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Dieter Nuhr: Clown oder Provokateur?

Mit seiner Lust an der Provokation hat sich der Kabarettist Dieter Nuhr erneut große Teile der Netzgemeinde zum Gegner gemacht. Doch was treibt den Düsseldorfer dazu, immer wieder gegen die gleiche Wand zur rennen? Der Versuch einer Annäherung.

Von Carsten Heidböhmer

Dieter Nuhr

"Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten": Dieter Nuhr haut mal wieder einen Spruch raus

"Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten": Dieser Satz aus seinem 1998er Programm "Nuhr nach vorn" ist bis heute der bekannteste Spruch Dieter Nuhrs. Er ist auf Tassen zu lesen, steht auf T-Shirts gedruckt und ist in den allgemeinen Sprachschatz gewandert. Aufgeregt hat sich über diesen Witz vermutlich niemand. Ganz im Gegensatz zu ein paar anderen Sprüchen, mit denen Nuhr in letzter Zeit auffallend oft aneckt.

Schon seit Jahren arbeitet sich Dieter Nuhr am Thema Religion ab. Dabei bevorzugt er keine Glaubensgemeinschaft - alle Religionsformen sind ihm gleich unlieb: "Ich glaube, dass viele religiöse und mystische Erlebnisse auf Sauerstoffmangel im Hirn zurückzuführen sind. Oder auf Drogen", sagte er 2007 in der TV-Beilage des stern. Genauso selbstverständlich wie er Witze über den Papst und die Katholische Kirche macht, verspottet er auch den Islam. "Im Islam ist die Frau nämlich zwar frei", lautete einer, "aber in erster Linie frei davon, alles entscheiden zu müssen." Ein anderer Satz: "Wenn man nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben." 

Das brachte ihm im vergangenen Jahr Ärger mit der Justiz ein. Ein Osnabrücker Muslim hatte ihn wegen "Beschimpfung von Religionsgemeinschaften" angezeigt und Nuhr als "Hassprediger" bezeichnet. Der Salafist konnte über Sätze wie diesen nicht lachen: "Der Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er keine Macht hat. Und da müssen wir unbedingt für sorgen, dass das so bleibt!"

Die Staatsanwaltschaft bewahrte die Ruhe und stellte das Ermittlungsverfahren gegen Nuhr ein. Juristisch waren seine Witze einwandfrei. Doch sind sie das auch moralisch? Anders gefragt: Darf man über den Glauben anderer Menschen lachen, vor allem wenn es sich um Minderheiten handelt? 

"Sie können alles über Christus sagen"

Nuhr selbst möchte keinen Eklat um des Eklats willen provozieren: "Da gibt es ja diesen äußerst dummen Satz 'Satire darf alles'", sagte er im Dezember im Interview mit dem Onlinemagazin "Planet Interview". "Das ist völliger Blödsinn, weil Satire natürlich nicht mehr darf, als jeder andere auch. Jeder hat sich in seinem Leben so zu verhalten, dass er die anderen möglichst wenig stört." Ein Krawall-Comedian klingt anders. Ein Provokateur ist Dieter Nuhr ganz sicher nicht. Er möchte sich aber nicht das Wort verbieten lassen. "Über jede andere Religion kann man ja reden, nur über den Islam nicht, weil es zu konkreter körperlicher Gewalt führt. Sie können alles über Christus sagen, aber nicht über Mohammed", sagte er im gleichen Gespräch.

Man muss seine Sprüche nicht lustig finden - aber aushalten können sollte man sie schon. Genauso wie sein Witz über Griechenland, mit dem Nuhr nun erneut für Furore gesorgt hat: "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!" schrieb er am Sonntagabend auf Twitter. Man kann darüber schmunzeln oder es bleiben lassen. Man kann die Frage stellen, ob Nuhr mit diesem Vergleich tatsächlich die Komplexität der Schuldenkrise abgebildet hat. Doch den Comedian für diesen harmlosen Spruch zu kritisieren, ihn gar in die rechte Ecke zu stellen, wie dies Moderator Jan Böhmermann mit einem (inzwischen gelöschten) Posting getan hat, geht dann doch etwas zu weit. Es ist genau diese Bevormundung, diese Einengung des Diskurses, die Nuhr immer wieder antreibt. Und nicht etwa der politisch inkorrekte Witz.

Bei all dem Ärger verwundert es ein wenig, dass der Komiker für seinen bekanntesten Spruch nicht kritisiert worden ist. Denn der stammt gar nicht von Nuhr, sondern von dem legendären "Ekel Alfred" aus dem Jahr 1974. Der sagte damals in der Serie "Ein Herz und eine Seele": "Wenn man keine Ahnung hat, dann hält man bescheiden die Schnauze".  Ginge es Nuhr darum, künftig Ärger zu vermeiden, könnte das sein Erfolgsrezept sein: Besser gut geklaut als schlecht ausgedacht. Doch das wäre ihm zu wenig: Dieter Nuhr will mehr als nur mit ein paar Witzchen unterhalten. Es ist ihm durchaus ernst mit der Meinungsfreiheit.

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