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Justin Timberlake: So gar kein Gentleman

Der Prince of Pop lädt zur Audienz und veröffentlicht mit "FutureSex/Love Sounds" sein zweites Album. Ein Werk, das Justin Timberlake endgültig aus der Boyband-Hölle in den Künstler-Himmel katapultieren wird.

Von Claudia Pientka

Was tut man als ehemaliges Mitglied einer Boyband nicht alles, um von der Musikwelt ernst genommen zu werden? Justin Timberlake kann ein Lied davon singen. Als Frontmann von N'Sync eroberte er die Schlafzimmer geschlechtsreifer Teenager, wurde zum Traum tausender Mädchen und derer Mütter . Mit Britney Spears stolzierte er im Jeans-Partnerlook über die roten Teppiche Hollywoods, als wollte er sagen: Seht her, wir sind ernstzunehmende Stars. Nun sind sowohl Mrs. Spears als auch N'Sync Vergangenheit, Jeans gegen maßgeschneiderte Anzüge getauscht, und über rote Teppiche flaniert Timberlake jetzt wie ein rotziger Junge. Ganz so, als wollte er sagen: Seht her, Star spielen hab' ich nicht mehr nötig.

So geschehen vor zwei Tagen, als Herr Timberlake nach London geladen wurde, um die Auszeichnung des Männermagazins "GQ" als "Internationaler Mann des Jahres" entgegenzunehmen. Schlaftrunken wandelte er durch das Spalier der Fotografen, erklomm genervt die Stufen zum Rednerpult, wo er sich mit folgenden Worten für die Auszeichnung bedankte: "Scheiße, ich bin so krank. Und ich war noch nie in einem Raum mit so vielen Promis - und kannte keinen von ihnen." Nun, das Publikum lachte höflich trotz des frechen Affronts, immerhin ist Timberlake auch auf der Insel ein Superstar.

Der Bubi aus dem "Mickey Maus Club"

Das ist umso erstaunlicher, wenn man seine Biografie betrachtet: Erste Gehversuche bei "Starsearch", einer Art amerikanisches "DSDS", erste Erfolge als "Musketeer" im "Mickey Maus Club". Dort lernt er nicht nur Christina Aguilera und Britney Spears kennen, sondern auch seinen späteren Bandkollegen Joshua Scott. Mit 16 Jahren ist er der blondgelockte Frontmann der Boyband 'N Sync, einer Klon-Combo, die den Backstreet Boys immer einen Schritt hinterherhinkt. Aber das ist egal in den Neunzigern, auch mit der 85. Ausführung einer Boyband lässt sich noch ordentlich Geld verdienen.

Mit 21 schließlich die Emanzipation: Timberlakes erstes Soloalbum "Justified" schießt 2002 nicht nur an die Spitze der Charts, sondern wird sowohl von Feuilletonisten als auch Fans euphorisch gefeiert: Sieben Millionen verkaufte Langspieler, vier Tophits, zwei Grammys. Passend dazu mausert sich der Junge zum Künstler: Namhafte Produzenten wie Timbaland, The Neptunes oder Bubba Sparxxx verleihen ihm Glaubwürdigkeit und Hip-Hop-Beats, das Video zu "Cry me a river" als Abrechnung mit der Ex Britney Spears die nötige Aufmerksamkeit.

Timberlake stürzte das Land in den "Nipplegate"-Skandal

Eines hat Timberlake gelernt: Auf dem Weg zum ganz großem Ruhm sind Kooperationen mit großen Namen und alten Hasen unablässig; in den USA schadet meist auch ein Auftritt bei einer Sportveranstaltung nicht, zum Beispiel beim "Super Bowl". Meist nicht. Denn Justin Timberlake stürzte bei dieser Gelegenheit die linke Brust seiner Sangespartnerin Janet Jackson gen Erde und ein ganzes Land in den "Nipplegate"-Skandal. Wirklich geschadet hat ihm die "versehentliche" Performance nicht, eher seinen Imagewandel vom netten Bub zum schlimmen Finger gefördert.

Und nun also das neue Album. Vier Jahre ließ er sich Zeit für "Future Sex/Love Sounds" - ein Titel, dessen Name Programm ist. Denn sein sexy Image zementiert Timberlake nicht durch Affären und Partys mit vielen attraktiven Frauen, sondern durch Beats, Rhythmen, Texte. Starproduzent Rick Rubin (Red Hot Chili Peppers, U2, Shakira) hat Hand angelegt ans neue Werk, auch alte Bekannte wie Timbaland sind zu hören. Der Sound: Beats dröhnen zu Timberlakes Falsettstimme, wie in "SexyBack"; in Popmelodien wie bei "What goes around" und "Until the end of time" säuselt der Frauenschwarm sanft und funkige Rhythmen wie bei "LoveStoned" machen klar, wo dieses Album gespielt werden soll: auf den Tanzflächen dieser Welt, da kann Mr. Timberlake noch so viele Discokugeln zerschmettern auf den Fotos im Inneren des CD-Booklets.

Er bleibt bei seinen Leisten

Derzeit präsentiert Timberlake seine selbst geschriebenen Stücke auf Veranstaltungen wie den MTV Music Awards oder in ausgewählten Clubs vor ausgewähltem Publikum. Das soll aus coolen Connaisseurs bestehen; Party-Mäuse wie Lindsay Lohan sind unerwünscht. Die wurde zur Präsentation seiner neuen Platte in L.A. wieder ausgeladen: Mit ihren Trinkgelagen und Paparazzi im Schlepptau wolle man nicht vom eigentlichen Ereignis, der Musik, ablenken, berichtet die englische Zeitung "The Sun".

Immerhin lenkt auch Timberlake selbst ungern von seiner Musik ab: Mit seiner prominenten Freundin, der neun Jahre älteren US-Schauspielerin Cameron Diaz, sieht man ihn selten im Rampenlicht. Nachfragen, wann denn mit einer Hochzeit zu rechnen sei, wie vor wenigen Tagen von Moderatorin Ellen DeGeneres, veräppelt er: "Ich warte immer noch darauf, dass Cameron auf die Knie geht und um meine Hand anhält." Er ist eben etwas diskreter als ein Robbie Williams und seine Texte etwas subtiler als die einschlägige Rhythm'n'Blues-Lyrik. Umso mehr fallen vereinzelte Zeilen auf, wie "Wenn ich mich nicht benehme, darfst Du mich auspeitschen" ("I'll let you whip me if I misbehave") aus der ersten Single-Auskopplung "SexyBack".

Sein Konzept funktioniert, weil er eben nicht auf Teufel komm raus versucht, als Gangster zu posieren, sondern das seinen Stargästen überlässt und dadurch von deren Street-Credibility profitiert. Er wirkt sexy, weil er nicht mit Frauengeschichten prahlt, sondern sich mit seiner heiß begehrten Freundin Diaz verschanzt. Und er wird Erfolg haben, weil er bei seinen Leisten bleibt und eingängige Texte mit schönen Melodien singt. "SexyBack" jedenfalls ist seit heute auf Platz eins der Billboard Charts.