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Sex-Skandal um Filmproduzenten: Harvey Weinstein oder: Das Grauen von Hollywood

Der Missbrauchsskandal um den Produzenten Harvey Weinstein erschüttert nicht nur die Filmwelt. Die wichtigste Frage: Ist dieser Fall bloß eine weitere Episode – oder tatsächlich eine Zäsur in Hollywood?

Von Christine Kruttschnitt

Ein Rüpel in schlecht sitzenden Anzügen, der Frauen an die Brust und zwischen die Beine greift? Der den Protest seiner Beute mit dem Hinweis niederdrückt, er dürfe das, er sei berühmt? Der ihnen unaufgefordert die Zunge in den Hals steckt und von Kollegen entsetzt als "unterstes Niveau" beschrieben wird? Ganz klar, der muss weg. 

Dumm nur, dass der bekennende Pussy-Grabscher unbehelligt im Weißen Haus sitzt. Und die entrüsteten Kommentare über den Mann, der "eine Enttäuschung ist für seine Freunde und Familie und ein Schrecken für die Frauen, die er attackiert hat", in diesem Fall gar nicht ihm gelten, sondern , dem Hollywoodproduzenten: Der hat zu Frauen und Frau­en­rechten ein ähnlich robustes Verhältnis wie Donald Trump, im Gegensatz zum 45. Präsidenten der USA nun aber jegliche Macht ver­loren und wird für sein Verhalten gerade zu Recht massakriert.

Die Vorwürfe: Von Angelina Jolie bis Gwyneth Paltrow: Diese Frauen klagen Weinstein an
Diese Promis klagen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein an

Gwyneth Paltrow verdankt Harvey Weinstein ihren großen Durchbruch: Er war es, der sie 1996 in der Jane-Austen-Verfilmung "Emma" besetzte. Doch kurz vor den Dreharbeiten lernte Paltrow auch den Preis dafür kennen. In einem Hotelzimmer in Beverly Hills fasste er die damals 22-Jährige an und schlug vor, sich im Schlafzimmer gegenseitig zu massieren. "Ich war ein Kind, ich hatte unterschrieben, ich war wie versteinert", erzählt Paltrow der "New York Times" von dem Vorfall. Sie habe sich geweigert und sich ihrem damaligen Freund Brad Pitt anvertraut. Dieser habe Weinstein zur Rede gestellt - doch der Filmproduzent habe sauer reagiert. "Er hat mich sehr lange angeschrien", erinnert sich Paltrow. Trotzdem arbeitete sie auch später mit ihm zusammen. "Es wurde erwartet, dass ich über alles schweige."


­Warum schwieg seine Frau Georgina Chapman?

Dutzende Frauen – darunter Schauspielerinnen wie Angelina ­Jolie, Asia Argento und Gwyneth ­Paltrow – hatten in der "New York Times" und der Zeitschrift "The New Yorker" sowie in eigenen Twitter-Beiträgen Weinstein "sexual harassment" vorgeworfen: Belästigungen und Übergriffe, die von verbaler Anmache ("Möchtest du mir beim Duschen zusehen?") bis zu Vergewaltigung reichten. In London und New York wird gegen den 65-Jährigen polizeilich ermittelt, in Los Angeles kickte die Oscar-Academy ihn aus ihren Reihen, als hätte er die Castingcouch gestohlen; sein Name wird jetzt aus Vor- und Nachspännen von Filmen und Fernsehserien der Weinstein Company entfernt, als ob dies den Ruin des Firmenim­periums, das er seit 1979 mit seinem Bruder Bob führte, verhindern könnte. Täglich, ach was, stündlich äußern nun Schauspieler ihren Abscheu über das "Raubtier" Harvey, das sich in eine Klinik zurückge­zogen hat, um seine Sexsucht zu ku­rieren. Seine Frau hat ihn auch ver­lassen – zehn Jahre mit einem Fremdgeher waren wohl genug.

Weinstein mit seiner Frau Georgina Chapman im Mai 2016 in Cannes. Sie hat ihn nach zehn Jahren Ehe verlassen

Weinstein mit seiner Frau Georgina Chapman im Mai 2016 in Cannes. Sie hat ihn nach zehn Jahren Ehe verlassen


Nun diskutiert mit heißem Kopf nicht nur , nicht nur Amerika die Frage, ob Weinstein ein Fehler im System oder dessen Standardeinstellung ist. Keine Nachrichtensendung, in der nicht die Komplizenschaft der Industrie mit einem mutmaßlich kriminellen Manager kritisiert wird – und das mindestens so harsch wie das ­Verhalten einiger seiner Opfer, die jahrelang nicht Alarm schlugen.  

