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Christina Ricci: Das dunkle Mädchen

Drogensüchtige Nymphomanin. Mädchen, das mit Toten spricht. Frühreifes Biest. Wenn Hollywood krasse Rollen an junge Mädchen zu vergeben hat, nimmt man nur allzu gern Christina Ricci. Jetzt zeigt die 28-Jährige auch mal andere Seiten.

Von Oliver Fuchs und Brigitte Steinmetz

Alles ganz normal, kein Grund zur Beunruhigung. Dabei ist man auf alles gefasst, wenn einen Christina Ricci in ihrem Hotelzimmer empfängt. Irgendwo könnte sich lautlos ein Sargdeckel öffnen, dem eine Armee von Vampiren entsteigt, Ricci könnte sich, während sie Tee nachgießt, plötzlich in einen Werwolf verwandeln und die Untoten nach draußen in den Garten dirigieren, wo Zombies auf Gräbern tanzen, eine schwarze Messe würde gefeiert werden, inklusive Menschenopfern, am Ende würde man angefallen, ausgesaugt, totgebissen … aber nein: nichts dergleichen. Alles, was man hört, ist ein furzender Hund. Er seufzt, dreht sich um und fängt an zu schnarchen. "Ich liebe dieses Ferkel", sagt Christina Ricci und krault die Französische Bulldogge, die selig auf ihrem Schoß ratzt.

Miss Ricci, gerade im Kino als Rennfahrer- Freundin in der 120-Millionen-Dollar- Adaption des japanischen Comics "Speed Racer", sieht auch in echt aus wie eine fleischgewordene Manga-Figur: herzförmiges Gesicht, umrahmt von geometrischem Pagenkopf, riesige Murmelaugen, kindliches Profil. Die winzige 28-Jährige sagte einmal, ihr Körper habe im Alter von zehn das Wachstum eingestellt und sie sei zurückgeblieben mit dieser überdimensionalen, runden Stirn, vielen Dank.

Unruhige Teenagerfantasien waberten hinter dieser Stirn, oft wirres Gedankengut, das dank aufopferungsvoller Fanklubs noch heute verwahrt ist. Im zarten Alter von sechs Jahren inszenierte Ricci etwa laut eigener Aussage zu Hause ihre ersten Selbstmordversuche. "Viele Leute halten mich immer noch für eine Art Mondscheinprinzessin", sagt Ricci, "aber sie vergessen, dass ich damals ein Teenager war. Oft wollte ich einfach nur provozieren."

Huldigungen bekommt sie auch so

Heute ist Miss Ricci eine der aufregendsten Schauspielerinnen Hollywoods und hat Provokationen nicht mehr nötig. Aufmerksamkeit, ja Huldigungen bekommt sie auch so: Die Rockband Anthrophobia widmete ihr einen Song - "sie wirkt so traurig und blass, hoffe, sie ist nicht halb tot, mit ihrem pechschwarzen Haar und der Beule an der Stirn" -, und der HipHopper Sean Daley schrieb für sie gleich ein ganzes Album. Jetzt kann Ricci zwischendurch auch mal einen knallbunten Popcorn-Familienfilm wie "Speed Racer" drehen, ohne dass ihr Ruf als Charakterdarstellerin flöten geht. Denn auf schwierige, abseitige Figuren hatte sie lange genug ein Abonnement.

Sie war die blutjunge Verführerin ("Der Eissturm"), das frühreife Biest, das dem schwulen Halbbruder den Freund ausspannt ("Das Gegenteil von Sex"), die selbstmordgefährdete Depressive ("Prozac Nation"). Zuletzt spielte sie in "Black Snake Moan" eine drogenabhängige Nymphomanin - wobei sie den größten Teil des Films in Unterhose und zerrissenem T-Shirt absolviert, die Beine dreckig, zerkratzt und voller blauer Flecken. Ricci ist die einzige Schauspielerin ihrer Generation, die keine Scheu hat, sich hässlich und absonderlich zu zeigen. Zusammen ergeben ihre Rollen eine Enzyklopädie der Extremfälle. Aber das Freakige ist bei ihr nicht wie bei vielen anderen Saubermädchen reine Pose, sondern beglaubigt durch ein außergewöhnliches Leben.

Als Tochter eines Psychotherapeuten und eines ehemaligen Models wächst Christina Ricci in New Jersey auf. Durch den Lüftungsschacht ihres Kinderzimmers belauscht sie die Urschrei-Therapiesitzungen in der Praxis ihres Vaters, um sie anschließend ihrer Mutter in der Küche vorzuspielen. Die Eltern ließen sich 1993 scheiden, hässlich wohl, denn Christina hat seitdem nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen und würgt Fragen danach unwirsch ab. Sie ist gerade erst acht Jahre jung, da wird Ricci von einer Kritikerin im Schultheater entdeckt. Pikantes Detail: Die verschlagene Kleine hatte im Wettbewerb um die Hauptrolle den Sohn der Kritikerin so lange provoziert, bis er ihr eine knallte. "Danach musste er den Part zur Strafe an mich abgeben", erinnert sich Ricci heute noch mit süßfiesem Grinsen.

