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BORIS BECKER: Geplatzte Träume

Bei seinem ersten Auftritt als Einzelspieler seit 1999 stolperte Boris Becker über den eigenen Ehrgeiz. Auch eine friedliche Wiedervereinigung der Familie scheint nicht in Sicht.

Man hört ja oft, dass der erste Tag im Seniorensitz kein schöner Tag sein soll. Jemand führt einen herum, zeigt, wo die Toiletten sind, aus der Großküche weht der Duft von Essen auf Rädern, und an der Rezeption muss man dann einer Schwester Helga sagen: »Guten Tag, ich bin der Neue.« Wirklich kein schöner Tag, und aus Altenheimen weiß man, dass die Neuen erst mal allen erzählen, dass sie hier noch gar nicht hergehören, weil sie doch noch gar nicht alt sind, und die ersten Tage das lustige Seniorenturnen schwänzen und böse Gesichter machen.

In etwa so ein böses Gesicht, wie es Boris Becker machte, als er am vergangenen Donnerstag im österreichischen Graz seinen ersten Auftritt in der Onkel-Liga des Welttennis hatte und statt als Youngster unter fröhlichen Greisen zu triumphieren, verbissen und verletzt beinahe scheiterte. Es hatte dem 33-Jährigen gefallen, dass manche das Turnier auf dem Dach des Grazer Kaufhauses Media-Markt zu Beckers Comeback hochschrieben. In Wahrheit war es Beckers erster Tag im Altenheim.

Eine gelassene »Weißt du noch, damals«-Truppe

Dabei hätte es so gemütlich werden können. Seit Jahren tourt die »Delta Tour of Champions« als Teil der ATP-Senioren-Tour um die Welt, um ehemalige Tennis-Titanen wie Björn Borg, Pat Cash, Yannik Noah oder Andres Gomez noch mal vor Zuschauern spielen zu lassen, die das Dargebotene gerne sehen wollen. Eine gelassene »Weißt du noch, damals«-Truppe, die gutes Geld kassiert und technisch immer noch hochwertiges Spaß-Tennis bietet.

Auch die Verpflichtungen, nicht nur auf dem Platz, sondern auch auf diversen Galas und Spielerparaden in der Provinz herumzustehen und der Frau des Autohausbesitzers oder dem Schwiegersohn des Bürgermeisters einmal eine richtige Vorhandhaltung zu zeigen und sich, wie in Graz, auf der Bühne Trachtenanzüge und Tirolerhüte anziehen zu lassen, ertragen die Veteranen tapfer und mit kleinem Lächeln. Becker, der Neue, nicht.

Seit Wochen hatte er in Florida und auf Mallorca für seinen Wiedereintritt ins Turnierleben trainiert, manchmal sechs Stunden am Tag. Vieles wollte er der Welt vorführen - den von ihm mitentwickelten Völkl-Schläger, seine, man muss befürchten, auch mitentworfene »BB-Kollektion« im Bermuda-Look und vor allem sich selbst in einem Revier, in dem sich Becker immer noch für unbesiegbar hält. Nach dem Eheunfall und dem ungewollten Londoner Baby, nach der Pleite seiner Internetfirma »Sportgate«, seinem Scheitern als Tennisvater des Mercedes-Junior-Teams und millionenhohen Steuerforderungen war es wie ein Rudern zurück ans Licht, wieder auf die Bühne, die ihn berühmt machte.

Oder wie Becker, der gern in Immobilien formuliert (»Wimbledon ist wie mein Wohnzimmer«), auf dem Dach des Media-Marktes sagte: »Schön, wieder zu Hause zu sein.« Darauf, dass es sein erster großer Antritt nach Wimbledon 1999 war, nach der Nacht, in der er »in fünf Sekunden« ein Baby zeugte, wollte er partout nicht angesprochen werden. Und auch jede andere Abschweifung, sogar jede noch so harmlose Frage nach seinen modischen Versuchen mit der »BB«-Kollektion, verbat sich der Oldie-Neuling mit kurzen, mauligen Worten.

Die Rolle des Veteranen-Leitwolfes

Angenehm war es dann schon, in die Rolle des Veteranen-Leitwolfes gedrängt zu werden. Ja, er werde sich dafür einsetzen, dass auch Stefan Edberg und, warum nicht, auch Michael Stich der Onkel-Liga beitreten und überhaupt, er wolle sich engagieren, dem Spaß-Club neuen Drive zu verpassen, sagte er und tat es. Oder versuchte es.

Ein wenig verkniffen und in der Pose des alten Aufschlag-Killers drosch der Baron im ersten Match dem lässigen Althelden Björn Borg vor 4000 Zuschauern zunächst die Bälle so um die Ohren, dass man glaubte, der 45-jährige Schwede müsse gleich kapitulieren. Doch »Eis-Borg« ließ sich nicht irritieren und retournierte gekonnt, wenn auch nicht mehr so blitzschnell wie einst, still wissend, dass der Becker-Dampf bald zum Krampf im Muskel führen würde, was er auch tat, und damit zum vorzeitigen Ende der Dienstfahrt. Becker selbst fand kaum Worte für sein vorläufiges Ende, wollte er doch hier alle Matches gewinnen. Und zwar hoch.

