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Kettcar: Geradlinig zum Erfolg

Weil sie keinen Plattenvertrag bekamen, gründeten sie einfach ihre eigene Plattenfrma. Das Debüt war noch ein Geheimtipp, inzwischen haben Kettcar ihr drittes Album veröffentlicht. Es könnte der Durchbruch einer Band sein, die von ihren Fans nicht nur der Musik wegen geliebt wird.

Von Thomas Krause

Markus Wiebusch hebt den Kopf, fixiert einen fernen Punkt in der Dunkelheit des Theaters und zögert einen Moment, bevor er spricht. Dann raunt er ins Mikrofon: "Wir hatten eine Vision!" Mit dieser Antwort auf die Frage, was die Idee hinter der Bandgründung war, hat der dunkelhaarige Sänger und Gitarrist der Hamburger Band Kettcar die Lacher im "Schmidt's Tivoli" auf seiner Seite. Radiomoderator Christian Buhk hinegegen lächelt nur gequält.

Schließlich hat der Radiosender NDR 90,3 Wiebusch ins "Schmidt's Tivoli" eingeladen, damit Kettcar das neue Album "Sylt" präsentieren kann. Das ist durchaus überraschend, spielt der Sender doch normalerweise Musik für eine etwas gesetztere Hörerschaft, irgendwo zwischen Matthias Reim und Heidi Kabel. Und nun sitzen Wiebusch und der schlaksige Bassist Reimer Bustorff auf der neuen blauen Couch des Radiosenders und halten sich nicht an die Spielregeln. Die Fans hingegen sitzen im halbdunklen Publikumsraum des Theaters an der Reeperbahn und wissen genau das an der Hamburger Band zu schätzen.

Punk-Vergangenheit schlägt durch

Dass der Auftritt von Kettcar bei so einem Radiosender nicht ohne Reibungen ablaufen konnte, war zu erwarten. Dazu hätten sich die Verantwortlichen des Senders nur einmal anschauen müssen, in welchen Bands die Musiker vor Kettcar aktiv waren: Sänger Marcus Wiebusch und Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales spielten bei der Punk-Band "...But Alive", Bustorff und Wiebusch spielten gemeinsam in der Ska-Punk-Band "Rantanplan".

Auch wegen dieser Vorgeschichte sind Kettcar für ihre Fans der lebende Beweis, dass man trotz Geradlinigkeit Erfolg haben kann. Frustriert von den Absagen der etablierten Plattenfirmen, aber gleichzeitig ermutigt von Tausenden Fans, die ihre EP "Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zuende" gratis von der Band-Homepage heruntergeladen hatten, liehen sich die Bandmitglieder Geld von ihren Eltern und gründeten mit Thees Uhlmann die Plattenfirma "Grand Hotel van Cleef". Ihr Debüt "Du und wieviel von deinen Freunden" veröffentlichen sie 2002 in Eigenregie. "Wir hatten von Anfang an vor, Musik zu machen, die es in der Form noch nicht gab", sagt Marcus Wiebusch. Und wie die Band deutsche Popmusik interpretiert, kommt an: Von ihrem ersten beiden Alben "Du und wie viele von deinen Freunden" und "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" hat die Band über 100.000 CDs verkauft. Vor wenigen Tagen ist das dritte Album "Sylt" erschienen.

Während das Debüt sich noch weitgehend mit eigenen Befindlichkeiten auseinandersetzt, versucht die Band mit "Sylt" den Blick auf Missstände zu richten. "Wir erzählen Geschichten, die darauf basieren, dass etwas nicht stimmt. Aber wir versuchen dabei, den moralischen Zeigefinger zu vermeiden", sagt Wiebusch. So widmen sich die Songs auf dem neuen Album der unsicheren Jobsituation vieler Berufseinsteiger ("Geringfügig, befristet, raus"), dem Zerbrechen alter Freundschaften an unterschiedlichem Erfolg im Leben ("Am Tisch") oder dem Scheitern ("Würde"). Diese düsteren Themen schlagen sich auch in der Musik nieder: "Das neue Album ist stürmischer geworden als seine Vorgänger", sagt Wiebusch. Es sind aber vor allem die lyrischen Texte des Sängers, die Kettcar von anderen deutschsprachigen Bands unterscheidet. "Man muss unsere Texte nicht verstehen. Das Magische ist doch gerade, wenn für eigene Gedanken und Projektionen Raum bleibt", sagt Wiebusch.

Kettcar will speziell bleiben

Doch ansonsten legt die Band alles andere als eine Verweigerungshaltung den Fans gegenüber an den Tag: "Wir machen uns schon dezidiert Gedanken, damit die Band speziell bleibt", sagt Wiebusch. Aus diesen Überlegungen resultieren Ideen wie die, das neue Album in der Nacht vor dem Erscheinungsdatum in einem kleinen Hamburger Plattenladen zu verkaufen. Oder Konzerte an besonderen Orten zu veranstalten, wie auf dem Vordach eines Theaters.

Auch für den Tourauftakt zu "Sylt" haben die Hamburger sich etwas überlegt: sechs Konzerte in ihrer Heimatstadt - alle in unterschiedlichen Klubs. Doch die Karten waren schnell ausverkauft, die Schwarzmarktpreise schossen in die Höhe. "Man sollte wirklich keine 80 Euro für ein Kettcar-Konzert zahlen müssen, never!", verkündet daraufhin die Band auf ihrer Homepage - und setzt zwei weitere Konzerttermine in Hamburg an. Doch noch ist dieser große Erfolg eher lokal als bundesweit. "Es gibt ein gewisses Nord-Süd-Gefälle, was unseren Erfolg angeht", sagt Wiebusch. "Am schlechtesten läuft es bisher im Osten Deutschlands." Noch. Denn vielleicht zahlen sich nun endlich die zahlreichen Festivals aus, auf denen die Band in den vergangenen Jahren gespielt hat. Die bereits ausverkauften Konzerte in Essen, Köln und Wien lassen jedenfalls hoffen. Und acht Konzerte in der eigenen Heimatstadt sind wohl für jede Band etwas Besonderes.

Fans auf Tuchfühlung mit den Musikern

Für eines der Konzerte hat die Band ein Schiff angemietet und spielt vor etwa 200 Fans auf einer Fahrt durch den Hamburger Hafen. Kaum etwas würde besser zu Kettcar passen, schließlich haben sie den Hamburger Landungsbrücken fast schon eine Hymne geschrieben. "An den Landungsbrücken raus, dieser Blick verdient Applaus", singt Wiebusch und wer mit der U-Bahn an den Hamburger Landungsbrücken ankommt, versteht zumindest diese Textzeilen sofort. Am Heck des Schiffes stehen Schlagzeug, Verstärker und Mikrofon-Ständer. Eine Bühne fehlt, die Fans stehen direkt an den Monitorboxen, kaum einen Meter von den fünf Musikern entfernt. Dicht an dicht stehen die Zuschauer, und das nicht nur, weil an diesem Aprilabend ein kühler Wind über das Deck weht, sondern auch, weil sie wissen, sie werden in der Dämmerung dieses Abends etwas ganz Besonderes erleben: Die Vision einer besonderen Band namens Kettcar.