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Gattin des Bundespräsidenten a.D.: Was steckt hinter der Promille-Fahrt der einstigen First Lady Bettina Wulff?

Mit 36 wurde Bettina Wulff "First Lady", vielleicht die coolste, die Deutschland je hatte. Sie blieb es nur 598 Tage lang. Seit ihrer Promille-Fahrt ahnen wir: Etwas ist bei ihr aus der Spur geraten.

Bettina Wulff: Was steckt hinter ihrer Promille-Fahrt?

Bettina Wulff – Gattin des Bundespräsidenten a. D., heute PR-Frau mit Ehrenämtern

Die Autofahrerin "Girl", 1,60 Meter groß, 55 Kilo schwer, schreibt im Netz: "Vor kurzem fuhr ich nach einer Feier gegen eine Wand. Bluttest ergab 2,2 Promille. Sonst trinke ich aber wenig." Sie erhoffe sich Tipps für die MPU. Anonyme Experten des Forums "Verkehrsportal" reagieren prompt: "Definiere mal wenig!" "Alle zwei bis drei Tage zwei Bier", antwortet "Girl". Da stöhnt ihre Fahrgemeinschaft laut auf: "Um 2,2 Promille überhaupt zu erreichen und bei dem Wert nicht schnarchend unterm Tisch zu liegen", brauche man neben "ordentlichem Konsum auch eine vorher antrainierte Alkoholtoleranz", schreibt Ilam. Oder wie Kai R. meint: "Wer so viel verträgt und noch fahren kann, der hat geübt."

Die Frage ist nun, wie konnte das, was "Girl" passierte, einer früheren Bundespräsidentengattin und zweifachen Mutter, einer Ehrenamtlerin, Fahrradhelmträgerin und kirchenaktiven Protestantin passieren? Warum setzte sich Bettina Wulff, 44, an einem Montagabend mit über zwei Promille in ihr Porsche-SUV und kachelte auf einer Landstraße zwischen Hannover und Burgdorf gegen einen Baum?

"Lüttje Lage"

War es ein Abend, an dem man nicht "Nein" sagen konnte und erst mit dem einen eine "Lüttje Lage" kippen musste und dann mit dem anderen? Für Nicht-Niedersachsen: "Lüttje Lage" ist dieses dunkle Traditionsgesöff, Schnapsglas mit dem Finger vors Bierglas geklemmt, damit der Klare ins Bier läuft, wenn man den Kopf in den Nacken legt. Oder war es eines dieser Schwere-Weine-Essen, bei dem sich einige mit der schönen Frau des früheren Bundespräsidenten schmücken wollten und andere deren Rat als PR-Expertin suchten? Man trinkt drei, vier Gläser Bordeaux und merkt erst beim Aufstehen: Hui, war wohl doch ein bisschen viel. Aber ein Taxi rufen? Wie sieht das denn aus! Außerdem müssen die Kinder anderntags vielleicht zum Sport chauffiert werden – klar kann ich fahren!

War es so? War sie überhaupt von Hannover nach Hause unterwegs, oder vielleicht umgekehrt? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Sie hat nun laute Schlagzeilen am Hals, in denen sich die Wörter "Sufffahrt" und "Idiotentest" (MPU) auf der Rennstrecke gegenseitig überholen.

An diesem Baum soll die 44-Jährige entlanggeschrammt sein, als sie von der Bahn abkam

An diesem Baum soll die 44-Jährige entlanggeschrammt sein, als sie von der Bahn abkam

