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Deutsche Olympiasieger: Wie einst im Bauerntheater

Die Medaillengewinner gaben sich am Montag im deutschen Olympia-Haus die Klinke in die Hand. Während die einen feiern, kritisieren andere ihre Trainer.

Von Christian Ewers, Whistler

Es war wie einst bei Heidi Kabel im Bauerntheater: Kaum hatte der eine die Bühne verlassen, kam der nächste hereingestürmt, nur die berühmte Drehtür fehlte im Deutschen Haus in Whistler. Acht Athleten hatten dort am Dienstagabend ihren Auftritt – so viele wie noch nie zuvor während dieser Olympischen Winterspiele. Es ließen sich feiern: Die Langläuferinnen Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad, die Gold im Teamsprint geholt hatten. Jubel auch für Axel Teichmann und Tim Tscharnke, sie gewannen Silber, ebenfalls im Teamsprint. Und dann waren da noch die Skispringer Martin Schmitt, Michael Uhrmann, Michael Neumayer und Andreas Wank, die Zweite wurden im Mannschaftswettbewerb.

Dieser Dienstag war ein deutscher Tag - nicht nur wegen der üppigen Medaillenausbeute. Die Erfolge waren kleine Sensationen, sie kamen völlig unverhofft, vor allem im Langlauf. Selbst Bundestrainer Jochen Behle hatte nicht mit solch einem Abschneiden gerechnet. Noch in der vergangenen Woche hatte Behle wie ein Rohrspatz über seine Langläuferinnen geschimpft: "Wir sind stehen geblieben. Wir haben es bisher einfach nicht geschafft, den Trend in die andere Richtung zu drücken. Konditionell sind wir nicht da, wo wir sein müssten. Die 150, 200 Trainingsstunden, die andere mehr haben, machen sich eben bemerkbar."

Kampfeslustige Gold-Läuferinnen

Das war am Freitag. Vier Tage später straften ihn Evi Sachenbacher-Stehle, 29, und Claudia Nystad Lügen, 32, Lügen. Sie hängten die Schwedinnen Charlotte Kalla und Anna Haag ab und auch Irina Chasowa und Natalia Korostelewa aus Russland. Das war die erste Rache an Behle. Die zweite folgte am Abend. "Ach, der Jochen", sagt Sachenbacher-Stehle im Deutschen Haus, "wir sind es gewohnt, dass vor jedem Höhepunkt etwas von ihm kommt. Das geht hier rein, und da raus." Sachenbacher-Stehle tippte sich dabei rechts und links ans Ohr.

Sie waren kampfeslustig, die beiden Langläuferinnen. Am Tag ihres großen Triumphes kostete es sie keine Überwindung ihren Chef zu attackieren. Claudia Nystad tat das mit feiner Ironie. "Wir stellen Jochen schon zur Rede, wenn die Zeitungen wieder mal voll sind mit seinen Kommentaren. Er sagt dann immer: Das stammt nicht von mir. Und das glauben wir ihm natürlich auch immer."

Behle will nach der Saison sein Langlaufteam schon bald umbauen. "Wir werden irgendwann - und ich denke, es wird nach dieser Saison passieren - einen Schnitt machen müssen", sagte Behle, "wir müssen versuchen, mit einer etwas jüngeren Truppe einen langfristigen Aufbau zu starten."

"Ich habe Silber gesichert, das war schwer genug"

Bei den Männern hat der Generationswechsel bruchlos geklappt. Routinier Axel Teichmann, 30, sprintete im Duo mit Tim Tscharnke, 21, auf Platz zwei hinter Öystein Pettersen und Petter Northug aus Norwegen. Tscharnke lief ein mutiges Rennen, er wagte die Flucht aus der Spitzenguppe und erkämpfte einen kleinen Vorsprung. Teichmann hielt ihn zunächst, konnte ihn auf den letzten beiden Kilomtern nicht mehr verteidigen. Northug flog an Teichmann vorbei, scheinbart mühelos, es war eine Demonstration der Überlegenheit.

Teichmann, der die Spiele 2006 wegen Krankheit verpasst hatte, war dennoch zufrieden: "Ich habe die Russen auf Distanz gehalten und Silber gesichert. Das war schwer genug." Am Donnerstag, bei der 4x5-Kilometer-Staffel, zählen die Deutschen nun zu den Favoriten.

Glückliche Skispringer wollen in Zukunft mehr

Diese Bürde spüren die Skispringer schon seit Jahren nicht mehr; die Ära Sven Hannawald ist längst beendet und Martin Schmitt muss jeden Winter neu zu erklären versuchen, warum er nicht mehr so weit fliegt wie Ende der Neunziger und Anfang des Jahrtausends, als er vier Weltmeistertitel gewann. Die Deutschen haben keinen überragenden Individualisten mehr - wohl aber eine solide Mannschaft, die bei den großen Veranstaltungen verlässlich Ergebnisse liefert. Michael Uhrmann glaubt sogar, das die Mannschaft Österrreichs zu schlagen ist, die das Springen souverän gewann. "An einem guten Tag können wir sie packen", sagte Uhrmann. "Ich denke, wir sollten uns nicht verstecken und in den nächsten Jahren voll auf Angriff gehen."

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