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Andrea Berg: Die Berg ruft

Die Schlagersängerin Andrea Berg verkauft Millionen CDs und lockt bis zu 10.000 Menschen in ihre Konzerte. Eine Nacht unterwegs mit dem heimlichen Superstar der deutschen Provinz

Von Hannes Ross

Es ist nicht immer leicht, Andrea Berg zu sein. Heute ist wieder so ein Tag. Da hat sie sich diese weiße Stretchlimousine ausgeliehen. Nur so zum Spaß, wie sie betont. Der Wagen ist sieben Meter lang und hat schwarz getönte Scheiben, einen Kühlschrank und einen Fernseher. Ein schwer lenkbares Raumschiff, das sich jetzt durch die engen Gassen von Schwerin quält. Drinnen sitzt Andrea Berg auf einer weißen Lederbank und schaut hinaus in den verregneten Abend. Sie lächelt. Vielleicht denkt sie gerade, dass das Leben gar nicht so schlecht ist. Andrea Berg war mal Arzthelferin, heute ist sie eine der erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands. Nur weiß das fast niemand. Und zeigen darf sie es auch nicht.

Die Stretchlimousine fährt auf einem Schleichweg zur Stadthalle in Schwerin. Kein Fan soll sie in einem Luxusschlitten sehen. Andrea Berg weiß, dass ihre Welt so übersichtlich und bescheiden bleiben muss wie die ihrer Anhänger. Ein paradoxes Erfolgsgeheimnis. Klein bleiben, um groß zu werden.

Fast unbemerkt ist die 42- jährige Krefelderin zum Massenphänomen geworden. Zu einem Superstar der schweigenden Mehrheit. Mit ihrer "Best of "-CD thront sie seit mehr als 320 Wochen in den deutschen Albumcharts. Damit hat sie die bisherigen Rekordhalter, die Beatles, abgelöst - und das mit Schlagern über klare Sternennächte und süßen Wein. Mehr als sieben Millionen CDs hat sie verkauft. "Andrea könnte Stadien füllen. Sie singt aber lieber dort, wo es die Menschen zu schätzen wissen", sagt Eugen Römer, ihr Produzent und Manager, der sie 1992 durch ein Demo- Tape entdeckte.

Karnevalsstimmung hinter den Kulissen

Drinnen in der Schweriner Stadthalle riecht es nach ein paar Hundert Frauenparfüms, die sich zu einer betäubenden Duftwolke vermischt haben. 700 Fans kamen vor fünf Jahren, heute drängeln sich 7000 vor der Bühne. Es herrscht Volksfeststimmung. Aufgekratzte Frauen-Gruppen trinken sich mit Whisky-Cola aus Pappbechern warm, andere sind mit der ganzen Familie angerückt. Basisarbeit in der Provinz. Neulich spielte sie in Görlitz in Sachsen. Die halbe Stadt war beim Konzert. Der Bürgermeister schickte Streifenwagen durch die Straßen aus Angst vor Einbrüchen. War ja niemand zu Hause.

Hinter der Bühne in Schwerin sitzt Andrea Berg in einem Raum, der an das Verhörzimmer in einem osteuropäischen Spionagefilm erinnert. Karge Betonwände, kahler Tisch und ein paar Klappstühle. Andrea Berg ist eine Frau, die Ruhe nur schwer ertragen kann. Sie hält ihre Entourage, bestehend aus einem Stylisten, einem Privatpiloten, einer Freundin, einem Lichtmann, einem Tourmanager und vier Bodyguards, mit rheinländischer Trinkgeselligkeit auf Trab. "Ihr könnt alle Jackie trinken. Na, los! Ich trink mal einen Sekt. Ach, nee! Ich nehm auch mal einen Jackie. Mit Cola. Wer macht mir einen Jackie mit Cola? Hansi, mach mal bitte!" Der Hansi, das ist Johannes Möllerring, ein kleiner Mann mit Brille, Tourmanager und Mädchen für alles. Eilig füllt er einige Plastikbecher mit Jack-Daniel's- Whisky und Cola. Man muss trinkfest sein, wenn man mit dem Andrea-Berg-Clan unterwegs ist. Hinter den Kulissen dieser Welt herrscht an 365 Tagen im Jahr Karnevalsstimmung.

