Bundespresseball Wenn das politische Berlin singt und lacht


Neu-Kanzlerin Angela Merkel und Herr Sauer haben das gesellschaftliche Ereignis dieser Woche geschwänzt: den Bundespresseball. Gefeiert hat der Berliner Medien-Zirkus dennoch kräftig - nun eben mit den SPD-Ministern.
Von Florian Güßgen

"Spaßbremse", mag mancher der hämischen Hauptstadt-Journalisten gedacht haben, weil sie einfach geschwänzt hat, die Frau dieser Woche. Neu-Kanzlerin Angela Merkel hat sich einfach erlaubt, dem Bundespresseball, dem gesellschaftlichen Event dieser Tage, fernzubleiben. Merkel hat etwas verpasst, denn das politische Berlin hat Freitagsabend unter Beweis gestellt, dass es sich auch ohne Merkel prächtig amüsieren kann. Rund 2500 Gäste waren es, die ins Berliner Hotel Intercontinental kamen - die Herren im uniformen Smoking, die Damen im meist knöchellangen Abendkleid - und nach dem Eröffnungswalzer von Bundespräsident Horst Köhler bis in die Morgenstunden feierten.

Zwischen Saal Potsdam und Library Bar

Der Presseball ist gemeinhin ein Spaß, weil das Parterre des "Interconti", wie der Kenner das Hotel nennt, sich so wunderbar in eine Meile von kleineren und größeren Sälen, Kammern, Hinter- und Vorderzimmern, Podien und Separées verwandelt, vom großen Saal "Potsdam" bis hin zur kleinen, wohligen "Library Bar", in der sich die Mächtigen mit Zigarre mächtig und die Ohnmächtigen mit Zigarre zumindest ein bisschen mächtig fühlen dürfen. Es ist eine Meile zum Flanieren, zum Gucken, zum Entlangschlendern. Immer wieder. Versorgungsstationen gibt es zuhauf, in allen Varianten. Für Bier, für Wein, für Sekt, für kleine, exquisite Häppchen die in kleinen, exquisiten Schälchen gereicht werden und die dann absurde Namen tragen, die fast immer durch die Qualifikation "Espuma" (Schaum), "Mousse" oder "Parfait" veredelt werden. Es gibt ein Schoko-Fondue und ab Mitternacht der Berliner Folklore geschuldete Curry-Wurst.

Ulrich Wickert und Marietta Slomka

Nein, alle waren sie nicht da in diesem Jahr. Die neue CDU-Ministerriege hatte sich, in kanzlerinnengemäßer Abstinenz, entschuldigen lassen, nur der CSU-Mann und Wirtschaftsminister Michael Glos gönnte sich das kleine Vergnügen. Auch SPD-Chef Matthias Platzeck verzichtete auf das Fest, dafür waren andere Spitzen-Genossen da. Arbeitsminister Franz Müntefering konnte man an einer Bar stehen sehen, Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie Finanzminister Peer Steinbrück, der, seiner Anglophilie entsprechend, im Zigarren-Kabuff Hof hielt. Jenseits der sozialdemokratischen Schwergewichte und der Oppositionellen Claudio Roth schwebten die üblichen Prominenz-Verdächtigen aus Funk und Fernsehen durch die Hallen: Ulrich Wickert, Marietta Slomka, all jene, und, ach ja, natürlich Hans Meiser.

Charakter eines veredelten Betriebsausflugs

Am Prinzip "Ball" haftet immer ein wenig der Ruch der Biederkeit, des Sehen-und-Gesehen-Werdens, der reichlich gelangweilten Bussi-Bussi-Gesellschaft. Der Bundespresseball entspricht diesem Klischee nicht. Er hat, was Debütanten erstaunt, eher den Charakter eines veredelten Betriebsausflugs. Organisiert wird er Ball von dem Verein, in dem sich die Hauptstadtjournalisten zusammengeschlossen haben - der Bundespressekonferenz. Die Politiker, die Pressesprecher, die Journalisten, die meisten Ballbesucher kennen sich entsprechend von der täglichen Arbeit. Man merkt das, weil eigentlich recht wenige gelangweilt dreingucken. Die meisten haben sich irgendetwas zu erzählen.

Eine Massage für Elmar Brok

Wer sich gerade nichts zu erzählen hatte, der konnte entweder zum gefälligen Singsang des Ex-Grand-Prix-Anwärters Max Mutzke wippen oder sich später im weiß gleißenden Saal Potsdam am Retro-Auftritt Max Raabes und seines Palastorchesters erfreuen. Die Veranstalter hatten den Ball dieses Jahr grob unter das Motto "20er Jahre" gestellt. Raabe, der - mein, kleiner grüner Kaktus! - so eine Art Solo-Ausgabe der Comedian Harmonists ist, entsprach dem bestens. Wer weder Lust auf Kakteen noch auf Konversation hatte, der konnte sich in die Ballzeitung vertiefen, die gegen elf Uhr verteilt wurde und die die Redaktion der "Financial Times Deutschland" aktuell produziert hatte. Darin konnten die Ballisten druckfrische Geschichten über das Ereignis lesen und gucken, ob sie auf den Fotos in der Zeitung selbst abgebildet waren. Wem das alles noch nicht reichte, dem blieb immer noch die Möglichkeit, sich in einem auf japanisch-sediert gemachten fein duftenden Ruheraum die Hände massieren zu lassen. Zu später Stunde konnte man dort etwa den CDU-Europa-Abgeordneten Elmar Brok beobachten, wie er sich entspannt Gutes antun ließ.

Tanzmusik der 80er Jahre

Für die Jugendlichen unter den Ballisten, also allen unter 50, gab es ab zwei Uhr dann noch eine Disko mit ehrlicher, leicht in den 80er Jahren verhafteter Tanzmusik. Bis in die Morgenstunden rockte sich das politische Berlin hier die Seele aus dem Leib. Angela Merkel, das spürte man selbst im dichtesten Wein-Dunst, hätte hier nicht hereingepasst, weder an diesem Abend, noch in einer anderen Entwicklungsstufe. Vielleicht ist es deshalb nur ehrlich, dass sie sich von einer Feier fernhält, wo weder sie noch Herr Sauer sich wirklich wohlfühlen würden. Ihr Job ist schließlich das Regieren, nicht das Feiern. Verpasst hat sie dennoch etwas.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker