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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Das große Buddeln

Sat1 machte mit "Troja" den Anfang, und alle ziehen nach: Ausgrabungen sind so was von angesagt im deutschen Fernsehen. Derweil sieht stern-Redakteur Alexander Kühn am Horizont bereits den Gegentrend: Zuschaufeln.

Es ist die Zeit der großen Ausgrabungen. Sat 1 machte den Anfang mit "Troja"; Heino Ferch, lustlos wie immer, mit dem Elan und der Mimik einer steinernen Büste, befreite als Darsteller des Heinrich Schliemann die alte Stadt von den Erdschichten der Jahrtausende. In derselben Woche hatte auch RTL eine Ausgrabung zu vermelden: die von Margarethe Schreinemakers, der Frau, die in den 90er Jahren das öffentliche Vergießen von Tränen angesichts trauriger Talkgastschicksale fernsehtauglich machte. Am 14. Mai wird sie bei der zweiten Staffel von "Let's dance" antanzen, und wir erinnern uns an die Schlagzeile der "taz" anlässlich des vorletzten Comebacks der Frau S., 2001 war das mit der Bauchweg-Show "Big Diet": "Die Mumie kehrt zurück".

Es wird weitergeschaufelt. Detlev Buck buddelte für seinen Kinderkinofilm "Hände Weg von Mississippi" die gute Heidi Kabel aus ihrem Seniorenheim aus; ach, wie haben wir sie dereinst geliebt, als kittelbeschürzte Mutti in samstäglichen platten und plattdeutschen Ohnsorg-Übertragungen. Die ARD gab dieser Tage folgenden Coup bekannt: Bei der Neuverfilmung der "Zürcher Verlobung", 1957 ein Kracher in Adenauerdeutschlands Lichtspielhäusern, wird die alt gewordene Lilo Pulver einen kleinen Part übernehmen, die vor 50 Jahren die weibliche Hauptrolle spielte und ebenfalls ein Kracher war.

Gegentrends sind zu vernehmen

Ausgrabungen sind so sehr zum Trend geworden, dass nun die ersten Gegentrends zu vernehmen sind. Beim Bayerischen Fernsehen, seiner Zeit stets voraus, geht man bereits den umgekehrten Weg. Antje-Katrin Kühnemann, 60, Deutschlands bekannteste und beliebteste und betagteste Fernsehärztin, wird vergraben. Nach 34 Jahren stellen sie ihre Sendung "Sprechstunde" ein! Frau Doktor selbst erfuhr es aus der Zeitung. Von Krampfadern, Gicht und Fettleibigkeit geplagte Männer und Frauen landauf, landab sind maßlos enttäuscht.

Wenn also künftig Altgedientes eingebuddelt werden soll, möchten wir, als Stimme des Zuschauers, doch gern ein Wörtlein mitreden. Warum nicht Thomas Gottschalk? Warum nicht ihn vergraben, der in der Hülle des blonden Jünglings stramm der vollkommenen Senilität entgegen schreitet, nur in Ausnahmefällen die Namen seiner Gäste weiß und sich krampfhaft an seinen Spickzetteln festhält und an den Knien junger Frauen?

Die Zuschauer fingen ja jüngst schon mal mit dem Ausheben eines Erdlochs an, als RTL es wagte, gegen "Wetten, dass..?" anzutreten mit "DSDS" und Boxen: Gerade mal 10,5 Millionen Gebührenzahler wollten den Mann im hässlichen Anzug sehen, der sich im Laufe des Abends in eine Frau verwandelte, als Einlösung einer Wettschuld. Das war die zweitschlechteste Quote in 26 Jahren "Wetten, dass..?".

Vielleicht müsste man, um das Einbuddeln seiner selbst zu beschleunigen, es ihm als Wetteinlösung verkaufen. Ihm sagen: "Mensch, Thomas, du, Europas größter Entertainer aller Zeiten! Lass dich mit Erde zuschütten! Damit machst du dich mal wieder zum dummen August, dafür lieben dich doch alle! Und die 'Bild' und die 'BamS', die werden gaaanz groß drüber berichten." Und Gottschalk würde die Arme ausbreiten und lachen und rufen: "Guten Abend! Deutschland, Österreich, Schweiz, super Idee! Reschpekt! Das mach ich, Herrschaften!" Und dann würde man ihn vergraben. Und nie wieder rauslassen. Nienienie.

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