Ein paar Minuten später tritt die Schlagersängerin in ihrem Bühnenoutfit vor die Tür. Hochgeschnürte kniehohe Lederstiefel, schwarze Strapse, Minirock und ein Dekolleté mit Bierzelt-Oberweite. Neulich bekam sie einen Brief von einer Frau, die empört von ihrem Auftreten war. "Wie eine Nutte" und "für Ihr Alter viel zu stark geschminkt". Das hat Andrea Berg schwer getroffen. Tagelang hat sie sich den Kopf zerbrochen, wie es sein kann, dass es Menschen gibt, die sie nicht mögen. Sie tue doch nur Gutes, und im Gegenzug wolle sie nur eins, "dass mich die Menschen lieb haben". Viele ihrer Sätze enden damit, dass sie einfach nur lieb gehabt werden will. So reden viele Schlagersänger daher, von Harmonie, Liebe und Glückseligkeit. Der Unterschied ist nur: Für Andrea Berg ist das keine Phrase. Sie meint es wirklich so. Jeden Monat bekommt sie ein paar Hundert Fan-Briefe. Sie liest alle. Manche Briefe legt sie sich zurück, um sie von Zeit zu Zeit wieder herauszuholen. Da schreiben Menschen, wie die Schlagermusik ihnen über eine Scheidung, eine schwere Krankheit und den Verlust eines Jobs hinweggeholfen hat. Andrea Berg hat daraus den Schluss gezogen, dass in ihr etwas Größeres stecken muss. "Ich glaube daran, dass meine Musik auch therapeutische Wirkung hat." Sie braucht diese Bedeutsamkeit für sich. Das Gefühl, mehr zu sein als eine Schlagersängerin, hat sie ganz nach oben gebracht. Es ist ihr Antrieb, sich immer wieder auf die Bühne zu stellen. Fast jedes Wochenende, seit mehr als 15 Jahren. Und trotz des wachsenden Erfolges hat sie nie vergessen, wo ihre Stärke liegt. Die Provinz ist Berg-Land, nicht die Großstadt.

Generation 50 plus

In Schwerin besteht Andrea Bergs ambulante Musiktherapie darin, sich für jeden Bewunderer etwas Zeit zu nehmen. Hinter der Bühne warten zwei Fan-Klubs und etwa 30 andere Menschen, die auf ein Autogramm, ein Erinnerungsfoto oder ein paar nette Worte hoffen. "Na, kommt mal näher ran. Nicht so schüchtern, meine Herren!", ruft Andrea Berg zwei älteren Männern von der örtlichen Feuerwehr entgegen, die sich an die Wand drücken. Die Feuerwehrmänner schaffen es nicht, beim Erinnerungsfoto in die Kamera zu schauen. Die Blicke bleiben im Dekolleté hängen. Einer von ihnen sagt: "Die Andrea Berg ist eine sehr reizvolle Frau." So etwas hat es vorher nicht gegeben, sie hat eine Lücke gefüllt, von der man gar nicht dachte, dass es sie gibt. Andrea Berg ist das Sexsymbol der Generation 50 plus. Das Pinup- Girl für die Riester-Rentner. Durch die Halle in Schwerin rollt plötzlich eine Jubelwelle des Publikums. Die Musik startet, und Andrea Berg singt. Na ja, nicht wirklich. Sie steht noch hinter der Bühne und lutscht einen Hustenbonbon. Nur das Playback läuft. "Oh, da habe ich wohl meinen Einsatz verschlafen", sagt sie, stöckelt mit wackeligen Schritten die Stufen zur Bühne hinauf und beginnt zu singen. Dem Publikum ist es egal. Verpatzter Einsatz und Musik vom Band, das sind Nebensachen. Was zählt, ist, dass sie, "die Andrea", gekommen ist. Im fünften Jahr hintereinander. Ins Niemandsland der Unterhaltung. In die Schweriner Stadthalle, wo sonst das "Sportfest für Großeltern und Enkel" stattfindet. 7000 Gesichter strahlen. Dankbar und glückselig.