Das ernste Kind ist ein Talent

Die Journalistin jedenfalls war verzaubert von der Energie dieses merkwürdigen Mädchens, das auf der Bühne umherhüpfte und seine Beine verknotete. "Ich musste ganz dringend Pipi", sagt Ricci, "und sie fand mein Herumgezappel wohl irgendwie süß." Einem größeren Publikum fällt sie erstmals in "Meerjungfrauen küssen besser" auf, als kleine Schwester von Winona Ryder. Schnell spricht sich herum, dass dieses ernste Kind ein Talent ist, mit einer besonderen, leicht morbiden Aura - und sie darf in der Kinoversion der "Addams Family" als Monster "Casper" mit einem Gespenst reden. Grufti-Tina hätte leicht als Ex-Kinderstar in der Hollywoodgosse landen können. "Eine Weile war ich einfach nur angekotzt von allem", sagt sie, "aber sind das nicht alle Teenager?" Christina "experimentiert" mit Magersucht, nachdem sie eine Rolle nicht bekommen hat, weil sie zu "gesund" aussieht. Sie ritzt sich die Arme blutig, lässt sich eine Fledermaus auf den Bauch tätowieren und verbreitet, sie leide unter Botanophobie, klinischer Angst vor Pflanzen. Selbstverstümmelung preist sie als "romantisch". Ziemlich dick aufgetragen, das findet Ricci mittlerweile selbst. Irgendwann ist sie ihres Gothic-Images überdrüssig. Ein Leben lang schräge Vögel spielen, Gestörte, Verletzte, Traumatisierte, immer auf der Nachtseite des Lebens? Och nö.

Und so kam es Ricci wohl gerade recht, dass Reese Witherspoon sie kürzlich bat, sich einen Schweinsrüssel vors Gesicht zu schnallen für die von ihr produzierte Romantikkomödie "Penelope" (deutscher Filmstart 5. Juni). Endlich durfte sie mal knallfröhlich sein! Gut auch, dass die Wachowski- Brüder sie jetzt in "Speed Racer" zu einer Hello-Kitty-Diva ausstaffierten, mit kreischpinkfarbenem Lipgloss und Latexstiefeln. Ricci endlich mal ohne Augenringe! Weil die pressescheuen Brüder keine Interviews mehr geben, seit der eine, Larry, als Frau lebt, muss ihr Star für den Film tingeltangeln, obwohl Ricci darin wenig zu tun hat außer lächeln. Sie schwärmt von den Dreharbeiten in Berlin-Babelsberg. Und vom Bootfahren auf dem See im Tiergarten. Anders als Natalie Portman, die gern mal im Berliner Nachtleben abtaucht, weiß Ricci sonst nur von langen Spaziergängen durch die Stadt zu berichten. Ausgehen? Och nö, viel zu anstrengend. Lieber guckt sie "Lost" mit ihrer Schwester oder Heimwerkershows mit ihrem Freund, dem australischen Schauspieler Kick Gurry. Der ist ein Souvenir vom "Speed Racer"-Set.

Normal muss etwas Mondänes sein

"Sterbenslangweilig normal" findet die Schauspielerin ihr Leben im hippen kalifornischen Silver Lake, aber irgendwie scheint es genau das zu sein, wonach sie sich die ganze Zeit gesehnt hat. Normal muss etwas ungemein Mondänes für Miss Ricci sein, die noch nie mit einem Mann zusammen war, der nicht Musiker oder Schauspieler ist. Und deren beste Freundinnen die Schauspielerinnen Gaby Hoffmann und Michelle Williams sind.

"Bis ich in die Wechseljahre komme, hat sich die Fragerei nach meiner Zeit als Kinderstar hoffentlich erledigt", sagt Ricci. Bis dahin? Mal sehen. Christina Ricci ist so gelassen wie ihre Bulldogge. Sie pflegt ihre ganz eigenen Ideen über das, was erstrebenswert ist. "Wenn ich nicht Schauspielerin wäre, wäre ich gern Vorzeige-Gattin", sagt sie. "Erstens wäre das die offizielle Bestätigung meiner Sexyness. Und zweitens müsste ich dann nicht mehr arbeiten."

"Als Trophy-Wife", sagt Ricci, "könnte ich mich den ganzen Tag meinen anderen Interessen widmen." Die sind? Mercedes fahren. Geschichte googeln. Alte Cashmerepullover zu Hundewesten zerschneiden. Alles ganz normal. Fast spießig. Wunderbar. Der Hund gähnt.

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