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Daniela Cott: Das Model aus dem Müll

Sie wohnt in einem Armenviertel, hat jahrelang von Abfall gelebt. Sie flucht und schlägt sich gern: Daniela Cott, Argentiniens neuer Star.

Von Jan Christoph Wiechmann

Sie schläft noch immer unter einem Dach aus Wellblech und benutzt als Tür eine Getränkepalette aus Holz. Sie wäscht sich noch immer mit Regenwasser, und tritt sie vor ihre kleine Hütte, riecht es nach Pferdekot, Benzin und verbranntem Müll. Sie mag Argentiniens Top- Model sein, doch noch immer lebt Daniela Cott im Armenviertel "Eva Perón" und spielt Straßenfußball mit den Jungs und würde das alles nicht aufgeben für Ruhm und Geld und ein Leben in Paris.

"Du spielst kein Straßenfußball mehr", befiehlt ihr Manager. "Ich mach, was ich will", antwortet Daniela. "Du verschandelst dir deine Beine. Denk an deine Karriere." - "Meine Beine halten das aus." - "Aber denk an dein Gesicht. Du hast dir gerade wieder ein blaues Auge geholt." - "Das war bei einer Schlägerei. Ich musste mir Respekt verschaffen."

Es ist ein sonniger Spätherbsttag an der Peripherie von Buenos Aires, 11.000 Kilometer entfernt von den Laufstegen Europas. Daniela Cott, 16 Jahre, 1,77 Meter groß, sitzt in der Küche ihrer Hütte, auf dem Arm ihre einjährige Schwester Sasha und auf den Beinen die Narben einer Kindheit im Ghetto. Über ihr, an der kahlen Wand, hängt auf einem kleinen Zettel der Spruch: "Wer kämpft, ohne zu träumen, wird scheitern."

Das Aschenputtel aus Argentinien

Um sie herum stehen ihre Großmutter Juana (26 Enkel), die sagt, dass Daniela einen sehr eigenen Kopf hat, und die Mutter Olga (9 Kinder), die sagt, dass Daniela, aufgewachsen mit sechs Brüdern, schon immer eine Rebellin war. Und auch ihr Manager ist da, Dr. Jaef, der konstatiert: "Sie ist schon besser geworden. Anfangs hat sie binnen drei Minuten mein Büro zerlegt. Sie war ein unzähmbarer Affe." - "War ich nicht, Idiot." - "Daniela, benimm dich." - "Ihr könnt mich mal."

Daniela steht auf und tritt vor die Tür auf die Calle Magallanes, eine Sandstraße mit Schlaglöchern, so groß, dass Kinder in ihnen baden. Vor den blauen Himmel schieben sich braungraue Wolken aus brennenden Autoreifen, in den Straßengräben treibt eine zähe Soße aus Öl und Urin. Sie trägt eine billige rosafarbene Plastikjacke und eine enge Jeans, aus der ihr hautfarbener Slip hervorschaut. Ein etwa zehnjähriger Junge fährt auf einem Pferdekarren vorbei und ruft: "He, Dünne, spring rauf, wir schieben 'ne Nummer." - "Komm runter, Kleiner, wenn du dich traust", ruft sie zurück. Neulich hat es ein Nachbar gewagt, sie "unser Model" zu rufen. Dem hat sie die Fresse poliert. Manchmal muss man ein Exempel statuieren, findet sie.

In ein paar Wochen soll Daniela Cott dieses Zuhause verlassen und nach Paris gehen. Sie soll dort ein Weltstar werden, hofft ihre Agentur Elite Model, Argentiniens schönstes Märchen seit Evita Perón und Diego Maradona. Welch eine Geschichte, schwärmen sie: Aus der Pampa nach Paris, von der Müllsammlerin zum Mannequin, das Aschenputtel aus Argentinien. Es gehört zu einem solchen Märchen, dass sie jetzt Begeisterung zeigen soll, Demut, Entzücken, doch sie sagt in einem stillen Moment: "Ich will nicht nach Paris, nein. Ich schlafe nicht wieder allein. Ich bin es gewohnt, mit meinen Geschwistern zu schlafen. Ich fühle mich da obdachlos."

Sie war schon einmal in Europa, in Madrid, für ein Fotoshooting, eine ganze Woche lang. Man gab ihr ein eigenes Hotelzimmer, aber es war zu groß für ihre Einsamkeit. Man reichte ihr Paella und Tapas, aber sie ging lieber zu McDonald's. Sie durfte König Juan Carlos und Königin Sofia sehen, aber wenn sie ehrlich ist, hätte sie lieber ihre Großmutter gesehen. Als sie das Heimweh besonders packte, telefonierte sie nach Hause, für 1500 Dollar.

100 Euro pro Woche

Wie weit diese Welt noch weg ist, erfährt man, wenn Daniela von ihr erzählt. "Es ist verrückt", sagt sie. "Wenn in Europa der Tag beginnt, ist es hier noch Nacht. Und im Winter haben die Sommer, stell dir das mal vor."