"Das Wichtigste im Leben ist", sagt Andrea Berg und macht eine bedeutsame Pause, "dass man eine Schulter zum Anlehnen hat. Das Schlimme ist nur, dass man die Liebe nicht einsperren kann." Bei diesen Worten kullern Tränen im Publikum. Paare liegen sich in den Armen, Mütter umklammern ihre Kinder, und die Männer starren wie hypnotisiert zur Bühne hinauf, wo eine Frau in Strapsen und Minirock von ihrer unstillbaren Sehnsucht nach Liebe singt.

Die liebesbedürftige Frau, die tapfer kämpft für das Glück - darum geht es in all ihren Liedern. Die Fans glauben zu wissen, dass da eine Frau von den Schicksalsschlägen ihres Lebens erzählt. Rührselige Liebesbeichten bei Beckmann oder Kerner, Homestorys in "Bunte" oder "Gala" hat sie nicht nötig. Die Marketing- und Klatsch-Verwertungskette haben die unzähligen Fan-Klubs selbst übernommen. Viele Anhänger pilgerten vergangenen Juni zur Hochzeit der Schlagersängerin mit Uli Ferber, einem schwäbischen Sportmanager und Hotelier aus Kleinaspach bei Stuttgart. Wenig später standen die ersten Bilder auf den Fan-Klub-Seiten im Internet. Das Brautpaar in einer mit rosa Rosen geschmückten Hochzeitskutsche.

"Erlebnistage mit Andrea Berg"

Für ihre Plattenfirma ist Andrea Berg ein finanzieller Glücksfall. Ein Star, den sich das Publikum selbst ausgesucht hat. Der Volksgeschmack siegt übers Marketing. "Man kann sich Andrea Berg beim besten Willen nicht ausdenken", sagt Jörg Hellwig, Chef ihrer Plattenfirma. Wer Andrea Berg einmal erlebt hat, der weiß, wie viel Wahrheit in diesem Satz steckt.

Inzwischen funktioniert das System Andrea Berg wie ein geschlossener Kreislauf, der ganz ohne Werberummel der Plattenfirma immer erfolgreicher wird. 10.000 Menschen kamen im vorigen Jahr zu einem Konzert nach Kleinaspach, wo Andrea Berg mit ihrem Mann das Ferienhotel "Sonnenhof " betreibt. Dorthin lädt die geschäftstüchtige Schlagerarbeiterin zu "Erlebnistagen mit Andrea Berg" ein. Wanderung, Sauna und Tanzabend inklusive.

Es ist spät geworden in Schwerin, bald zwei Uhr nachts, und Andrea Berg sitzt mit ihrer Entourage in einem Hotel-Restaurant. Müde sieht sie aus, erschöpft und abgekämpft, vor ihr steht ein großes Cocktailglas mit Caipirinha. Knapp zwei Stunden lang hat sie zuvor noch Autogramme gegeben, Poster signiert und für Erinnerungsfotos gelächelt. Sie verschwindet nicht, bevor auch der letzte Fan zufrieden ist. "Wenn die Leute für ein paar Stunden den Ärger in ihrem Leben vergessen können, dann habe ich mein Ziel erreicht. Deshalb mache ich das alles."

Draußen vor dem Hotel steht die weiße Stretchlimousine. Andrea Berg sagt, die Fahrt in dem Wagen habe Spaß gemacht, aber noch einmal würde sie es nicht tun. Es ist nicht immer leicht, Andrea Berg zu sein. Heute war wieder mal so ein Tag.

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