So viele unangenehme Fragen. ­Warum schwieg seine Frau ? Warum schwieg sein Bruder Bob? Warum guckten die Firmenangestellten, die Hausjuristen, die PR-Leute stur in die andere Richtung? Verbreitete Hurrikan Harvey so viel Angst? Oder waren die Gerüchte und Ahnungen einfach eine Bestätigung nicht wert? So lange er erfolgreiche Filme produzierte und den Laden am Laufen hielt: So lange fragte keiner, was ihn antrieb. Sex. Macht. Junge Frauen. Ein berstendes Ego. Der Kick des Verbotenen. Was wusste Hollywood über den Dicken in seiner Mitte, der sich, nach allem, was man hört, auf jedem Branchen-empfang benommen hat wie eine ­offene Hose? Zwei Wochen nach den Enthüllungen muss man sich fragen: Und was scherte sich Hollywood?

Das Ex-Model Angie Everhart berichtete von einem mehr als zehn Jahre zurückliegenden Zwischenfall an Bord einer Yacht, auf der sie das Festival in Cannes besuchte. Sie hatte sich hingelegt und wachte auf, weil Weinstein vor ihr masturbierte. Sie stürzte aus der Kabine und beschwerte sich bei ihren Freunden. Deren Reaktion: "Ach, das ist bloß Harvey", so als wäre er ein Mops, der am Schienbein rammelt, was soll man machen, er kann nicht anders.

Das Problem mit The Weinstein Company (TWC) ist nicht, dass sie Harvey rausschmissen wegen seiner Untaten. Sondern er flog, weil alles rauskam. In seinem Vertrag waren schon länger Strafen für jede "Entschädigungszahlung" aufgeführt, welche TWC Frauen überwies, an denen er sich vergangen hatte.

Ex-Schauspielerin und Weinstein-Opfer Louisette Geiss (r.) berichtet 2008 Journalisten von ihrem Leid

Ex-Schauspielerin und Weinstein-Opfer Louisette Geiss (r.) berichtet 2008 Journalisten von ihrem Leid

Selbst erklärte Moralinstanz

In war der New Yorker aus ganz anderen Gründen un­beliebt: ein Bully und Brüller, der Regisseuren in den Filmschnitt pfuschte, über keinerlei Tischmanieren verfügte und stolz war auf seine ­ungehobelte Attitüde. Trotzdem posierten Stars und Starlets mit ihm fürs Foto: Harvey konnte das große Kino, er hatte die Karrieren von Quentin Tarantino und Steven Soderbergh angeschoben, Schauspielerinnen wie Judi Dench und Kate Winslet Rollen gegeben, für die sie den Oscar gewannen. Dame Judi scherzte, sie habe sich aus Dankbarkeit Harveys Initialen auf ihre Hinterbacke tätowieren lassen. Winslet aber ging Weinstein aus dem Weg: Sie fand ihn grauenhaft.


Nun heißt es, Weinsteins spektakuläres Karriereende sei Beweis für den Zorn der demokratischen, liberalen und feministischen Kräfte im Land, die die Nase voll haben von selbstherrlichen Proleten und von der Stimmung aus Angst und Ignoranz. Was zum Beispiel Sid Ganis, der ehemalige Präsident der Oscar-Academy, gerade über seinen Filmemacherkollegen Weinstein gesagt hat ("ein Asozialer", dem man "niemals vergeben" werde), das gelte genauso für Trump und seine rechten Spießgesellen. Die selbst erklärte Moralinstanz Hollywood hat gemerkt, dass die Zeiten sich verändert haben und Aggressoren wie Weinstein einpacken müssen – hurra.

Andererseits ist Harvey ein ziemlicher Brocken, aber nicht groß genug, um tatsächlich alle Verfehlungen von Hollywood auf seine Schultern zu nehmen. Er ist auch nicht, wie ein deutsches Boulevardblatt jubelt, "eine geniale Sau" – er ist eine ­ziemlich gewöhnliche Sau. Mit un­gewöhnlich gutem Gespür für Filmstoffe – und brachialen Marketingmethoden. Die österreichische Journalistin Elisabeth Sereda von der Hollywood Foreign Press Association, die prominente Preisverleiher für die "Golden Globe"-Show bucht, hatte schon oft mit Weinstein zu tun. Er boxte seine Stars in die Sendung, die ideale Werbeauftritte für neue Filme bietet. Sereda sagt: "Er ist der einzige Studioboss im modernen Hollywood, der das Kino liebt."