Daniela Cott will ja ganz gern ein Supermodel sein. Sie will aber auch Daniela bleiben. Sie hat nichts gegen die große weite Welt, aber dann sollte schon die Familie mitkommen, Mutter und Großmutter, acht Geschwister, sechs Nichten und Neffen. In Momenten wie diesen glaubt man, sie könnte von einer Sekunde zur nächsten alles wieder hinschmeißen, den Buchvertrag, die angeblichen Millionenangebote, die Filmrechte, die Geschichte. Das Märchen.

Es beginnt vor rund sieben Jahren, und nimmt man die Erzählungen von Großmutter, Mutter und Daniela zusammen, geht es wie folgt: Die Familie hatte während der großen Wirtschaftskrise 2001 kein Geld mehr, um die vielen Kinder zu ernähren, und beschloss, als Cartoneros zu arbeiten, als Müllsammler. Die beiden Frauen kauften sich einen Handwagen und nahmen alle mit auf ihre allabendliche Tour, die Kinder, Enkel, auch die Babys. Sie zogen durch die Straßen des wohlhabenden Stadtteils Palermo, öffneten Müllsäcke, trennten Papier, Glas und Metall und verkauften es an Zwischenhändler. Sie wühlten sich durch Essensreste, Schimmel, durch Frauenbinden und Kot, sie kamen nach Hause mit 400 Pesos pro Woche (knapp 100 Euro) für die ganze Familie.

Man erwartet nun ein großes Lamento, doch die Großmutter Juana Roldán sagt, nicht ohne Melancholie: "Es waren fünf harte Jahre, aber es war eine gute Zeit. Ich vermisse sie manchmal." - "Es war ein großes Abenteuer", ergänzt Daniela, "jeden Abend ein Familienausflug mit Sack und Pack, manchmal mussten wir kämpfen und unser Terr itorium verteidigen." Sie erzählen noch eine Weile von damals, so wie Veteranen vom Krieg erzählen, von den großen Schlachten der Straße, von ihrem Recht auf Müll, als wäre dies ein Menschenrecht. Da sitzt eine Gruppe starker Frauen, die das Kämpfen lernten und ihre Würde fanden.

"La Cartonera"

Eines Tages schnitt sich Daniela beim Müllsammeln wieder mal in die Hand und bat eine fremde Frau um Hilfe. Die ließ sie ins Haus und verband die stark blutende Wunde. "Du bist so schön, hast du nie daran gedacht, etwas anderes zu machen?", fragte Marina González Winkler, 30, eine Kunsthandwerkerin. Sie wurde so etwas wie die gute Fee der Geschichte. Sie gab Daniela Kleider zum Anprobieren, sie stellte sie auf hochhackige Schuhe, sie fotografierte sie und schickte die Fotos an eine Agentur. Am nächsten Tag schon kam der Anruf: Wer ist dieses Mädchen? Wir müssen es haben.

Daniela, "La Cartonera", gerade 14 Jahre alt, wurde eingeladen zu weiteren Fotoshootings und einem halbjährigen Modeltraining. Unter fast 1000 Bewerberinnen err eichte sie schließlich die Endausscheidung des Elite-Modelwettbewerbs, die große Bühne für Nachwuchsschönheiten, das Sprungbrett nach Europa.

Es war ein heißer Tag vor einem halben Jahr, sie erinnert sich gut daran. Sie war unter den letzten 16 Teilnehmerinnen, aber neben ihr auf der Bühne des Prachthotels Panamericano posierten Blondinen und Polospielerinnen, die gebildeten Töchter reicher Argentinier. "Negra" nannte man sie abfällig, nicht weil sie schwarze Haut hatte, sondern weil sie aus der Armut kam, der Peripherie, in einem Land, in dem die Postleitzahl das größte Stigma sein kann. Daniela war dünner als alle anderen und entsprach so gar nicht dem gängigen argentinischen Ideal: schlank, aber kurvig, mit "mucha carne", wie sie sagen, viel Fleisch, etwas zum Zupacken.

Im Publikum saßen Unternehmer, Schauspieler, Journalisten und - weiter hinten - zwei etwas verschämte, aber stolze Frauen, Danielas Mutter und Oma. Sie trugen hübsche Kleider, aber sie fühlten sich unwohl zwischen den Reichen und Berühmten. Sie hatten keine Zähne mehr und trugen jene Narben auf der Haut, die sie als Cartoneras entlarvten. Da verkündete man die Siegerin, und ein Murmeln ging durch den Saal: Daniela Cott, "La negra", aus dem Armenviertel "Eva Perón".

Heute ist sie Millionen wert

Wie sollte die Cartonera ihr Land vertreten?, fragte man den Ausrichter, den Schönheitschirurgen Dr. Salvador Jaef. Eine "Negra". Aus einer Villa Miseria, einem Slum. Ohne Benehmen. Ohne Würde und Klasse. Sie wird Argentinien bei der Weltausscheidung in Prag blamieren, prophezeite man ihm. Als sich selbst gute Freunde deswegen von ihm distanzierten, ahnte Jaef, dass da gerade ein kleines Erdbeben stattfand im klassenbewussten Argentinien.

