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Jubiläum: Ein Wahrzeichen norddeutschen Humors

Hamburgs berühmteste "Deern", die Volksschauspielerin Heidi Kabel, machte die Waterkant selbst bei den Bayern populär. Am Freitag feiert sie ihren 90. Geburtstag.

Zu Hamburg gehört Heidi Kabel mittlerweile genauso wie die Wahrzeichen der Stadt, der "Michel" und die Landungsbrücken. Das niederdeutsche Ohnsorg-Theater ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden, und über das Fernsehen machte sie das Plattdeutsche in ganz Deutschland salonfähig. Prima geht es ihr, sagt Heidi Kabel, die an diesem Freitag 90 Jahre alt wird - wenn da nur nicht all' diese Wehwehchen wären. An ihrem Geburtstag ist ein kleines Fest mit Freunden und Bekannten in einem Hotel an der Elbe geplant.

"Es gibt gute Tage und weniger gute."

"Meiner Großmutter geht es eigentlich ganz gut", sagt ihr Enkel Jan Hinnerk Mahler, der auch eine Biografie über seine berühmte Oma geschrieben hat. "Sie ist nur oft sehr müde und vergisst sehr viel." Seit knapp einem Jahr lebt Heidi Kabel in einem Appartement einer Seniorenresidenz. Kabel hatte sich gemeinsam mit der Familie zu dem Umzug entschlossen, weil sie an Altersverwirrtheit (Demenz) leidet. "Es gibt gute Tage und weniger gute. Das schwankt", sagt ihr Enkel. Eine große Fernseh-Gala wie zu ihrem 85. Geburtstag sei für sie jedoch zu anstrengend.

In mehr als 65 Jahren war Heidi Kabel am Ohnsorg-Theater in über 160 plattdeutschen Stücken zu sehen, verkörperte tratschsüchtige Nachbarinnen, keifende Hausdrachen und handfeste Mütter. Mit seriöser komödiantischer Kunst brachte sie die Menschen zum Lachen und zum Weinen, denn immer gelang es ihr, trotz allen Klamauks, im Kauzigen auch das Bösartige und im Boshaften das Verletzte zu zeigen. Mutterwitz und Menschenkenntnis haben Heidi Kabel zu einer Schlüsselfigur des deutschen Volkstheaters gemacht. Ihr Schauspielerkollege Peter Striebeck sagte einmal: "Sie kommt immer als Mensch auf die Bühne, und man vergisst, dass sie spielt. Darum ist sie eine echte Volksschauspielerin."

Disziplin gehört zum Leben

Doch so sehr sie auf der Bühne auch wie die Personifizierung der typischen Nachbarin erschien - plumpe Vertraulichkeit war ihr fremd. "Ich bin eher distanziert und schätze das Alleinsein sehr", sagte Heidi Kabel einmal. "Hanseatische Zurückhaltung ist ihr wichtig", pflichtet auch ihr Enkel bei. Beruflich haben sich Disziplin und Fleiß ausgezahlt, das zeigen schon die Preise, mit denen sie überschüttet wurde. Die Werte hatte ihr die strenge Mutter beigebracht, der Vater war eher für jeden Spaß zu haben. "Wie sehr dieser Disziplin-Wahn über die Jahre an ihr genagt hat, weiß nur sie selbst", meint ihr Enkel.

Zwei Weltkriege und bittere Not hat Heidi Kabel miterlebt - vielleicht auch deshalb setzte sie so auf Disziplin. "Wenn jeder Freude und Schmerz einfach so herausschreien würde, das wäre doch fürchterlich. Für mich ist Disziplin sehr wichtig, sowohl im Leid wie auch im Glück", meinte die Schauspielerin einmal. Im März 1970 bestand sie darauf, die Vorstellung von "Suuregurkentied" zu Ende zu spielen, obwohl sie in der Pause die Nachricht vom Tod ihres Mannes Hans Mahler erhalten hatte. 33 Jahre lang war sie mit dem 14 Jahre älteren Mahler verheiratet gewesen, der 1948 zum Leiter des Ohnsorg- Theaters berufen wurde. Mit ihm bekam sie drei Kinder, mit der Tochter Heidi stand sie später häufig gemeinsam auf der Bühne.

Unvergessen mit Henry Vahl

Die Schauspielerei fing für Heidi Kabel an wie eine Anekdote. Eigentlich wollte sie Pianistin werden, doch als sie 1932 eine Freundin zum Vorsprechen an die niederdeutsche Bühne - gleich gegenüber von ihrem Elternhaus - begleitete, wurde sie selbst engagiert. Bald avancierte sie zum Star der Bühne und kam von 1954 an per Fernsehübertragung in die deutschen Wohnzimmer. Unvergessen sind die Stücke, in denen sie mit "Fernseh-Opa" Henry Vahl das Publikum zu Lachkaskaden hinriss. Vom Theater nahm die Schauspielerin 1998 Abschied. Und bewies auch dabei wieder Disziplin: Mit 84 spielte sie nochmal eine Doppelrolle in dem Lustspiel "Mein ehrlicher Tag".

Von Brita Janssen und Carola Große-Wilde, dpa / DPA