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Helena Christensen: Einmal Model, immer Model

Helena Christensen gehörte in den Neunzigern zu den erfolgreichsten Models der Welt. Seit dem Ende ihrer Karriere versucht sie sich als Fotografin. So, wie sie früher vor der Kamera posierte, setzt sie sich jetzt mit der Kamera in Szene. Aber macht sie das deshalb zu einer professionellen Fotografin?

Von Julia Mäurer

Ihre Schuhe fallen zuerst auf. Schwarze Peeptoes, deren feines Leder sich über dem Spann kreuzt und die Ferse umschließt. Der spitze Absatz versinkt bei jedem Schritt im Sand. Dazu trägt sie einen Jeansrock, der oberhalb des Knies endet und eine kurzärmelige, in der Taille geraffte Bluse. Die Kamera hat Helena Christensen locker über die linke Schulter gehängt. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit.

In Sakkara, einer 3000 Jahre alten Tempelanlage 20 Kilometer südlich von Kairo, soll Christensen einen Fotografie-Workshop leiten. Seit ihrem Rückzug aus dem Modelbusiness vor gut zehn Jahren versucht sich die Dänin als Fotografin. Um sie herum scharen sich ein Dutzend Journalisten und Reportage-Fotografen aus ganz Europa, die auf Einladung eines Kameraherstellers nach Kairo gekommen sind, um zu sehen, wie Christensen mit der Kamera arbeitet. Helena Christensen, das Model, kennen viele. Helena Christensen, die Fotografin, kaum einer.

Fotografien von Christensen sieht man kaum - sie selbst dafür umso öfter

Christensens Bilder sind in der Öffentlichkeit selten zu sehen. Christensen selbst dafür umso öfter. Arm in Arm mit "U2"-Frontman Bono bei einer Spendengala, lächelnd mit Schauspielerin Kate Bosworth bei einer Shoperöffnung, Händchen haltend mit ihrem Freund, dem britischen Musiker Paul Banks. Der Name Christensen zieht nach wie vor; die 39-Jährige ist ein gern gesehener Gast, schmückt Galadiners und Charity-Veranstaltungen.

Der Name Christensen half beim Promoten des dänischen Kinofilms "Allegro", in dem das Ex-Model eine Hauptrolle übernahm. Der Name Christensen zog bei dem amerikanischen Modemagazins "Nylon", dem sie Ende der Neunziger als Kreativdirektorin auf die Sprünge half. Der Name Christensen lockt in den Antiquitätenladen "Butik", den Christensen gemeinsam mit einem Freund in New York betreibt.

Das Model Christensen kennen viele, die Fotografin Christensen keiner

Ihr Name ist es, mit dem Christensen heute hauptsächlich ihr Geld verdient. Deshalb steht sie jetzt auch hier im Wüstensand. Nicht, weil sie eine renommierte Fotografin ist, die ihr Können hinter der Kamera demonstriert. Sondern weil alle neugierig sind, wie sich Helena Christensen nicht als Model vor, sondern als Fotografin hinter der Kamera verkauft.

Kurz gesagt: schlecht. Ziemlich steif verharrt die 39-Jährige auf einem Fleck, geht nicht in die Hocke oder lehnt sich zurück für die bessere Perspektive. Stattdessen kreuzt sie ihre Beine, spielt mit ihrem Haar, das zum Pferdeschwanz gebunden ist, und lässt die Mundwinkel hängen. Christensen wirkt nervös. Als sei es ihr unangenehm, beim Fotografieren beobachtet zu werden. "Sehr professionell sieht das nicht aus", sagt einer der mitgereisten Fotografen beim Anblick, wie sich Christensen die Kamera zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt.

Christensen gehört zu den erotischsten Frauen aller Zeiten

Umgekehrt hat das stets bestens funktioniert. 20 Jahre stand Christensen als Model vor der Kamera. Gehörte neben Cindy Crawford, Naomi Campbell und Claudia Schiffer zu den Frauen, die den Begriff des Topmodels prägten. Couturiers wie Gianni Versace, Karl Lagerfeld und John Galliano buchten sie. Die amerikanische Unterwäsche-Marke "Victoria's Secret" beschäftigte die Dänin zehn Jahre, und im Videoclip zur Single "Wicked Game" von Chris Isaak tänzelte sie halbnackt und so lasziv im Sand, dass der Musiksender MTV das Video zum erotischsten aller Zeiten wählte.

Von dieser Leichtigkeit ist in Kairo nicht viel zu spüren. Die Rolle der Lehrerin liegt ihr nicht. Christensen ist es gewohnt, vor der Kamera als Model zu agieren, auf Zuruf die Arme zu heben oder den Kopf nach links zu drehen. Hinter der Kamera wirkt sie steif und unbeholfen, redet kaum ein Wort, erklärt nicht, warum sie was wie macht. Statt die Funktionen der Kamera zu zeigen, über Blende und Belichtung zu sprechen und Nachhilfe in Sachen Fotografie zu erteilen, macht Helena Christensen gar nichts.

"Führen Sie mal die Kamera zum Auge", fordert sie eine Frau auf. Und: "Tun Sie mal so, als ob sie fotografieren würden." Genau das, ist das Problem. Alle Beteiligten beobachten Helena Christensen nicht bei der Arbeit als Fotografin, sondern beim Posieren mit der Kamera. Sagen ihr, was sie tun, wie sie sich bewegen soll. Nicht sie führt und alle folgen, sondern umgekehrt: Christensen gehorcht den Anweisungen der Workshop-Teilnehmer. In dem Moment wird sie wieder zum Model vor der Kamera, das auf Zuruf des Fotografen posiert und lächelt.

Fotografie als Zufallsprodukt

"Am liebsten bin ich allein mit meiner Kamera. Lasse mich von dem Moment leiten und von der Umgebung inspirieren", sagt Christensen nach einer Weile. "Ein Großteil meiner Bilder entsteht aus dem Bauch heraus." Genau so arbeitet Christensen auch. Sie streift durch den Sand, hängt sich die Kamera um den Hals, schraubt am Objektiv und hält einfach drauf. Was sie da fotografiert hat, bekommt vor Ort niemand zu sehen.

Immerhin, Christensens Bilder, zum Großteil Porträt- und Schwarzweißaufnahmen, wurden in der französische "Vogue" und in der italienischen "Elle" abgedruckt. Ob es an den Fotos oder ihrem Namen lag, sei dahin gestellt. Nur weil Christensen seit Jahren privat knipst, macht sie das noch lange nicht zur Fotografin. Eine Ausbildung hat sie jedenfalls nie absolviert. "Ich finde die Bilder nicht nur technisch schlecht gemacht, sondern auch ziemlich emotionslos", sagt Sonja Streit, Leiterin der Bildredaktion der Zeitschrift "Brigitte" zu Christensens Aufnahmen aus Kairo. "Es gibt ja bestimmte Kriterien, die ein gutes Bild erfüllen muss. Es sollte inspirierend, appellierend oder unterhaltend sein. Bei den Bildern von Helena Christensen trifft meiner Meinung nach nichts davon zu." Ähnlich äußert sich Tom Jacobi, Art Director des stern, zu Christensens Schnappschüssen aus Kairo: "Als Fotograf habe ich von ihr geschwärmt, als Mann von ihr geträumt - aber als Fotografin ist sie leider (bisher) eine echte Niete."

So unsicher Christensen die Kamera in den Händen hält, so unsicher stöckelt sie durch den Wüstensand. Die Fotografin in Peeptoes und Jeansrock kauft man ihr nicht ab. Als Model hingegen, da macht sie noch immer eine ganz passable Figur.