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stern-TV-Protagonistin Ossi, Nazi, obdachlos - wie Karin Ritter zum Sinnbild des sozialen Abstiegs wurde

Karin Ritter in ihrem Wohnzimmer in der Obdachlosenunterkunft in der Köthener Augustenstraße.
Karin Ritter in ihrem Wohnzimmer in der Obdachlosenunterkunft in der Köthener Augustenstraße.
© stern TV
Karin Ritter ist tot. 26 Jahre lang begleitete ein Team von sternTV sie und ihre Familie in Köthen in Sachsen-Anhalt. Es ist eine Geschichte von Verlierern und Schuldzuweisungen - und ein trauriges Kapitel Deutscher Einheit.

Sie sitzt an einem gefliesten Wohnzimmercouchtisch an der Augustenstraße: Die Zigaretten sind Karin Ritters wichtigster Begleiter an diesem Morgen. Um 8 Uhr musste sie das Obdachlosenheim im 28.000-Einwohner-Städtchen Köthen in Sachsen-Anhalt verlassen. Erst um 18 Uhr darf sie zurück. "Ganz dünne Steppdecken, da friert man sich den Arsch ab da oben", beschwert sie sich über die Ausstattung in der Unterkunft. Das Schimpfen ist ihr zur zweiten Natur geworden. Als ein Autofahrer vorbeifährt und sie anpöbelt "Ich muss das bezahlen", kontert Ritter das mit einem plumpen: "Halt die Fresse."

Seit mehr als 26 Jahren hat die Redaktion von sternTV Karin Ritter, ihre Söhne und ihren unaufhaltsamen sozialen Abstieg begleitet. Im Alter von 66 Jahren ist die Frau am Samstag gestorben, wie der Sender RTL bestätigte. Die Todesursache ist bislang unbekannt. Ritter war zuletzt obdachlos, klagte über eine Bronchitis. In ein Krankenhaus wollte sie jedoch nicht. Mitleid mit ihrer Situation hatte in Köthen zuletzt kaum jemand. Der Grund: Ritter suchte die Ursache für ihre Situation meist bei anderen, verharrte in permanentem Anspruchsdenken.

sternTV begleitete Karin Ritter seit 1994

1994 besuchte ein Kamerateam Frau Ritter zum ersten Mal. Schon damals lebte die Familie in einem Obdachlosenheim. Ihr Söhne waren als Nazischläger im Ort bekannt, prahlten mit rechtem Gedankengut. Vier Jahre nach der Wiedervereinigung war Köthen weit entfernt von den versprochenen "blühenden Landschaften". Die Arbeitslosigkeit war hoch, viele Betriebe mussten schließen. Wer konnte, zog weg. Wer blieb, sah sich meist mit scheinbar hoffnungslosen Zukunftsaussichten konfrontiert. Zwei Jahre nachdem es in einem Rostocker Asylbewerberheim zu Ausschreitungen und rassistischen Angriffen gekommen war, war dies der Nährboden für dumpfe, rechte Parolen.

stern-TV-Protagonistin: Ossi, Nazi, obdachlos - wie Karin Ritter zum Sinnbild des sozialen Abstiegs wurde

Familie Ritter war eine Verliererin der deutschen Einheit. Verschuldet hatte sie das größtenteils selbst. Statt Chancen zu nutzen, einen Schulabschluss und eine vernünftige Ausbildung zu machen, hingen die Söhne auf der Straße ab und gerieten in die Fänge rechtsradikaler Stimmungsmacher. Das Urteil der Familie war klar: Schuld an ihrer Misere haben immer die anderen. Politiker, das Ordnungsamt und Ausländer.

Unhaltbare Zustände in Obdachlosenheimen

In den Reportagen waren immer wieder die teils unhaltbaren Zustände in den Obdachlosenunterkünften Thema. Feuchte Wände, zu wenig Waschgelegenheiten, Dreck. Von einem bequemen Leben in der sozialen Hängematte war Karin Ritter weit entfernt. Wie geht unsere Gesellschaft mit den Schwachen um, die sich nicht selbst helfen können? Diese Frage warf sternTV mit seinen Beiträgen auf.

2019 besuchte das Team Frau Ritter zum letzten Mal. Damals musste sie aus ihrer Wohnung ausziehen, wurde auf die Straße gesetzt. Ihr Fazit: "Am besten man nimmt einen Strick und hängt sich auf." Lebensfreude hatte Karin Ritter keine mehr. Sie hat sich ihrem Schicksal ergeben. In ihrem Leben hat sie sicherlich vieles falsch gemacht. Doch auch die Gesellschaft hat versagt. Mit ihrem Tod endet ein trauriges Kapitel Deutscher Einheit.


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