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Farrah Fawcett: Am Ende ein bitterer Engel

Es war ihre härteste Rolle. Farrah Fawcett ließ die Welt teilhaben an ihrem Kampf gegen den Krebs, den sie schließlich verlor. Das einstige Sexsymbol schreckte dabei vor drastischen Bildern nicht zurück.

Von Jochen Siemens

Er kannte die Szene. Sie war mal sein Durchbruch als Schauspieler. Aus einem Zimmer eines Krankenhauses zu kommen und zu sagen: "Sie lebt nicht mehr." Und sich dann verzweifelt zu fragen: Warum? Warum sie?

Der Film hieß "Love Story" und war in den 70er Jahren der Tränendrücker des weltweiten Kinos. Man konnte an keine andere Szene denken, als Ryan O'Neal am vergangenen Donnerstag stumm mit einer Ledertasche in der Hand das Krankenhaus in Santa Monica verließ. "Hey, Ryan, wie geht es Farrah?", rief ein Reporter ihm zu. Der Schauspieler blickte leer geradeaus: "She is gone", sie ist gegangen, sagte er. "Love Story" real.

Drei Jahre lang hatte Farrah Fawcett an Krebs gelitten - und die Öffentlichkeit von Anfang an daran teilhaben lassen. Erst war es Darmkrebs, der 2007 beinahe geheilt schien, der dann die Leber befiel und schließlich zum Tod der 62-Jährigen führte. Fawcett überschritt während ihrer Krankheit die allerletzten Grenzen der Privatheit. Sie ließ sich filmen, beinahe vom ersten Tag der Diagnose an. Die Kamera führte ihre Freundin Alana Stewart, Exfrau von Rod Stewart, und es war die Nähe der beiden Freundinnen, die "Farrah's Story" zu einem irritierend dichten, intimen, aber unerhört harten Film gemacht hat.

Protokoll eines Kampfes

Es ist, als ob man die Schauspielerin direkt begleite. Man geht mit zu den Ärzten, man spürt das Bangen und Zweifeln, hört die Diagnosen. Erlebt die Behandlungen, die Reisen zu deutschen Spezialisten nach Frankfurt und nach Bayern. Es ist das Protokoll einer Schlacht. Der verzweifelte Kampf einer Frau, die einfach weiterleben will.

Fawcett, in den 70er Jahren einmal Sinnbild apfeliger Schönheit und Gesundheit und Star der Serie "Drei Engel für Charlie", liegt nach einer Chemotherapie ohne Haare auf einem Bett, übergibt sich in die Bettpfanne und sagt in die Kamera: "Das musst du filmen." Fawcett, die in einem Frankfurter OP liegt und vor Schmerz jedes Mal die Beine zuckend hebt, wenn sich die Lasersonden in die Leber bohren. Oder Fawcett, die sich auf dem Flug Frankfurt- Los Angeles im Sitz vor Schmerz windet und zitternd weint. "Ich bin so allein in meinem Körper, der nicht mehr mir gehört", sagt sie. Wer noch nicht wusste, wie Krebs einen Menschen in Stücke reißt, hier kann man zuschauen.

Doch es gehört zu den zynischen Mechanismen der Unterhaltungsindustrie, dass "Farrah's Story" nicht das erschütternde Protokoll blieb, was es eigentlich werden sollte. Dramaturgisch zurechtgeschnitten und mit Geigenmusik getränkt, wurde der Schocker zur Soap. Fawcett selbst habe die Endfassung nie abgenommen, hieß es später.

Eine bemerkenswerte Patientin

Zur TV-Premiere in New York gab es rote Teppiche, Blitzlichtgewitter und Prominente, die der Todkranken alles Gute wünschten. Fawcett selbst ging es so schlecht, dass sie nicht anwesend sein konnte, Ryan O'Neal kämpfte mit den Tränen und verkündete, dass er seine langjährige Freundin jetzt noch heiraten wolle.

"Die wahrscheinlich geschmackloseste Party", schrieb die "New York Post", und "Entertainment Weekly" hatte nur ein "vulgär" für das Event und den Film übrig.

In der Uni-Klinik in Frankfurt erinnert man sich allerdings an einen "bemerkenswerten Patienten", wie der behandelnde Arzt Thomas Vogl sagt, "eine aufrichtige und engagierte Frau, die auch das Anliegen hatte, der Welt zu zeigen, dass solche Krankheiten auch die Reichen und Schönen treffen können". Den Film hat Vogl gesehen, möchte ihn aber nicht bewerten. "Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass alles aufgenommen wird, sonst hätten wir das nicht zugelassen. Aber es wurde immer sehr unauffällig gefilmt, mit kleinen Kameras oder Handys."

Mut zur Wahrheit

In den USA hat "Farrah's Story" auch zu heftigen politischen Kontroversen geführt. Denn Fawcett beklagt sich darin bitter über die hohen Krebstherapiekosten und über eine industrialisierte Krebsmedizin, die alternative, schonendere Methoden der Behandlung gar nicht wahrnehme. Dafür sei sie in eine Klinik im bayerischen Bad Wiessee gefahren. Aber auch wegen der Diskretion deutscher Krankenhäuser. In Los Angeles hatte ein Angestellter die Krankenakte Fawcetts kopiert und an Klatschblätter verkauft, die daraus Horrorgeschichten komponierten. Fawcett wollte aber gern selbst festlegen, was und wie viel sie von sich preisgab. Sie verlangte von der Klinik die Entlassung des Angestellten, was erst auf öffentlichen Druck hin geschah.

Farrah Fawcetts Mut zur Wahrheit und Drastik "verdiene eine würdige Anerkennung", schrieb die "New York Times". Die Schauspielerin hat immerhin eine heftige Diskussion über Krebstherapien unter amerikanischen Ärzten entfacht.

Jetzt fordern Kritiker den Fernsehpreis "Emmy" für das Werk. Eisig bleibt dagegen der Satz in Erinnerung, den Larry Hackett, Chefredakteur des Klatschblattes "People" vor ein paar Wochen sagte: "Sie muss jetzt sterben, sonst bekommt sie kein Titelbild mehr."

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