"He does not take no for an answer", er akzeptiert ein Nein nicht als Antwort. Das ist Weinsteins Credo. Und die Gefahr, die von ihm ausgeht.

Weinstein mit Ben Affleck bei einer Preisverleihung 2013. Mit der Produktion von "Good Will Hunting" hatte er 16 Jahre zuvor die Karriere Afflecks forciert

Weinstein mit Ben Affleck bei einer Preisverleihung 2013. Mit der Produktion von "Good Will Hunting" hatte er 16 Jahre zuvor die Karriere Afflecks forciert

Als die "New York Times" ihren Bericht über seine Angriffe auf bislang mehr als 30 Frauen veröffentlichte, versuchte sich Weinstein als "Kind der 60er und 70er Jahre" zu erklären, wo alle Regeln und Gepflogenheiten am Arbeitsplatz anders waren. Er sei ein "Dinosaurier" wie die Hollywoodmoguln der goldenen Ära: Der Fox-Chef Darryl Zanuck war bekannt dafür, jeden Nachmittag um vier eine Schauspielerin zur Arbeitsbesprechung zu empfangen. Weil es einigen der Frauen peinlich war, bei diesen Sextrips gesehen zu werden, wurde fürsorglich ein Tunnel gebaut. Alle am Set wussten Bescheid, niemand verlor ein Wort. Das war es einfach, was diese mächtigen Männer brauchten und wollten. Auch Harvey lud zu Besprechungen im Hotel – und im Morgenmantel. 

Eine ehemalige Praktikantin, damals 24 Jahre alt, sollte Schecks bei Weinstein zur Unterschrift vorbeibringen. Sie erinnert sich, wie er ihr  entgegenkam mit einem Handtuch um die Hüfte, das er flugs fallen ließ. "Bleib ruhig, diese Filmleute denken sich nichts dabei, wenn sie nackt ­herumlaufen", sagte sich die heute 62-Jährige. Ihr Vorgesetzter klagte dann über Schulterschmerzen und bat um eine Massage, was sie ihm verweigerte; worauf er sie aufklärte, dass sie bei guter Zusammenarbeit hervorragende Berufsaussichten habe. Als sie sich standhaft weigerte, ihn anzufassen, gab er nach, zeichnete die Schecks ab, sie eilte aus dem Zimmer und brach vor der Tür in Tränen aus. Als sie ihm am Ende der Dreharbeiten noch einmal begegnete, fragte er lässig: "Na, du hast mich nackt gesehen, war das nicht der Höhepunkt deines Praktikums?"

"Dinosaurier passen sich doch nicht an. Sie sterben aus"

Warum regt sich jetzt erst Widerstand? Ganz einfach: Das Raubtier beginnt zu schwächeln, und zwar auf dem einzigen Gebiet, das in der Geschäftswelt etwas zählt. Jüngere, Stärkere erobern sein Terrain. Schon seit zwei Jahren konnte TWC keinen Hit mehr vorweisen, während Netflix, HBO und andere Entertainment-Mächte florierten. 

Er werde sich bessern, er wolle eine zweite Chance, versprach Weinstein, nachdem er gefeuert worden war. Der Komiker Seth Meyers kommentierte: "Dinosaurier passen sich doch nicht an. Sie sterben aus."

"Man muss aufpassen, dass sich das nicht zu einer Hexenjagd auswächst, wo jeder Mann, der im Büro seiner Kollegin zuzwinkert, sich gleich einen Anwalt nehmen muss", sagte nun Woody Allen in New York. Der einst selbst in Sexskandale verwickelte Filmemacher nannte die Affäre Weinstein "sehr traurig"; was viele erboste. Sein Sohn Ronan ­Farrow wiederum verfasste den "New Yorker"-Artikel, in dem drei Frauen Weinstein Vergewaltigung vorwerfen. Vater und Sohn sprechen seit Jahren kein Wort miteinander.

