Interview "Aussehen ist nur relativ"


Bruce Darnell hat zwei Gesichter. In Heidi Klums Castingshow "Germany's Next Topmodel" treibt er die Mädchen gnadenlos zu Höchstleistungen an. Aber selbst weint er schon beim kleinsten Anlass. Doch gerade dafür lieben ihn seine Fans

Mr. Darnell, kennen Sie Ihren Spitznamen?

Ich hoffe, es ist nicht "Heulsuse".

Nein, man nennt sie den "Klinsmann des Laufstegs".

Halt, stopp. Es käme mir nie in den Sinn, mich in die Nähe von Jürgen Klinsmann zu stellen, der so Großartiges geleistet hat. Aber wenn es mir mit der Sendung gelingt, der Model-Branche ein besseres Image zu geben, wäre ich stolz.

Seien Sie doch nicht so bescheiden. Junge Mädchen schwärmen für Sie, es gibt Bruce Darnell Fanklubs. Dabei sind Sie fast 50. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Vielleicht, weil ich nicht arrogant und distanziert bin. Das wird den Modeleuten ja nachgesagt. Und weil man mag, wie ich bin: echt. Aussehen ist nur relativ.

Aber Sie arbeiten in einer Branche, in der es um nichts anderes geht.

Nicht in unserer Sendung. Wir von der Jury erleben und beurteilen die Mädchen auch hinter den Kulissen. Das ist wichtig. Ein Mädchen kann toll aussehen, wenn es aber einen schlechten Charakter hat, kommt es in diesem Business nicht weit.

Die Mädchen der Show scheinen Ihnen zu vertrauen.

Das freut mich. Aber das wühlt mich auch so auf, dass ich manchmal nicht schlafen kann. Mich beschäftigen die Probleme der Mädchen. Ich weiß, woher sie kommen, kenne ihre Eltern, tröste sie bei Liebeskummer.

Warum weinen Sie so oft?

Irgendwie ist das bescheuert: Mode und Tränen passen nicht zusammen. Aber ich weine vor Freude, weil es mich rührt zu sehen, wie hart die Mädchen an sich arbeiten. Ich musste auch für alles unheimlich kämpfen.

Sie waren Fallschirmjäger bei der US Army.

Wir waren zehn Kinder und hatten es nicht leicht. Meinen Vater kenne ich nicht. Mein Stiefvater war Soldat, wir zogen ständig um. Ich fühlte mich als Außenseiter, zu groß und hässlich. Nach der Schule wusste ich nicht wohin und landete beim Militär – furchtbar. Man hat mich gequält. Doch ich habe mir das Härteste rausgesucht, was es gibt: Fallschirmspringen. Ich wollte stark werden. Und habe es geschafft.

Wie landet ein Ex-Fallschirmjäger in der Mode?

Nach sechs Jahren hatte ich genug von der Army und ging nach Deutschland. Zuerst habe ich in Discos gejobbt, bis mich jemand fragte, ob ich als Model arbeiten wolle. Unglaublich, wo ich mich immer so hässlich fand!

Wie schaffen Sie es, so fit zu bleiben?

Ich mache Sport, Bodybuilding, joggen. Nicht fanatisch, aber regelmäßig und überall. Gibt es im Hotel keinen Fitnessraum, klemme ich für Sit-ups die Füße unters Bett. Die Mädchen in der Show nähmen mich ja nicht ernst, wenn ich mit dickem Arsch über den Laufsteg wackelte.

Halten Sie Diät?

Nein, aber ich habe noch nie im Leben Fleisch gegessen. Bei uns zu Hause gab es keins. Heute esse ich viel Pasta, Salat und Obst.

Was passiert mit den Mädchen, die aus der Show fliegen?

Alle haben meine Handynummer. Ich versuche Ihnen klarzumachen, dass sie trotzdem erfolgreiche Models werden können. Sie müssen nur hart genug dafür kämpfen. Ich bin nicht der Typ, der die Mädels wegschmeißt.

Sie selbst sind für Kenzo, Issey Miyake und Calvin Klein gelaufen. Was war ihre schlimmste Erfahrung in diesem Job?

Das Härteste ist die Einsamkeit: Du läufst in Tokio, Mailand oder Paris über den Catwalk, dir gehört 15 Minuten lang die Aufmerksamkeit der Welt. Und zurück im Hotel bist du ganz allein.

Was hilft Ihnen?

Ich höre Musik. The Doors, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Coldplay. Und ich lese. Ich habe gerade zum vierten Mal Uschi Obermaiers Autobiografie "Mein wildes Leben" gelesen. Menschen, die es schwer hatten, die kämpfen mussten, interessieren mich.

Es gibt Gerüchte, Sie bekämen eine eigene Show?

Da ist noch nichts Konkretes. Aber ich würde nur eine Show haben wollen, die mit Mode zu tun hat und in der ich jungen Leuten Mut machen kann, ihnen sage: "Jeder kann es schaffen - mach was aus deinem Leben!"

Interview: Hilde Frye print

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