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Hilary Swank: Steh auf, Mädchen!

Karrieretief trotz zwei Oscars. Was ist bloß mit der Schauspielerin Hilary Swank los? Der neue Film des Ex-"Million Dollar Babys" ist höchstens ein paar Penny wert. Geht sie k. o.? Oder boxt sie sich da durch? Zäh genug ist sie auf jeden Fall.

Von Oliver Fuchs

Das Orchester schmettert eine Fanfare, tausend Scheinwerfer strahlen dich an, die ganze Welt schaut dir zu. Du bist großartig. Alle Demütigungen sind weggewischt, alle Selbstzweifel vergessen. Du bist am Ziel, wirst endlich belohnt für die Jahre des Vorsprechens, Klinkenputzens, Malochens. Jetzt kann dir keiner mehr was, denn jetzt hast du ihn, den Oscar. Männer halten in der Stunde des Sieges gern staatstragende Reden und danken der "ganzen Crew" sowie Oma, Opa, Vetter, Schwippschwager. Frauen heulen einfach los, was viel glaubwürdiger und sympathischer wirkt. Unvergessen der reizend überspannte Auftritt von Gwyneth Paltrow, die ihr Gesicht mit Tränen flutete und zitterte wie ein Meerschweinchenbaby im Treibeis. Hilary Swank ist alles Exaltierte, Überkandidelte eher fremd, doch auch sie schluchzte unüberhörbar, als sie 2005 den Oscar entgegennahm für ihre Rolle als Verzweiflungsboxerin in "Million Dollar Baby". Sie spielte eine vom Leben Gebeutelte, die in den Boxring will, um endlich zurückschlagen zu können. Aber nicht aus Rache, sondern aus Selbstachtung. Weil sie es sich selbst schuldig ist.

Swank verlieh dieser tragischen Kämpferin Würde und Größe und Kraft. Eine oscargolden strahlende Zukunft schien ihr sicher zu sein. Und jetzt die schlechte Nachricht: Hilary Swanks neuer Film "P.S. Ich liebe Dich" ist leider eine ziemlich missratene Romantikkomödie. Wenn Swank irgendetwas nicht ist, dann romantisch und komisch. Sie wirkt genauso deplatziert wie in eigentlich allen Filmen, die sie seit "Million Dollar Baby" gemacht hat: Brian De Palmas halbgarem Noir-Aufguss "Black Dahlia", dem schauderhaft schlechten Horror-Reißer "The Reaping" und "Freedom Writers", wo sie als gütiger Englischlehrerinnen-Engel im Ghetto Problemjugendliche zu Literaten umerzog. Vier Nieten in Folge: Es ist zum Heulen! Der Oscar als Karriereknick, das ist eine in Hollywood nicht unübliche Problemlage. Es gibt sogar einen Namen dafür, der wie eine verheerende Krankheit klingt: "Post-Oscar Career Suicide Syndrome", kurz "P.O.C.S.S.". Betroffen sind vor allem Frauen.

Eine fast an Selbstverachtung grenzende Disziplin

Gwyneth Paltrow etwa, die nach "Shakespeare in Love" in dem Austin-Powers-Ulk "Goldständer" mitwirkte, nachdem sie die Klamotte "Schwer verliebt" der Farrelly-Brüder großteils in einem Fettanzug absolviert hatte. Noch schlimmer traf es Halle Berry, die sich, Oscar- gekönt für "Monster’s Ball", als Bond-Girl erst zotige Sprüche von Pierce Brosnan anhören musste, um sich dann als "Catwoman" in ein albernes Katzenkostüm zu zwängen. Es ist verdammt schwer, in so einem Aufzug Würde zu bewahren. Gut möglich also, dass Hilary Swank wusste, was auf sie zukommt. Vielleicht hat sie in der Oscar-Nacht nicht nur vor Freude geweint, sondern auch aus Angst. Sie hat das ja schon mal durchgemacht, nach ihrem ersten Oscar für "Boys Don’t Cry" im Jahr 2000. Danach verschwand sie wieder im tiefen Tal der B- und C-Filme, aus dem sie hochgeploppt war. Pah, Hilary Swank, "she’s history", vergessen, vorbei, hämten damals die Bescheidwisser. Dann ploppte sie wieder hoch, als "Million Dollar Baby". Jetzt also keine voreiligen Prognosen. Denn wer weiß, was die eigenartige Karriere dieses Stehaufmädchens noch für Wendungen bereithält.

Hilary Swank wächst als vernachlässigtes Kind in einer Wohnwagensiedlung nördlich von Seattle auf, der Vater haut bald ab, Hilary und die Mutter ziehen nach Hollywood, mit nichts als 75 Dollar in der Tasche. Die erste Zeit schlafen sie im Auto, später auf Luftmatratzen in einer leer stehenden Wohnung. Die Mutter ruft von Telefonzellen aus Hollywoodagenten an, "ich hab eine talentierte Tochter, schauen Sie sie sich wenigstens an". Ausgelacht wurde sie. Wissen Sie, wie viele talentierte Töchter es in dieser Stadt gibt?

Und hübsch ist Hilary auch nicht, jedenfalls nicht im Hollywoodsinne, mit ihrer hohen Stirn, dem kantigen Kinn, den Nussknackerwangenknochen. Aber sie hat etwas, was andere Töchter Hollywoods nicht haben: Zähigkeit, Leidensbereitschaft, eine fast an Selbstverachtung grenzende Disziplin. Nachdem sie als Nebendarstellerin in der Teenie-Serie "Beverly Hills 90210" schnell wieder aus dem Drehbuch herausgeschrieben wird, kniet sie sich mit Jetzt-erst-recht-Trotz in ihre erste Charakterrolle.

"Ich kann, ich muss, ich werde"

Als Vorbereitung für das Drama "Boys Don’t Cry" läuft sie wochenlang mit abgebundenem Busen und einer dicken Socke in der Hose herum, um sich in den Körper eines Jungen hineinzufühlen. Der Lohn der Mühen: Oscar Nummer eins. Genauso besessen wirft sie sich fünf Jahre später in den Boxring. Für "Million Dollar Baby" legt sie zehn Kilo Muskelmasse zu, sie schindet und quält sich, bis ihre Oberarme hart wie Eisenträger sind. "Ich war oft so müde und dachte, ich kann das nicht, ich kann nicht mehr. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich kann, ich muss, ich werde." Swank, als Kind Leistungsturnerin und Schwimmerin mit Olympia-Perspektive, betreibt Schauspielerei als Kraftakt und Höllentrip. Das hat Tradition im US-Kino, allerdings vorwiegend bei Männern, Testosteron-Lackeln wie Brando und De Niro. Swank ist die erste Hollywood-Frau, die mit solcher Härte gegen sich selbst vorgeht.

Und da darf sie zwischendurch, verdammt noch mal, auch Rollen spielen, bei denen sie nicht an ihre Grenzen gehen muss. Bei Männern stört das ja auch keinen. Der letzte gute Film des Oscar-Preisträgers Nicolas Cage liegt Jahre zurück, und trotzdem spricht keiner von "P.O.C.S.S.". Nein, keine Bange, Hilary Swank kommt wieder. Gong, nächste Runde. Oder um es mit den Worten des großen Rocky Balboa zu sagen: "It ain’t how hard you hit; it’s about how hard you can get hit, and keep moving forward." Es kommt darauf an, wie viel du einstecken kannst.

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