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Grossstadtgeflüster: Darum steht die Kunst immer an erster Stelle

Grossstadtgeflüster sind mit "Trips & Ticks" zurück im Album-Geschäft. Sängerin Jen Bender spricht im Interview über das Älterwerden.

Kommen auf Tour gut mit ihren Ticks zu recht: Grossstadtgeflüster

Kommen auf Tour gut mit ihren Ticks zu recht: Grossstadtgeflüster

Grossstadtgeflüster machen gerne alles anders, als alle anderen. Als es populär war, nur Alben herauszubringen, haben sie EPs veröffentlicht. Und heute, wo der Trend hin zu einzelnen Singles geht, veröffentlichten die Berliner mit "Trips & Ticks" wieder ein ganzes Album. Die Nachrichtenagentur spot on news sprach mit Sängerin Jen Bender (39) über die selbstauferlegte Anti-Haltung der Band, das Älterwerden und über die pädagogische Verantwortung von Musikern.

Sie haben in den vergangenen Jahren lieber EPs veröffentlicht und das letzte "richtige" Album kam 2013 heraus. Warum haben Sie sich dazu entschieden, mit "Trips & Ticks" wieder ein "gewöhnliches" Album herauszubringen?

Jen Bender: Wir planen ja nie, sondern machen nur. Aber nachdem wir wieder eine Handvoll Songs zusammen hatten, hatten wir das Gefühl, dass es doch mehr ist, als nur eine EP und es ein Album werden könnte. Doch viele haben uns geraten, lieber wieder eine oder mehrere EPs machen, oder auch Singles, weil das heutzutage angesagt ist. Da hat sich bei uns direkt die Abwehrhaltung gemeldet und wir haben entschieden, ein Album zu machen. Es war ein Resultat aus Zufall und unserer Anti-Haltung. Uns sind die ökonomischen Warnsignale egal, wir sind oldschool und mögen auch Alben, gerne auch auf Vinyl.

Ist das Album im Streaming-Zeitalter eine Kunstform, die mehr oder weniger ausstirbt?

Bender: Ich sehe da gerade eher eine Gegenbewegung und es ist fast schon wieder angesagt, Alben zu kaufen. Die Presswerke sind zum Beispiel völlig überfüllt und man muss sich lange im Voraus anmelden. Das allein ist schon ein Zeichen für mich, dass es wieder einen Trend hin zum Analogen gibt.

Sie haben in einem "emotionalen" Statement verkündet, dass Ihr Album doch etwas später erscheint, als geplant. Waren daran auch Presswerke schuld?

Bender: Unter anderem. Aber wir wollen, dass die Kunst im Vordergrund steht und nicht das Timing - was an genau dieser Stelle aber nicht möglich ist. Trotzdem wollten wir das Album zuerst so fertig machen, dass wir damit happy sind.

Sie nutzen die sozialen Medien öfter mit einem gewissen Augenzwinkern. Ist das Ihre Art, mit etwas umzugehen, mit dem Sie als Privatpersonen weniger zu tun haben wollen?

Bender: Ich glaube eher, dass es uns einfach weniger liegt. Ich will das aber nicht abwerten. Mittlerweile ist es ein ernst zu nehmendes Business, was vielleicht auch der Grund dafür ist, dass ich darauf nur bedingt Lust habe. Ernstzunehmend und Business sind zwei Worte, bei denen ich Ausschlag bekomme. Wir sind aber auch keine 20 mehr, in der Unterhaltungsbranche gehören wir sogar schon zum alten Eisen. Wir fanden ja MySpace schon merkwürdig. Der Sinn von Social Media ist doch, dass die Leute ein wenig durch das Schlüsselloch schauen können. Nur gibt es bei uns eben nicht mehr zu sehen, als das, was wir zeigen.

Kommen wir zum Albumtitel: Welche "Trips" sind Ihnen die liebsten? Von Drogen induzierte Trips oder auf Tour gehen oder doch lieber Urlaub im Schwarzwald?

Bender: Die Mischung aus allem macht es! Oder am besten alles gleichzeitig. Alles total Tagesform abhängig. Das hat ja nicht immer den gleichen Auslöser oder den gleichen Sinn und Zweck.

Sie gehen durchaus offen mit Ihrem Marihuana-Konsum um. Wie gehen Sie an diesem Punkt mit Ihrer Vorbildfunktion um?

