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Modewoche: Blutleer in Berlin

Statt großer weiter Welt will sich die Berlin Fashion Week dieses Jahr aufs heimische Handwerk konzentrieren. Bei der Eröffnungsshow von Hugo Boss zeigte sich der unvermeidliche Boris Becker, dafür blieben Stars wie Naomi Campbell zu Hause, und es gab mehr Schneiderkunst als Glamour.

Von Claudia Pientka

Vor sechzig Jahren war die Ankunftshalle des Berliner Flughafens Tempelhof noch voller Amerikaner, Piloten, die mit ihren Rosinenbombern Hoffnung in die zerstörte Hauptstadt brachten. 2008 ist von diesem internationalen Glanz nichts mehr zu sehen. Der Metzinger Modekonzern Boss hat zur Modenschau seines Labels Hugo in die Abflugshalle des ältesten Berliner Flughafens gebeten - und diesmal gänzlich auf Hilfe aus Übersee verzichtet. Wurden zur Eröffnungsshow der Berliner Modewoche im vergangenen Sommer noch US-Stars wie Rupert Everett,Christina Ricci und Mischa Barton eingeflogen, begnügte man sich diesmal mit Til Schweiger, Karoline Herfurth und Jessica Schwarz. Kein dummer Schachzug, denn so musste sich die anwesende Modemeute aufs Wesentliche konzentrieren: die Kollektion des neuen Boss'schen Designstars Bruno Pieters.

Noch im vergangenen Jahr konnte es dem Veranstalter IMG und Förderern wie Mercedes Benz und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit gar nicht groß genug sein: Der Laufsteg der ersten Berliner Modewoche ging mitten durchs Brandenburger Tor, man träumte vom Anschluss an die großen Modemetropolen wie Paris, Mailand und London und freute sich auf internationale Prominenz. Doch am Ende fiel alles etwas kleiner aus, als erwartet: das Zelt um den Laufsteg, der Ansturm der Stars, das Können mancher Designer. Deshalb wollte man 2008 kleinere Brötchen backen: Das Hauptaugenmerk die zweiten Berlin Fashion Week soll laut IMG auf Nachwuchsförderung und deutschem Design liegen. Statt durchs Brandenburger Tor führt der Catwalk diesmal durch den deutlich geräumigeren Postbahnhof, wo die Labels auch all die Gäste platzieren können, die sie möchten. Doch das Zugeständnis kam für einige Designer wohl zu spät. Denn nicht nur Boss zeigt seine Kollektion in einer "off-location", auch Joop und Michalsky haben andere als den von IMG ausgesuchten Ort gewählt.

Avantgarde aus Antwerpen

Für Boss bedeutet das Flughafen statt Bahnhof. Seit Juni 2007 hat das umsatzstärkste deutsche Modeunternehmen einen neuen Designer für seine junge Linie Hugo und der soll dem Anzugspezialisten einen Hauch Avantgarde verleihen. Hugo Pieters heißt der Hoffnungsträger, ein Wunderkind aus Antwerpen, das weltweit als großes Talent gehandelt wird. In Berlin zeigte er mit seiner Herbst/Winter-Kollektion, dass er keine Angst vor dem Bruch hat. Denn war Hugo bisher bekannt für seine lässige Linie, Lack, Nieten und einen Hauch Achtziger, ist nun die neue Sachlichkeit eingekehrt. Pieters aktuelle Entwürfe sind fast ausschließlich blau, grau und schwarz und so schlicht die Farben sind, so ausgefeilt sind die Schnitte, so edel die Stoffe. Seine blutleeren Models liefen in schmalen, hoch geknöpften Hemden mit Krawatten zu kalten Elektrobeats über den Catwalk und wirkten nicht zuletzt wegen ihrer enganliegenden Wollmützen wie androgyne Arbeitsbienen. Etwas loser fielen die Pullover und Schals aus dickem Strick, ungewohnt kurz waren die Jacketts der Damen- und Herrenmodelle.

Der anwesenden Prominenz schien es zu gefallen: Eva Padberg klatschte begeistert, Boris Becker lobte die Tragbarkeit der Kollektion, Klaus Wowereit lächelte vergnügt. Ohnehin möge er die Anzüge des Hauses Boss, sagte er stern.de und trug, wie die meisten anwesenden Herren, einen Zweiteiler der süddeutschen Firma. Doch während die anderen geladenen Gäste wie Sabine Christiansen, Mika Häkkinen oder Karoline Herfurth noch das anschließende Dinner genießen durften, eilte das Stadtoberhaupt weiter zum nächsten Termin: Talkshow bei Anne Will. Dort musste er sich wieder politischen Themen widmen, Thema der Sendung "Mit allen Mitteln an die Macht". Denn während sich Berlins Regierungschef den schönen Künsten zugewendet hatte, kämpften seine Kollegen in Hessen und Niedersachsen ums politische Überleben.

Doch die Berliner Modewoche hat ja gerade erst begonnen; noch bis Donnerstagabend hat das modeinteressierte Promivolk bei 17 weiteren Schauen Gelegenheit, viel deutsche und ein wenig internationale Schneiderkunst zu feiern. Schon am Montag soll dann auch wieder etwas internationaler Flair über den Catwalk wehen, Supermodel Naomi Campbell hat sich für Eröffnungspressekonferenz angekündigt. Wie verlässlich dieser Gast ist, konnte man bei Boss am leeren Platzschild in der ersten Reihe ablesen.

  • Claudia Pientka