet im Vatikan nicht nur erhört, sondern direktemang in die Tat umgesetzt werden würde - heiliger Strohsack, damit war kaum zu rechnen. Benedikt wirft die Brocken. Endlich mal wieder richtig ausratzen, die Devise. Und Nachfolgekandidaten für den Papst-Posten werden auch schon eifrig vorgecastet. Wer wird es am Ende machen? Ein Kanadier? Ein Italiener? Ein Chinese? Bei einigen Kandidaten würde man allerdings gerne wissen, ob die Katholiken schon so weit sind, einen ... aber lassen wir das.

Am Ende wird es wahrscheinlich eh der Metzgermeister von ProSieben. Raabemus Papam - wie lange macht es wohl die televisionäre Allzweckwaffe, bis auch hier der alte Gevatter Brenn-aus seine faltige Hand ausstreckt? Das Portfolio von Stefan Raab wächst jedenfalls stündlich. Eben noch zerschunkelte der multiple Moderator einen Tiefausläufer des Kölschen Karnevals. Und schneller als man "Kamelle" sagen kann, steigt Raab plötzlich in die Bel Étage des Polittalks auf.

(K)eine Unterhaltungssendung

Was zunächst wie ein Treppenwitz aus der Senderkantine der ARD wirkte, scheint Gestalt anzunehmen. Stefan Raab wird als - ja, wie sagt man da eigentlich - Moderator? Talkmaster? Vermittler? Unterhändler? - des nächsten Kanzlerduells gehandelt. Raab zwischen Steinbrück und Merkel - da wird selbst der Spontifex ungewohnt schmallippig. Er habe nicht vor, aus dem TV-Duell eine "Unterhaltungsshow" zu machen, sondern wolle lediglich "am journalistischen Katzentisch Platz nehmen und Fragen beisteuern", so Raab. Peer Steinbrück wird das recht sein. Politik sei schließlich "keine Unterhaltungssendung, sondern ein ernstes Geschäft". Word up, Peer, vielleicht das Thema seines nächsten Vortrags?

Umgekehrt verhält es sich beim Eurovision Song Contest: Kein ernstes Geschäft, sondern eine Unterhaltungssendung. Oder haben wir am Ende alles falsch verstanden? Wer am Donnerstag zufällig ins Erste zappte, musste annehmen, bei einer Wiederholung des Vorjahreswettbewerbs gelandet zu sein. Dieser Beat, diese Hysterie, die Synthie-Sounds - aber hey, die Sängerin sieht ganz anders aus als Vorjahressiegerin Loreen. Und singt auch nicht "Euphoria", sondern "Glorious". Auweia - die unselige Mär vom Copy & Paste hat jetzt auch den guten alten Grand Prix endgültig erreicht. Zwei Noten verschoben, den Titel notdürftig modifiziert, fertig ist der Schavanengesang für Malmö.

Willst Du Deutschland oben sehen...

Als wäre Lena eine Fußnote aus einem Land vor unserer Zeit, ist man im Jahr eins nach Raab wieder mitten in der 90er-Hölle-Hölle-Hölle des Wettsingens angekommen. LaBrassBanda hätten dem Wettbewerb ganz vorzüglich den Marsch blasen können, für die bayerische Ska-Folk-Variante blieb am Schluss lediglich der zweite Platz. Stattdessen heißt es: Cascada für Deutschland. Beim bloßen Gedanken daran legt sich Angstschweiß auf den Käseigel.

Willst Du Deutschland oben sehen, musst Du die Tabelle drehen: Das Haarteil von Britney Spears, das Kleid aus der Asservatenkammer der Kölner Schull- und Veedelszöch, den Siegertitel aus dem Vorjahr und die Waden von Joy Fleming - fertig ist der Hopsassa-Hybrid für das Trällerfinale in Malmö. Gracia, komm zurück. Alles ist verziehen.