Bender: Das ist eine sehr philosophische Frage. Kunst und pädagogische Verantwortung ist immer einer Gratwanderung. Aber bisher sind keine 13-Jährigen zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass sie wegen mir angefangen haben, Drogen zu nehmen - das ist jetzt auch nicht gerade unsere Zielgruppe. Aber diese Frage ist grundsätzlich interessant, auch wenn ich sie nicht immer gleich beantworten kann. Auch wenn man sich so anhört, was Kollegen von sich geben. Schlagwort Gangster-Rap. Da zucke ich schon auch öfter mal zusammen, schließlich sind diese Künstler ein Einfluss auf Kids, die in einem Alter sind, indem sie durchaus beeinflussbar sind, die Vorbilder brauchen und diese suchen.

Allerdings fühle ich mich einerseits nur bedingt dafür verantwortlich, aber anderseits bin ich mir dem schon auch bewusst und würde mich jetzt nicht mit einer Crack-Pfeife ins Fernsehen setzen. Aber Marihuana ist Teil unseres Schaffensprozesses und teilweise unseres Alltags. Und ich bin auch ganz klar für die Legalisierung - nicht nur aus eigenen Interessen. Aber sollte ich jetzt kein Bier mehr trinken und mich dabei fotografieren lassen? Was sind meine moralischen Werte und was sind die der anderen? Diese Frage macht ein riesiges philosophisches Fass auf. Ich glaube, dass es da keine richtige oder falsche Antwort gibt und man das von Mal zu Mal neu diskutieren muss. Aber ich könnte es gut verstehen, wenn es Eltern gibt, die es nicht gut finden, dass ihr Kind diese oder jene Band hört, weil die so viel kiffen. Was aber auch nicht dazu führen würde, dass ich mich mit dem Joint verstecke.

Zum zweiten Teil des Titels: Welche "Ticks" haben Sie? Wer nervt damit auf Tour am meisten?

Bender: Ich glaube, auf Tour hält sich das Ganze in Grenzen. Schließlich sind wir, was wir sind, wegen unserer Ticks und wenn man erst mal auf Tour ist, lässt sich das ganz gut miteinander vereinen. Aber ich bin wohl ein wandelnder Tick. Ich schwanke immer zwischen totaler Aufgekratztheit und Misanthropie. In einem Moment können nicht genug Menschen um mich herum sein und im nächsten Moment ertrage ich sie nicht mehr. Ich glaube, mit mir ist es nicht immer einfach.

Ihren Song "Neue Freunde" beschreiben Sie als "schwarzhumorige Nightlifestory für langsam die Hoffnung verlierende Eskapisten, die wissen, dass ihre Lebensphase auf ein unabwendbares Ende zusteuert". In welcher Lebensphase befinden Sie sich gerade?

Bender: Ganz klar in der Midlife-Crisis. Nein, ich finde es sehr schwer, in dem Moment, in dem man lebt, auch fest zu machen, in welcher Phase man sich befindet. Aber: Ich bin gerade 39 geworden. Da müssen einige ganz essenzielle Entscheidungen getroffen werden - auch privater Natur. Aber auch das Thema Vergänglichkeit kommt immer mehr in den Vordergrund - die eigene, wie die grundsätzliche. Der jugendliche Wahnsinn, des sich unsterblich fühlen, geht so langsam ganz schön flöten. Gerade wenn man die ersten Menschen durch Krankheit oder einfach Alter verliert, die einem nahe standen. Auch die Welt, die sich weiterdreht und sich wandelt, Stichwort Social Media, was einem klar macht, dass man aus dem Zentrum der Gesellschaft hinaus geht. Es kommen die ersten Bewegungen in meine Welt, die ich teilweise nicht mehr nachvollziehen kann. Das erste Mal fühlt es sich wirklich echt an, dass alles seine Zeit hat und auch vorbei geht. Das ist aber nicht schlecht.

Wie bereiten Sie sich auf den Ruhestand vor? Was machen Sie, wenn es mit der Band vielleicht irgendwann zu Ende geht.

Bender: Mit dem Planen habe ich schon längst aufgehört. Kontrolle ist meiner Meinung nach ohnehin eine Illusion. Von daher lasse ich das einfach auf mich zukommen. Als Musiker lebt man ohnehin immer in Etappen. Ich weiß zum Beispiel jetzt schon, wie mein nächster Sommer aussehen wird. Bis dahin hoffe ich, dass ich nicht unter der Dusche auf der Seife ausrutsche und mir dabei das Genick breche. Ich halte mittlerweile alles für möglich und freue mich auf das, was noch kommt. Vielleicht schaffen wir es, zu zeigen, dass man jede Phase seines Lebens freudig gestalten kann, ohne dass man so tun muss, als wäre man 20.

SpotOnNews
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