"Ich habe viel riskiert", sagt Jaef heute. "Sogar meine Frau hat mich verlassen, nicht nur deswegen, aber es war der Anlass. Es gab Mädchen, die sich mit Daniela nicht fotografieren ließen. Mütter verließen voller Wut den Saal. Heute bedauern sie ihr Verhalten. Aber heute ist Daniela auch Millionen wert. Man hat uns in Spanien zwei Millionen Dollar für sie geboten, aber wir haben abgelehnt."

Jaef übernahm ihre Betreuung und die Umerziehung zum Topmodel. Man pflegte ihre Zähne, die rauen Hände, die Narben an Beinen und Armen. Man brachte ihr das Essen mit Besteck bei, ein bisschen Englisch, dass man bei Tisch nicht Arschloch sagt und den Reportern die richtigen Antworten gibt, aber das ist bei ihrem Temperament noch etwas schwierig. "Ich will auf jeden Fall Kinder", sagt sie spontan, "vielleicht schon bald. Mein Bruder Jorge ist 21 und hat schon drei, meine Schwester auch." - "Ausgeschlossen", sagt ihr Manager. "Sie kommt gerade ins beste Alter, mit 17, 18 ist sie auf dem Höhepunkt. Machen wir uns nichts vor, ab 20 Jahren verfällt der Frauenkörper."

"Ich habe das Handy weggeworfen, damit mich mein Manager nicht immer erreichen kann"

Nie hatte Daniela Cott auch nur das Meer gesehen, und nun kam sie gleich nach Prag zur Weltmeisterschaft der Nachwuchsmodels. Die Häuser dort fand sie romantisch und das Flair edel, aber es war nichts gegen den Heimatduft ihres Viertels. Die anderen Mädchen waren schön, aber auch naiv und künstlich, fand sie, fast weltfremd. Wenn die von Coldplay und Green Day schwärmten, schwärmte Daniela von Ricky Martin und dem Fußballverein Boca Juniors, und irgendwie ist sie froh, dass sie in Prag nicht gewann. "Man hätte mich gleich dabehalten, ich wäre verrückt geworden."

Es geht ihr nicht um die Romantisierung von Armut. Ihre Geschichte ist stets die eines armen Mädchens, das dem Elend entfloh. Aber sie sieht es nicht als Elend. Sie sieht es als ihr glückliches Zuhause, arm, aber solide, einfach, aber wohlbehütet. Ihr Manager nennt sie gern das Aschenputtel der Gegenwart, aber sie hat eher etwas von Jeanne d'Arc. Man sieht sie gern als moderne Evita, aber Eva Perón wurde erst durch ihren reichen Prinzen zu einer Märchengestalt. Der Prinz in Danielas Leben ist ein 21-jähriger "Negro" aus demselben Viertel, einer, der raucht und feiert und eine gute Schlägerei nicht verachtet. Auch Daniela raucht heimlich, sie flucht gern mal und schimpft, und der Dreck bleibt noch immer hängen unter Ihren Fingernägeln. Sie würde als Erste bei Heidi Klums Model-Show rausfliegen. Als sie einen TV-Moderator nicht mochte, sagte sie vor laufender Kamera in pampigem Ton nichts als "ja, nein, weiß nicht", bis man das Interview abbrach.

Aber auf den Fotos strahlt Daniela etwas anderes aus, etwas Magisches, Rebellisches, Aufstand, Stolz. Das ist sexy, finden sie in der Branche. Das ist mal eine echte Geschichte neben all den langweiligen Biografien der Schiffers, Klums und Crawfords. Paris werde ihr zu Füßen liegen.

Am nächsten Tag ist sie allein, endlich mal allein, sagt sie. "Ich habe das Handy weggeworfen, damit mich mein Manager nicht immer erreichen kann." Sie sitzt im vornehmen Stadtteil Recoleta über einem Steak, dessen Fettschwarte schon größer ist als ein deutsches Schnitzel. Sie tunkt die Pommes frites in fette Soße, sie kratzt auf dem Teller herum und schmatzt und erzählt aus ihrem neuen Leben. Cartoneros sind sie nun nicht mehr, aber auch nicht reich, weil man ihre Karriere noch für Europa schont. Großaufträge nimmt sie zurzeit noch nicht an, aber die Agentur schießt Geld vor.

Daniela verdient nun für die ganze Familie, die Mutter leistet sich neue Zähne und die Oma getönte Haare, aber für ihre großen Träume reicht es noch nicht. Die großen Träume: viel Geld verdienen, klar, ein Supermodel sein, gern, auch in Paris für ein paar Wochen, okay. Aber dann schnell zurück und ein großes Haus kaufen für die ganze Familie. Nicht im feinen Recoleta, wo Eva Perón begraben liegt, oder im mondänen Lomas de Zamora, wo Maradona wohnt, sondern in ihrem Viertel. Dort will sie leben, mit ihren acht Geschwistern und der Großfamilie und den beißenden Düften ihrer glücklichen Kindheit.

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(