Ohne Weinstein hätte George Clooney wohl kaum Karriere gemacht. Er bezeichnet das Verhalten des Produzenten als unentschuldbar – und kannte die Gerüchte

Ohne Weinstein hätte George Clooney wohl kaum Karriere gemacht. Er bezeichnet das Verhalten des Produzenten als unentschuldbar – und kannte die Gerüchte

Wer ist der Nächste? Als Oliver Stone jüngst in einem Interview Verständnis für den Kollegen aufbrachte ("Harvey ist in einer schwierigen Lage"), heulten PR-Leute, die ihn kennen, auf, er solle mal ganz still sein. Sein Ton gegenüber Mitarbeiterinnen sei mehr als fragwürdig. Im Internet kursieren nun schwarze Listen – mit Namen von Filmemachern, die Schauspie­ler­in­nen bedrängen, betatschen, demütigen. Und jener ­Regisseur, der kleinen Jungs nachsteigt und sie ­nötigt, über den werde auch bald die Wahrheit gesprochen. Die Produzentin der HBO-Serie "Girls", Jennifer Konner, nennt den Casus Weinstein eine Zäsur: "In ein paar Jahren werden wir zurück­blicken auf diesen Oktober 2017 und sagen: Da hat alles angefangen."

Da lösten sich die ungeschriebenen Gesetze auf, mit denen Macht-haber sich schützen und geschützt werden. Innerhalb weniger ­Wochen hat sich die Entertainment-Branche, die sich gern als Seismograf der Gesellschaft sieht und dabei den steilen Machtstrukturen der 50er Jahre verhaftet blieb, zum Nähr­boden umstürzlerischer, feminis­tischer Umtriebe verwandelt.


Zertrümmerte Klischees

Die Journalistin Gretchen Carlson hatte im Juli 2016 ihren Boss, den Chef des Fox-Nachrichtensenders, Roger Ailes, wegen "sexual harassment" angezeigt. Kolleginnen legten nach, und Ailes wurde gefeuert. Dann rückte der Fox-Kommentator Bill O'Reilly ins Licht: Er habe über die Jahre Millionen Dollar Schweigegeld für Frauen bezahlt, die ihn sexueller Belästigung bezichtigten. Auch er wurde gefeuert. Der Amazon-Manager, der einer Kollegin die Pracht seines Penis anpries: gefeuert. Popstar Taylor Swift verklagte einen Radiomoderator wegen Grabscherei (und gewann). Die Schauspielerin Robin Wright forderte erfolgreich die gleiche Gage wie ihr "House of Cards"-Serienkollege Kevin Spacey. So wie "Wonder Woman" kürzlich auf der Leinwand Rollenklischees zertrümmerte, erhebt sich eine Frauenriege in einem Solidaritätsakt sonder­gleichen: Junge Models wie Cara Delevingne und alte Kämpferinnen wie Jane Fonda sind bereit, Dinosaurier abzuschießen. Ihre Botschaft: Kommt uns nicht länger mit dem Scheiß.

All diese Prominenten wussten von Zudringlichkeiten Weinsteins zu berichten: (oben, von links) Rose McGowan, Angelina Jolie, Asia Argento, Gwyneth Paltrow, Ashley Judd;     (Mitte, von links) Lea Seydoux ,Mira Sorvino ,Rosanna Arquette, Louisette Geiss, Kate Beckinsale;    (unten, von links) Lauren Sivan, Jessica Barth, Elizabeth Karlsen, Emma De Caunes, Judith Godreche

All diese Prominenten wussten von Zudringlichkeiten Weinsteins zu berichten: (oben, von links) Rose McGowan, Angelina Jolie, Asia Argento, Gwyneth Paltrow, Ashley Judd; 

(Mitte, von links) Lea Seydoux ,Mira Sorvino ,Rosanna Arquette, Louisette Geiss, Kate Beckinsale;

(unten, von links) Lauren Sivan, Jessica Barth, Elizabeth Karlsen, Emma De Caunes, Judith Godreche

Die Schauspielerin Sarah Polley sagt, sie wollte mal eine Komödie drehen über ihre bizarrsten Erfahrungen mit Castingagenten, Regisseuren, Produzenten. Sie hatte Weinstein mit 19 Jahren getroffen, er machte ihr deutlich klar, dass eine "sehr enge Beziehung" zu ihm der beste Einstieg ins Filmgeschäft sei. Sie schüttelte sich innerlich. Dann betonte er noch, wie sehr er die Demokraten unterstütze, was Polley unfreiwillig komisch fand. Als sie sich mit Freundinnen traf, um Geschichten auszutauschen, waren sie alle wild entschlossen, sich kaputtzulachen. Doch dann merkten sie, dass sie sich eigentlich Horrorstorys erzählten von Verletzungen und Scham und hilflosem Zorn, und es kamen ihnen die Tränen.

Der Artikel über Harvey Weinstein ist dem aktuellen stern entnommen:





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