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Joaquin Phoenix wird 40: Die passende Dosis Wahnsinn

Kaiser, Countrylegende, abgehalfterte Version seiner selbst - Schauspieler Joaquin Phoenix gilt als Virtuose seiner Zunft. Was er in 40 Jahren privat durchgemacht hat, reicht zudem für zwei Leben.

Dreimal war Joaquin Phoenix bislang für einen Oscar nominiert, gewonnen hat er ihn noch nie

Dreimal war Joaquin Phoenix bislang für einen Oscar nominiert, gewonnen hat er ihn noch nie

Seinen spektakulärsten Auftritt hatte der große Kinostar Joaquin Phoenix ausgerechnet in einer Fernsehshow. Im Februar 2009 nahm er auf einem Sessel neben Late-Night-Talker David Letterman Platz. Erwartet worden war eine nette Plauderei über seinen neuen Film "Two Lovers" mit Gwyneth Paltrow. Es entwickelte sich jedoch eine derart groteske Unterhaltung, dass selbst dem wortgewandten Letterman die Spucke im weit offen stehenden Mund trocknete. Phoenix, verlottert mit Rauschebart, erklärte, dass er die Schauspielerei an den Nagel hängen werde, um eine Karriere als Gangster-Rapper zu beginnen. Er klebte sein Kaugummi unter die Möbel und beantwortete Fragen mit nicht viel mehr, als einem irren Blick.

US-Medien überboten sich anschließend in der Dramatik ihrer Abgesänge auf den Verrückten. Es musste ja so kommen, war der Tenor. Erst weit mehr als ein Jahr später verkündete er an gleicher Stelle, dass alles nur ein Spaß war. Joaquin Phoenix spielte eine Version von Joaquin Phoenix. Der gefallene Star aus dem durchgestylten Hollywood. Alles eine große Zaubershow für eine kleine Fake-Dokumentation, die er mit seinem Kumpel Casey Affleck drehte. Ihn in "I'm still Here" zu sehen ist ein großartiges Erlebnis. An den Kinokassen war der Film hingegen ein Flop. Dennoch, für seine Rolle, nahm Phoenix in Kauf zum Gespött zu werden. Ein Schauspieler durch und durch. Kein Image.

Nennt mich Leaf

Nur der Oscar fehlt ihm noch. Sonst hat er fast alles schon gewonnen. Sogar einen Grammy. Kein Wunder, kann er doch so unterschiedliche Figuren wie einen grausamen Kaiser und einen schüchternen Niemand spielen. Und Countrylegenden so überzeugend, dass er gleich einen Musikpreis gewinnt. Am 28. Oktober wird er 40.

Phoenix kommt aus einer Hippiefamilie, und entsprechende Namen tragen seine Geschwister auch. Vier von fünf brachten es immerhin im Showgeschäft zu etwas: River (Fluß), Summer (Sommer), Rain (Regen) und eben Joaquin. Weil auch er einen naturinspirierten Namen haben wollte, nannte er sich schon als Kind "Leaf" wie das Blatt des Baumes.

Alle schauspielerten schon als Kinder und der Erfolgreichste schien River zu sein mit "Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers", "Little Nikita", "My Private Idaho" oder "Sneakers - Die Lautlosen". Drei Tage nach Joaquins 19. Geburtstag brach River zusammen. Die Tonaufnahme mit Joaquins verzweifeltem Notruf findet sich immer noch im Internet. River starb an einem "Speedball", einer Mischung aus Heroin und Kokain. Er war 23.

Grausamer Kaiser, zweifelnder Country-Sänger

Auf Joaquin Phoenix passt das Bild des brillanten, aber einsamen und auch depressiven Künstlers. "Ich habe Verwirrung und Depression durchgemacht", sagte er, nachdem er einen anderen genialen, aber selbstzweifelnden Künstler gespielt hatte, Johnny Cash. "Nach einem Film wie diesem habe ich alles verloren, was mir sonst Sicherheit gibt. Ich grüble dann über Fragen wie "Wer bin ich?" oder "Was mache ich eigentlich?"."

Die simple Antwort wäre: Ziemlich gute Filme. Es gab auch Flops im Leben von Joaquin Phoenix, nicht nur einen. Aber dem grausamen Kaiser Commodus in Ridley Scotts "Gladiator" gab er die genau passende Dosis Wahnsinn. Und der gefeierte Star spielte in "Her" so überzeugend den Durchschnittskerl, der sich an keine Frau herantraut, dass Kritiker und Publikum hingerissen waren. Aber es ist wie verhext, den Oscar bekam er wieder nicht.

Im Februar 2006, der Cash-Film "Walk the Line" war noch in den Kinos, kam Phoenix' Wagen in Hollywood von der Straße ab und überschlug sich. Als er benommen im Wrack saß, hörte er eine deutsche Stimme. "Mir geht's gut", sagte der damals 31-Jährige. "Nein, geht's Dir nicht", sagte der Deutsche - und nahm ihm eine Zigarette aus den Lippen, die der verwirrte Phoenix sich gerade im benzingetränkten Autowrack anzünden wollte. Joaquin Phoenix sagte später, dass der Deutsche ihm das Leben gerettet habe, "und er hatte so eine ruhige und schöne Stimme, dass ich mich sofort sicher fühlte". Es war die Regielegende Werner Herzog.

ono/Chris Melzer, DPA / DPA