Bettina Wulff ist eine Frau, die sich ihr Leben in den vergangenen sechs Jahren geräuschlos zurückgeholt hat. Ein Leben, das sie 598 Tage lang auslagern musste auf rote Teppiche vorm Schloss Bellevue, bei Small Talks mit Emiren und Staatsbesuchen in der Kita. Sie bewahrte es vom Tag der Bundespräsidentenwahl im Jahr 2010 in einer immer enger werdenden Kammer ihres Herzens auf – für die Zeit danach. Die damals 36-Jährige war die jüngste "First Lady", die Deutschland je hatte, "German Traumfrau", schwärmten ausländische Designer. Sie strahlte für uns wie Welfengold und stand neben dem Präsidenten wie eine Säule im Tal der Könige. Selbst als ihr Mann im Februar 2012, seiner Ehre und Ämter entzogen, zurücktrat, gab sie die über sich selbst Hinausgewachsene im schicken Schwarzen von Rena Lange. Alle Vorwürfe der Vorteilsnahme und des Werweißwas klebten an ihm. Sie wirkte kühl, unberührt und so erleichtert, dass Christian Wulff neben ihr wie ein Topflappen erschien. Und genau das war auch die Arbeitsteilung nach der Amtszeit: Sie, die samtäugige Schmerzensfrau. Ein Wesen, dem etwas angetan worden war. Und er, der, der als Bundespräsident gescheitert war. Der nicht tanzen konnte, der fleischgewordene Leitz-Ordner, einer, der Saft und Milch trank. Ein Mann, über den seine Ehefrau kurz nach dem Rücktritt in ihrer Autobiografie schrieb: "Irgendwie fehlten da ein paar Ecken und Kanten, etwas Besonderes und Eigenes." Das befanden Kritiker übrigens auch über ihr Buch, das in feinsten Verrissen gefeiert wurde.

Erschöpft und traurig

Kleine Erinnerung an den ebenfalls gar nicht leichten Anfang als Präsidentengattin: Bettina Wulffs Leben wurde, kurz nachdem ihr Schreibtisch im Schloss Bellevue eingerichtet und der Älteste eingeschult war, sogleich überschattet. Die Suchmaschine Google verquickte damals ihren Namen automatisch mit Rotlicht-Attributen. "Escort" war der berühmteste unter ihnen. Das entsetzte Paar wusste zunächst nicht, wie es sich gegen die Gerüchte wehren sollte, und schwieg tapfer. Aber von jenem Moment an vermutete Bettina Wulff hinter beinahe jeder Journalistenstirn einen Rufmord oder eine Recherche zu ihrem angeblichen "Vorleben". Und oft hatte sie recht. Sie ertrug daraus resultierende Magenschmerzen und Kotzübelkeit nach dem Motto: Frau Wulff erleidet manche Pein, doch ihre Tränen trocknet sie allein. Nur ab und zu ließ sie die Verachtung, die sie für die "Meute" empfand, im mokanten Zucken ihrer Mundwinkel erkennen.

Manche sagten nach dem Rücktritt über Bettina Wulff, sie sei mit ihrem Mann im Aufzug nach oben gefahren und im Penthouse einfach ausgestiegen. Aber das stimmt nicht. Das Leben einer Politikergattin mit Repräsentationsaufgabe, das Hochschießen und Runtersausen des Lifts muss für sie eine traumatische Erfahrung gewesen sein, sie war wie er im Tiefparterre angekommen. Erschöpft und traurig.

Rut und Willy Brandt seien am Ende "in Sprachlosigkeit erstarrt", sagt ein Sohn

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Ganz früher in Hannover noch war sie alleinerziehend, sportlich zur Arbeit geradelt und frei. In Berlin dagegen fühlte sie sich dauernd unter Kontrolle. Auf Reisen schliefen die Personenschützer sogar nebenan. Kein eigenes Einkommen mehr, arbeiten für die Ehre, jedes Kleid ein Kommentar in der "Gala", jeder schräge Blick ein Foto in "Bild" und jeder Satz eine Gratwanderung.

Anfangs schien es, als bekomme sie all das hin. Als genieße sie das Anstoßen mit hochbeinigen Schampus-Gläsern in Banketträumen und Palästen sogar, die Roben, die Aufmerksamkeit, das Raunen, wenn sie einen Saal betrat, und auch das Treffen mit Michelle Obama und dem Papst. Auch die Bewunderung ihres Mannes, der sein Glück über diese schöne Frau mit dem Tattoo auf dem Oberarm auch nach Jahren noch nicht zu fassen schien, nahm sie dankbar hin. Man konnte der Frau aus Großburgwedel nach seiner Vereidigung regelrecht beim Wachsen zusehen. Sie wurde praktisch über Nacht präsidial – und das mit zwei kleinen Kindern! Nein, sie machte Deutschland keine Schande. Sie funktionierte, wie sie es alle tun und taten, die Präsidenten- und Kanzlergattinnen.

