Amy Winehouse Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt


Sie steht immer kurz vorm Abgrund: Amy Winehouse - von Drogenexzessen gebeutelte Sängerin aus England. Ihr Talent könnte reichen, um Madonna Paroli zu bieten. Doch die 24-Jährige steht sich selbst im Weg.
Von Alexandra Steffes, London

Die breite Masse hat es Amy Winehouse wirklich gewünscht. Und tatsächlich, der Mobo für den "Best Female UK Artist" ging an das gerade mal 24jährige Stimmbündel, das zwischen Aretha Franklin, Dinah Washington und Dusty Springfield rangiert und vom Aussehen entfernt an die wiehernde Janice aus "Friends" erinnert, Chandlers schrecklicher Ex. Nach Alkoholexzessen, Drogengeschichten, Bulimie und einer kurzfristig abgesagten US-Tour im August hieß es in der englischen Presse: "Wird sie, oder wird sie nicht…" Ja, was eigentlich? Es schaffen, ihr eigenes Talent zu überleben, sagen die einen. Die anderen meinen: sich endlich zusammenzureißen.

Dabei wissen die Engländer ihre auf eigenem Boden gewachsene Begabung sehr zu schätzen: Nicht schwarz, sondern jüdisch; nicht Mann, sondern Frau; nicht abgeschmeckter, seicht eingespielter Popsingsang, sondern kompromisslose, querelige Stimme. Nicht amerikanischer Plastik-Star, sondern Londoner Schnauze mit Altherren-Tattoos von nackten Frauen und klassischen Ankern auf den Armen.

Abgesagte US-Tournee

Vor der Verleihung der Mobos hatte es nicht gut um Winehouse gestanden. Die angeblich schon ausverkaufte Tour in die Staaten wurde kurzfristig abgesagt. Amy Winehouse war bei einem Live-Auftritt in einem Londoner Club zusammengeklappt und ins Krankenhaus gekarrt worden, mit der nebulösen Diagnose der "totalen Erschöpfung". Die gecancelte Tour sprach Bände über Amy Winehouses Zustand, egal was ihre Plattenfirma beschwichtigend beteuerte. Eine erfolgreiche US-Tour gilt in England immer noch als der endgültige Durchbruch eines Popstars. (Der große Robbie Williams hat ihn nie geschafft und leidet, so sagt man, heimlich heute noch.)

Die Geschichten über das, was die Presse als den "Party-Lifestyle" von Amy Winehouse und Mann bezeichnet - wahr oder nicht -, lesen sich wie eine Jerry-Springer-Show: sturz betrunken locker geschlagene Zähne, Drogen, gegenseitiges Verfluchen, verstörtes Hocken in Hotelaufzugschächten, Bluthusten auf Flitterwochen in der Karibik. Ihr Backstage-Alkoholkonsum wird auf die Flasche festgehalten. Ihr Gewicht schwankt in der Presse wie ein Börsenkurs.

In ihrem Hit "Rehab" (aus dem zweiten Album "Back to Black") erzählt Winehouse selbst, wie es zwischen ihr und ihrem Management steht. Sagt Ihr Management: "Du musst in den Entzug." Sagt sie: "No, no, no." Im Timing und der vorgetragenen Vehemenz ihrer Verweigerung steckt Amy Winehouses Witz, ihre Ehrlichkeit und ein geradezu altmodischer Stolz.

Kein Abziehbild einer Norah Jones

Wenn sie dann, wie schon vorgekommen, unter improvisierten Umständen plötzlich vor einem Mikrofon sitzt, verschmelzen diese Ungereimtheiten zu etwas, das größer ist als die Summe ihrer Teile: Dann hockt da - leicht vorstehendes Gebiss, Schlauchjeans mit ärmellosem T-Shirt und Billig-Ballerinas, kleines Mädchen mit auftoupierten langen, schwarzen Haaren sowie Kajalaugen, die aussehen, als hätte Kleopatra einen schlechten Tag erwischt - plötzlich eine Künstlerin, die mit der Abziehbildgrazie einer Kylie Minogue oder Norah Jones nichts zu tun hat. Amy Winehouse wurde im Londoner Norden nahe der U-Bahnstation Southgate groß. Geduckte, vom Dauerverkehr verschmutzte 30iger Jahre Häuser, mit blickdichten Gardinen vor den Fenster und Auto vor der Haustür, liegen an fußbreiten Bürgersteigen. Dort sind viele jüdische, zypriotische, italienische und irische Einwanderer, die über zwei, drei Generationen längst Londoner geworden sind, zu Hause. Der Vater Taxifahrer, die Mutter Pharmazeutin, wuchs Amy Winehouse mit der Plattensammlung ihrer Eltern auf. Väterlicherseits existieren zwei Jazzmusiker-Onkel, mütterlicherseits eine Großmutter, die mit dem legendären Jazzclub-Inhaber Ronnie Scott irgendwann liiert gewesen sein soll. Mit 13 gründete Amy Winehouse mit einer Freundin die Hip-Hop-Band "Sweet and Sour" ("Wir waren die jüdische Version von Salt 'N Pepa"). Mit 16 nahm sie eine Plattenfirma unter Vertrag, nachdem ihr Demotape von einem Freund an die richtigen Leute weitergereicht worden war. 2003 debütierte sie mit dem jazzigen Popalbum "Frank". 2006 kam das soulvollere "Back to Black" heraus und war monatelang Verkaufsalbum Nummer eins in England.

Obwohl Jazzgesang bekanntlich nicht massenkompatibel ist, hat die breite englische Masse nicht aufgehört, ihr hauseigenes Soulwunder zu kaufen, trotz oder wegen vergeigter Auftritte und Skandalgeschichten. Ihr Mobo-Auftritt sollte allen beweisen, dass die Ankündigungen der Plattenfirma "Amy kehrt wieder ins Studio zurück, Amy lebt gesünder, Amy geht wie geplant auf Tour" keine Beschwichtigungstaktik sind. Da stand sie, murmelte irgendein unhörbares "thank you", hielt sich fast gerade hinter ihrem Mikro, sang zwei Lieder mit steinernem Ausdruck - und klang gut wie immer. Dann zog sie etwas nervös an einer Haarsträhne und ging. Nachher hieß es: "Schwach", "Sturz betrunken" und "Konnte ihren Text nicht". Und schließlich hieß es: "Sollte jemand wie Amy Winehouse überhaupt einen Preis gewinnen?"

Wir wünschen uns, dass Amy Winehouse die Kurve kratzt und im Oktober wie geplant nach Deutschland kommt. Aber vielleicht wünscht man ihr auch nur, dass sie bekommt, was sie will. Das weiß Amy Winehouse wahrscheinlich selbst nicht. Weshalb ihr Gesang besser ist als das Meiste.


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