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David Beckham: Vom Heilsbringer zum Buhmann

Sein Verpflichtung für L. A. Galaxy sollte der krönende Abschluss seiner Karriere werden. Nun, zwei Jahre später, wird David Beckham von Mitspielern und Fans als Verräter beschimpft. Der Druck belastet auch seine Ehe mit Victoria.

Von Stefanie Richter

So schnell ist er gesunken, sein Stern am amerikanischen Fußballhimmel. Nach nur zwei Jahren in Los Angeles scheint der Zauber verflogen zu sein, die Liebe zwischen den Fans und dem englischen Mittelfeldspieler abgekühlt. Besonders deutlich ließen sie das David Beckham Ende Juli beim ersten Heimspiel seit fünf Monaten spüren. Einem Freundschaftsspiel ausgerechnet gegen den AC Mailand - die Mannschaft, für die er zuletzt leihweise gespielt hatte, selbst nachdem die Saison in den USA schon angefangen hatte.

Statt Jubel gab es zur Begrüßung Buhrufe. Die Galaxy-Fans verübeln es Beckham, dass er das eigene Team im Stich ließ. Obwohl sein Vertrag noch bis 2012 läuft, glaubt keiner mehr, dass er so lange in Los Angeles bleiben wird. Der AC Mailand, Chelsea und Manchester City haben bereits Interesse an dem 34-Jährigen bekundet, und auch der Brite selbst macht keinen Hehl daraus, wie gern er wieder auf europäischem Top-Niveau spielen würde. "Geh nach Hause, Betrüger", beschimpften ihn Galaxy-Fans deshalb jetzt auf Transparenten. Mitglieder der radikalen Fangruppe The L.A. Riot Squad buhten ihn bei jedem Ballkontakt aus und warfen mit Bananen. Zu Beginn der Halbzeitpause platzte dem Kicker der Kragen, zornig gestikulierend eilte er in die Kurve. Als daraufhin einer der Fans auf das Feld stürmen wollte, konnten Sicherheitskräfte gerade noch das Schlimmste abwenden. Beckham wurde von Mitspielern beruhigt, Bodyguards eskortierten ihn in die Kabine.

Besonders peinlich: Neben Victoria und den Söhnen wurden auch Tom Cruise und seine Kinder Connor und Isabella Zeugen dieses Eklats, außerdem Beckhams Manager Simon Fuller, Gary Barlow, Kate Beckinsale und ihr Mann. Für Beckham eine Schmach. "Das war wirklich respektlos, was einige riefen und auf die Schilder schrieben", tobte er nach dem Spiel weiter. "Ich möchte nicht, dass meine Familie das sieht oder hört. Aber letztlich spiele ich mein Spiel, egal ob ich ausgebuht werde oder nicht." Und Victorias versteinerte Miene verrät: Auch für sie ist das Scheitern ihres Manns eine Niederlage. Auch sie hatte den amerikanischen Traum geträumt und gehofft, hier ihre Modelinie groß herauszubringen, mit ihrer eigenen Reality-Serie im Fernsehen Erfolg zu haben.

Dass der Traum geplatzt ist, belastet auch ihr Ehe- und Familienleben. Verglichen mit der jetzigen Krise erscheint die Herausforderung ihrer Fernbeziehung, während der er in Italien spielte und Victoria mit den Söhnen in Los Angeles blieb, harmlos. Als die 35-Jährige nur einen Tag nach dem unrühmlichen Fußballmatch von Los Angeles zu einem Modeshooting nach London flog, war ihr die Belastung anzusehen: Die Augen hinter dunklen Gläsern versteckt, konnte sie sich nicht einmal beim Schaukeln ein Lächeln abringen.

Vom Heilsbringer zum Buhmann - wie konnte es so weit kommen? "Beckham dachte, wenn er mit seiner Spice-Girl-Ehefrau aufkreuzt und ein paar Spiele mit Galaxy macht, würde er hier so populär werden, wie er es anderswo ist", bilanziert der renommierte US-Sportexperte Jay Mariotti auf seiner Internetseite. "Aber davon abgesehen, dass er vor zwei Jahren ein paar Fußballmütter begeistert hat, ist sein Einfluss minimal." Auch Grant Wahl, Autor des Buchs "The Beckham Experiment", meint: "Er ist hierher gekommen und hat sich selbst ein Ziel gesetzt: neue Fußballfans in Amerika zu gewinnen. Er wollte den Sport bekannter machen. Damit ist er grandios gescheitert."

Ein vernichtendes Urteil, aber nichts als die Wahrheit. Galaxy gewann zu selten, verpasste zwei Jahre in Folge die Playoffs. Beckham gelang es nicht, anderen internationalen Top-Spielern die US-Liga schmackhaft zu machen, stattdessen wanderten immer mehr gute US-Spieler nach Europa ab. Das Resultat: Die Galaxy-Zuschauerzahlen sanken in dieser Saison um 25 Prozent, sogar Mitspieler und Trainer kritisieren jetzt offen Beckhams mangelnden Einsatz, und für seinen Ausraster muss er 700 Euro Strafe in die Mannschaftskasse zahlen.

Dabei ist seine Flucht nach Europa aus seiner Sicht mehr als verständlich. Beckhams erklärtes Ziel: im Sommer 2010 für England bei der WM in Südafrika anzutreten. "Im Hinblick darauf hat mir der Nationaltrainer deutlich gesagt, dass ich auf europäischem Niveau spielen muss. Deshalb tue ich alles, was in meiner Macht steht, damit das passiert", gab der Star-Kicker kürzlich zu. Dass er sich damit in Los Angeles keine Freunde macht, sollte ihn nicht wundern.