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Olympia: Eishockey: Das Mutterland holt sich Gold

In einem faszinierenden Finale hat sich Kanada mit einem 3:2-Sieg über die USA Gold im Eishockey gesichert. Es war der würdige Abschluss großartiger Spiele.

Von Mathias Schneider, Vancouver

Zu Beginn noch einmal ein kurzer Blick auf den Anfang dieser Olympischen Spiele, weil es im Nachhinein gar so absurd scheint. Sie hatten ja in Kanada ernsthaft so ihre Bedenken, ob sie überhaupt eine Goldene gewinnen würden, man muss noch einmal daran erinnern nach diesen zwei Wochen im Goldrausch. Zweimal hatte das Land bereits Olympische Spiele ausgerichtet, in Calgary 1988 und in Montreal 1976 (damals im Sommer). Gewonnen haben da leider aber immer die anderen. Das Stigma haftete an ihnen wie ein übler Geruch.Und es machte ihnen Angst vor Vancouver 2010.

Zum Glück kam die erste Goldmedaille durch den Buckelpistenfahrer Alexandre Bilodeau relativ zügig. Weil aber Buckelpistengold bei allem Respekt dann doch irgendwie ein bisschen nach Buckelpistengold klingt, kam dann noch eine Goldene. Und dann noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Und – richtig – noch eine. Am Ende standen da plötzlich 13 Goldmedaillen vor dem Schlusstag. Nur noch eine fehlte, und Kanada, dessen Einwohner mittlerweile so gar nicht mehr verzagt, sondern mit ziemlich breiter Brust daher kamen, hatte den Rekord bei Olympischen Spielen in gewonnenen Goldmedaillen nicht nur eingestellt, sondern überboten.

Sie kam am Sonntag. In der Verlängerung. Im Eishockey der Männer. Gegen den Erzrivalen USA.

Es wurde ja an dieser Stelle vor einigen Tagen schon einmal der Verdacht geäußert, dass da eine unsichtbare Hand Regie führt, so zielsicher steuerten diese Spiele auf einen emotionalen Höhepunkt nach dem anderen zu. Und weil man sich das Beste ja immer bis zum Schluss aufheben soll, erlebten diese Olympischen Spiele im Mutterland des Eishockeys zum Abschluss noch einmal ein Crescendo der großen Emotionen.

Auf Crosby sind sie stolz


Mit 3:2 rang Kanada die USA nieder. Bereits wie der sichere Sieger hatte es 25 Sekunden vor Schluss bei einer 2:1-Führung ausgesehen, bevor Zack Parise, den Nachrichtenagenturen an so einer Stelle gern als US-Boy bezeichnen, doch noch ausglich. Schon das war mehr Drama, als ein ordentlicher Streifen eigentlich bieten kann. Nach genau sieben Minuten und 40 Sekunden in der Verlängerung fiel dann die Entscheidung doch noch für Kanada. Sie kam durch – richtig, den Superstar – Sidney Crosby.

Auf ihn sind sie stolz hier wie früher die USA auf Michael Jordan. Crosby, aktueller Stanley-Cup-Sieger mit den Pittsburgh Penguins, verlebte bis dahin ein eher moderates Turnier. Für das perfekte Happy End musste er noch den Puck über die Linie befördern. Es fehlte schließlich noch ein Hauptdarsteller. "Es fühlt sich unwirklich an, wie ein Traum, total unwirklich", stammelte er später ergriffen.

Der Canada Hockey Place drohte auseinanderzubrechen


Als er schließlich ein ganzes Land erlöst hatte, drohte der Canada Hockey Place auseinanderzubrechen vor lauter Lärm. Erwachsene Männer hielten Schilder hoch. Darauf stand: "Dies ist unser Spiel", oder, "Wir glauben", oder, "Dies ist unser Spiel, dies ist unser Gold". Unten auf dem Eis fuhr der Torwart Roberto Luongo, nicht der Beste seines Fachs, dafür aber unglaublich beliebt, weil er für die Vancouver Canucks spielt, mit der Landesfahne im Kreis herum. Die Goldmedaille baumelte da bereits um seinen Hals, die Nationalhymne hatten die 19.000 da schon ergriffen geschmettert.

Kanada hatte sein 14. Gold. Und den Rekord.

Mit einer glücklichen, wenn nicht schmeichelhaften Führung waren die Gastgeber nach dem ersten Drittel in die Pause gefahren. Als quirliges Team entpuppte sich das junge Team USA und machte schnell deutlich, dass nicht der Zufall seinen überraschenden Weg ins Finale geebnet hatte. Früh attackierten sie den Favoriten in dessen eigener Hälfte. Keinen Raum ließen sie Kanada zu Entfaltung. Ungewohnte Stockfehler waren prompt bei den Männern in Rot und Weiß zu besichtigen. Ein Überzahlspiel verrann gar ohne eine zwingende Torchance.

Angetrieben durch eine furiose Menge


Die Führung der Kanadier durch Jonathan Toews resultierte denn auch aus einem Abstauber. Der vorzügliche US-Goalie Ryan Miller hatte den Puck bei einem Schuss nur abprallen lassen. Kanada bekam danach das Spiel besser in den Griff, angetrieben von der furiosen Menge. Kanada ging in der 33. Minute durch Corey Perry mit 2:0 in Führung. Kanada war dem ersehnten Gold jetzt sehr nahe. Ein abgefälschter Schuss von Ryan Kessler brachte die Amerikaner aber wieder in Schlagdistanz von Gold. Und nährte ihre Zuversicht aufs Neue.

Das dritte Drittel wird wohl als eines der dramatischsten in die Geschichte des olympischen Eishockeyturniers gehen. Die USA drückten verzweifelt, Kanada verpasste mindestens dreimal das entscheidende dritte Tor. In den letzten fünf Minuten brüllten die 19.000 nur noch bang die Schlusssirene herbei, vor Roberto Luongos Tor trugen sich Tumulte zu. Kreuz und quer flogen die Profis übers Eis.

Würdiges Finale


Als Amerikas Torwart Miller schließlich vom Eis fuhr, um mit einem Mann mehr in der Offensive vielleicht doch noch den Ausgleich zu erzwingen, schien die Partie entschieden. Noch 25 Sekunden trennten Kanada vom so sehr begehrten Gold, es wollte sich ins Ziel retten, wirkte aber unsicher. Dann kam Zach Parise, glich aus und trieb die Spannung in einem faszinierenden Hockeyspiel damit auf die Spitze.

Noch steht nicht fest, ob die National Hockey League auch in Zukunft ihre Profis für das Olympische Turnier abstellt. Dass der Sport seit Jahren weltweit keine ähnliche Werbung erfahren hat, scheint den dortigen Boss Gary Bettman nur bedingt zu beeindrucken. Der Spielbetrieb ruht für zwei Wochen, es fehlen Einnahmen, die Besitzer mancher Klubs werden da schnell unruhig. Dass Eishockey seit Jahren nicht mehr mit so viel positiver Energie aufgeladen gewesen ist, wie in den zwei Wochen von Vancouver, scheint als Argument nicht auszureichen. Keine Schlägereien, wie sie in der NHL zum schlechten Ton gehören, legten den Fokus endlich wieder auf die schöne Seite des schnellsten Mannschaftsspiels der Welt.

Und schenkten diesen Olympischen Spielen ein Finale, das dieser wunderbaren Veranstaltung nicht würdiger hätte sein können.

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