Trennung im Januar 2013

Manchmal weine sie in das Fell ihres Hundes, hatte Hannelore Kohl einmal einem Journalisten anvertraut, nachdem ihr Mann erst Ministerpräsident und später Kanzler geworden war. Als ihr beschauliches Leben plötzlich ganz anders verlief als geplant. Einsamer, enger. Er in Bonn, sie in Oggersheim. Man nannte sie "Barbie aus der Pfalz", wenn sie irgendwo auftrat. Sie rauchte heimlich. Hannelore Kohl war nie glücklich in ihrer Rolle als Kanzlergattin. Erst am Ende fand sie mit eigenen Charity-Aufgaben und einer Uniform aus Lackschuhen und Kostüm ihren Platz in seinem Kosmos. Als sie sich 2001 das Leben nahm, hieß es, sie habe ihre Lichtallergie nicht länger ertragen. Journalisten diagnostizierten Depressionen. So wie sie früher fragten: "Trinkt die?", wenn Hannelore Kohl auf Parteiabenden mal ausgelassen war und lebhaft. Hannelore Kohl wollte wohl oft nur gute Miene zu einem Spiel machen, das nicht das ihre war und nie das ihre sein würde.

Loki Schmidts Rat an Ehepaare war: "Getrennte Schlafzimmer!" Helmut nahm das wörtlich

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Wie Loki Schmidt. Aus Staatsräson oder aus welchem Grund sonst stand die zu ihrem Mann Helmut wie eine eiserne Lady auch dann noch, als sie ahnte und in seinem Umfeld beinahe jeder wusste, dass er sich eine Geliebte hielt? Aber Loki mit Pillbox-Hütchen und Bubikragen lachte weiter für Deutschland. Man dachte: eine Jahrhundertehe!

Oder Rut Brandt. War sie glücklich an der Seite von Willy? Gewiss nicht mehr, als er Kanzler war. Heimliche Frauengeschichten und verheimlichte Depressionen. Rut Brandt ließ sich nichts anmerken. Auch sie lächelte für ihn, für Deutschland. Dabei gab es damals noch gar kein Facebook, kein Twitter und Instagram.

Bettina und Christian Wulff versuchten nach dem Sturz im Februar 2012 ihr altes Leben in Großburgwedel wieder aufzunehmen. Aber es gelang ihnen nicht. Nicht hinter den abgesicherten Fenstern ihres Klinkerhauses. Nicht gemeinsam. Im Januar 2013 trennen sie sich. Viele Ehe-Therapie-Sitzungen waren dem vorausgegangen. Die Wunden, Vorwürfe und Enttäuschungen über das Erlebte waren offenbar zu tief. Man wusste nicht, wen man mehr bedauern sollte – sie oder ihn.

Hannelore Kohl litt still an allem, was ihr Kanzlersmann am Politikbetrieb besonders liebte

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Bettina Wulff will für ihren Fehler geradestehen

Bekanntermaßen haben sie sich zwei Jahre später dann aber wieder zusammengerauft. Die Scheidung wurde im letzten Moment gestoppt, die Wiedervereinigung im Oktober 2015 mit einer kirchlichen Hochzeit gekrönt. Wulff war von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Sie bauten ein neues Haus. Google löschte 43 einschlägige Namenskombinationen zu Bettina Wulff, nachdem die zwei Jahre lang juristisch gegen den Internet-Riesen vorgegangen war. Bettina arbeitete ehrenhalber im Sozialen und gegen Bezahlung als PR-Frau. Alles gut also.

Wirklich? Alles? Gut?

Die Porsche-Fahrerin Wulff hat nach ihrer Sause ausrichten lassen, sie habe "einen Fehler gemacht" und sie werde "für ihn geradestehen". Was auch sonst? Es ist das, was die ehemalige First Lady lange genug geübt hat – und kann.

Bettina Wulff
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