Kurz machte auf den Tribünen das Gerücht die Runde, dass auch Oldie Pat Cash verkündet habe, den Becker auf den Grund zu spielen, und nun die Verletzung einen Showdown alter Jungs verhindern sollte. Cash dementierte jedoch solche taktischen Spiele unter Senioren. Dennoch schüttelten manche der Altstars den Kopf angesichts der Bugwelle, die Boris Becker vor sich herschob. »Ich kann mir nicht leisten, drei Spiele in Graz zu verlieren, das würde nicht zu mir passen. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, aber es ist wichtig für mich«, hatte er zuvor gesagt.

Angereist mit Bodyguard, Masseur und Mediengewitter, schien der Baron die Ruhe der Show zerstören zu wollen. Schon am ersten Abend ließ er die Bar seines Hotels sperren, um mit den Freunden unter sich zu sein. Doch auch die Versuche Yannik Noahs, den Tennis-Rasputin auf kleinere Betriebstemperatur zu bekommen, schlugen fehl. »Er hat sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt. Es ist einfach zu viel für ihn. Ich habe mich stundenlang mit ihm unterhalten, und er hatte keine Ahnung, wie diese Veranstaltung funktioniert.«

»In Deutschland versuchen sie wirklich, überall Dreck zu finden.«

Und die Medienlawine, all die Reporter, die Becker schon am Flughafen mit Fragen nach Babs und London-Baby beschossen? »Es ist schon hart für ihn, in Deutschland versuchen sie wirklich, überall Dreck zu finden. Aber ein bisschen genießt Boris auch die Aufmerksamkeit. Er mag es irgendwie, glaube ich«, sagt Yannik Noah, der heute zwei Zigaretten hintereinander raucht, zwei doppelte Espressi stürzt und auf den Platz geht und Andres Gomez begrüßt, der sich bei 37 Grad mit einem kühlen Bier in Spielform bringt.

Beinahe weise äußern andere wie Pat Cash Mitgefühl: »Wenn man, wie Becker, Erfolg haben will, auch geschäftlich, dann muss man an die Öffentlichkeit. Und Boris hat ja viele geschäftliche Interessen. Aber man kann nicht gleichzeitig ein abgeschottetes Privatleben haben, das geht meistens schief. Man sollte allerdings auch nicht mit einem Haufen Bodyguards durch die Gegend laufen, das fällt immer auf.«

Den Grazer Becker-Wahn hatten im Vorfeld noch österreichische Boulevardblätter mit Meldungen angeheizt, dass Ex-Frau Barbara erstmals wieder auf der Tribüne mitfiebern werde. Mehr noch, nach den Urlaubsimpressionen einer heilen Strandfamilie Becker waren Gerüchte, die geschiedenen Partner planten eine baldige, friedliche Wiedervereinigung, wie Heißluftballons in den Nachrichtenhimmel geschwebt.

»Liebes-Return?« Von Barbara Becker, die angeblich in der Arnold-Schwarzenegger-Suite des Hotels Wiesler auf den verschwitzten Helden warten würde, keine Spur. Sie weilte nach zweimal drei Wochen Familienurlaub im freiwilligen Dauer-Exil in Miami, die Mutter war zu Besuch, und man versuchte, sich vom Ferienstress zu erholen.

Aussichten auf Neuhochzeit?

Schließlich, so hieß es, waren die Wochen in der Karibik und auf Mallorca keineswegs Wochen der wiedererwachten Zuneigung, sondern um einer friedlichen Koexistenz willen verabredet. Es ging darum, die scheidungsvertraglich zugesicherten Ferientage des Vaters mit seinen Kindern über die Zeit zu bringen. Wer bei Boris' US-Anwälten nachfragte, ob Aussichten auf Neuhochzeit bestünden, musste sich die Ohren zuhalten, so laut war das Kanzleigelächter. Ganz Vertraute unkten, dass die millionenschwere Ex-Frau ihre Ferien jetzt erst beginne.

Die Becker-Börse steigt wieder

Dennoch, ganz so schmerzhaft wie die Muskelverhärtung, die Becker in Graz zeitweilig aus dem Rennen warf, steht die Becker-Börse nicht mehr. Schätzungsweise mehrere 100.000 Mark Antrittsgeld konnte er mit nach Hause nehmen. Sein neuer Schläger, der »Qantum 10 Tour«, ist inzwischen auf Platz eins der meistverkauften Völkl-Tennis-Rackets. Firmen-Geschäftsführer Udo Münster: »Die Rückkehr Beckers wird den Schägerverkauf zweifellos weiter puschen.« Ob das auch für die ausgerechnet tiefschwarzen T-Shirts der »BB«-Kollektion gilt, die sich der Altstar in Graz bei 37 Grad auf den verschwitzten Körper zog, bleibt abzuwarten.

Am Sonntag jedenfalls suchte der Champ eiligen Freigang vom Altersheim und flog in der Früh zum Formel-1-Grand-Prix nach Budapest, um an der Seite des vorzeitigen Weltmeisters Michael Schumacher gesehen zu werden. Siegerluft, wenn auch nicht die eigene, hält eben jung.

Autoren: Jochen Siemens/ Jens Fritzenwalder

Mitarbeit: Jörg Allmeroth