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Pro und Contra: Kann Raab Kanzlerduell?

Peer Steinbrück hat eingelenkt: Er hätte kein Problem mit Stefan Raab als Moderator beim Kanzlerduell. Wir schon. Ein Pro und Contra.

Von Christian Bartlau und Thomas Schmoll

Raab? Ja, bitte!

Jawoll, Stefan Raab ist der richtige Mann für das Duell Angela Merkel vs. Peer Steinbrück! Und zwar weniger Raab als Person. Es ist eher der Typus des Moderators, den er verkörpert, der ihn dafür geeignet macht. Denn davon gibt es in Deutschland kaum welche. Wir alle beklagen immer wieder, dass sich ein großer Teil der jungen Leute in Deutschland nicht mehr für Politik interessiert. Das schlägt sich auch in der geringen Wahlbeteiligungen nieder. Raab spricht die Sprache der Jugend, er ist beliebt bei jungen Menschen und wäre damit vielleicht ein Türöffner in Richtung Politik. Ihm könnte es gelingen, dass sich Jugendliche überhaupt wieder damit beschäftigen.

Raab möchte auch unterhalten. Er ist nicht immer bierernst und trägt die "Political correctness" nicht wie eine Monstranz vor sich her. Er ist frech und stellt an vielen Stellen genau die Fragen, die einem Ulrich Deppendorf und einer Bettina Schausten nie und nimmer in den Sinn kämen. Und selbst wenn, würden sie es nicht wagen, sie auszusprechen aus Sorge, ihr Publikum zu verschrecken. Bei Raab aber gehört der Schreck zum Programm. Die Provokation und der Überraschungseffekt, mit einer schrägen Frage um die Ecke zu kommen, sind bei ihm Mittel zum Zweck. Das ist nicht unbedingt der einzige Grund, warum sich sowohl Vertreter der Koalition als auch der Opposition zieren oder gar weigern, in seine politische Talk-Show "Die absolute Mehrheit" zu gehen. Aber es ist einer. Bloß nichts riskieren. Man stelle sich das Gesicht Merkels und Steinbrücks vor, wenn Raab ihnen eine Frage stellt, mit denen sie nie und nimmer gerechnet haben. Beide müssen die Sprache der Jugend nicht sprechen. Sie können bei Raab aber zeigen, dass sie sie verstehen.

Die Langweiler: Schausten und Deppendorf

Ja, Raabs erste Sendung von "Die absolute Mehrheit" ließ zu wünschen übrig. Sowohl inhaltlich als auch formal. Eine richtige Diskussion kam niemals auf. Doch wenn wir ehrlich sind: Wird denn bei Günther Jauch oder Maybritt Illner wirklich debattiert? Es ist doch ganz selten, dass es zu einem lebendigen Austausch von Argumenten kommt. Natürlich würde es auch Raab nicht gelingen, Steinbrück und Merkel dazu zu bringen, dass sie die Contenance verlieren und (verbal) übereinander herfallen. Aber er könnte sie zumindest näher an einen echten Schlagabtausch führen als Deppendorf und Schausten, die selbst so kontrolliert sind wie die Politiker, die sie interviewen.

Es ist überhaupt keine Frage, dass Raabs Humor mitunter nervt. Kommt er dann noch mit dämlichen Sprüchen wie den über Philipp Rösler in "Die absolute Mehrheit" - "Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand" - hört der Spaß nicht nur auf. Es ist gar keiner. Um als Polit-Talker und Interviewer eines Duells der Spitzenkandidaten von Union und SPD ernst genommen zu werden, muss man argumentieren und nicht kalauern. Doch eigentlich sollte Raab das können. Intelligent genug ist er jedenfalls. Also lassen wir es ihn beweisen und zeigen, dass Politik unterhalten kann und nicht allein das Terrain der Öffentlich-Rechtlichen ist.

Raab? Nein, danke!

Wenn nicht verbrieft wäre, dass die Idee von Edmund Stoiber stammt, man hätte darauf wetten können, dass sie im Willy-Brandt-Haus entstand: Stefan Raab zum Moderator eines Kanzlerduells zu machen, ist nämlich ähnlich absurd, wie Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten zu küren. Beide können es einfach nicht.

Peer Steinbrück gibt einen soliden Minister ab, offenbar sogar einen sehr guten Vortragsredner; nur Wahlkampf, das ist seine Sache nicht. Stefan Raab hat das deutsche Fernsehen durchgelüftet und kreiert erfolgreiche Unterhaltungsshows am laufenden Band; nur Politik, das ist nicht sein Gebiet.

Bürger Raab - eine Lüge

Wer etwas anderes behauptet, sollte sich die Sendung "Absolute Mehrheit" aus dem November des vergangenen Jahres anschauen. Moderator Raab stellte dort vier Politikern und einer Unternehmerin kompliziert formulierte Endlosfragen, die meist in Stammtisch-Pointen endeten. Thomas Oppermann (SPD) fragte er: "Zwangsanleihen für Reiche? Wen soll das eigentlich treffen außer Peer Steinbrück?" Oppermann stockte, Raab grinste zufrieden, das Publikum johlte. Ziel erreicht. Ob irgendjemand etwas über das komplizierte Konstrukt Zwangsanleihen gelernt hat? Egal, auf politische Bildung kommt es in "Absolute Mehrheit" ohnehin nicht an. Stattdessen ringen die Gäste um einen Sympathiepreis, den die Zuschauer per Telefon-Voting vergeben. Raab unterbrach ständig die Diskussion, um den neuesten Zwischenstand zu erfahren. Politik als Castingshow, das ist Raabs Verständnis von einer politischen Talkshow.

Nun mögen Raab-Fans einwenden, ein Kanzlerduell sei ein ganz anderes Format. Nur liegt genau darin ein gewichtiges Problem: In seinen Sendungen ist Raab das Format. Alles ist auf ihn zugeschnitten. Bei einem Kanzlerduell stehen Angela Merkel und Peer Steinbrück im Rampenlicht. Fraglich, ob sich Raab da zurückhalten könnte. In "Absolute Mehrheit" behauptete er: "Ich bin ja nur ein einfacher Bürger, der die da oben fragt". Allein, es war gelogen. Er fragte nicht nur, er mischte sich aktiv ein, diskutierte teils sehr polemisch mit - das ginge in einem Kanzlerduell nicht. Nur: warum sollte Raab dann moderieren? Kompetente Fragen stellen, nachhaken, sich nicht um den Finger wickeln lassen, und dabei seriös bleiben - das sind die Fähigkeiten, die in diesem Format gefragt sind, und die beherrschen andere zweifelsfrei besser als der Entertainer Raab.

Von:

Thomas Schmoll und Christian Bartlau