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Kati Witt: Noch mal emotional absahnen

Kati Witt zieht ein letztes Mal die Schlittschuhe an. Pro7 überträgt die Abschieds-Show "Ein Weltstar geht vom Eis". Um Geld gehe es dabei nicht, versichert Witt im Gespräch mit stern.de. "Ich habe das nicht für mein Bankkonto gemacht, sondern um emotional abzusahnen..."

Frau Witt, wann dürfen wir mit Ihrem Comeback rechnen?

Bitte? Ich hab gerade erst meine Abschiedstournee hinter mir!

Rentnerin mit 42. Ist das nicht ein bisschen früh?

Klar, als Hundertjährige auf dem Eis umfallen, das wäre ein schöner Tod. Aber so lange steht man das nicht durch. Ihr denkt immer, die kommt mit ihrem Täschchen um sieben in die Halle, zieht ihre Schuhe an und geht aufs Eis. Aber so ist das nicht. Für die Abschiedstour habe ich anderthalb Jahre hart trainiert. Nee, damit muss jetzt leider Schluss sein!

Howard Carpendale hat auch eine große Abschiedstour gemacht – und jetzt ist er wieder da.

Wenn man einen Beruf mit Leidenschaft ausfüllt, nimmt man zwar Abschied, aber das Herz hängt trotzdem noch dran. Für einen Sänger ist es sicherlich einfacher zurückzukommen als für einen Leistungssportler. Ein Sänger kann zur Not auch mal Playback singen, ich kann kein Hologramm aufs Eis schicken. Alles kann nur live passieren.

Und Ihre Schlittschuhe stehen jetzt im Keller?

Nein, sie stehen da, wo sie immer standen: in meinem Arbeitszimmer. Da müffeln sie auf einer alten Schulbank vor sich hin.

Befürchten Sie, dass Sie irgendwann keiner mehr sehen will?

Sie haben doch selbst beobachtet, wie berührt die Menschen nach der letzten Vorstellung in Hannover waren. Und so viele von meiner Sorte gibt’s ja nicht. Aber so eine Show ist ein riesiger Aufwand, technisch und finanziell. Da sind wir froh, wenn wir mit plus minus null rauskommen. Ich habe das nicht für mein Bankkonto gemacht, sondern um emotional abzusahnen.

Normalerweise planen Rentner große Reisen.

Ich muss erst mal aufräumen und Berge von Wäsche wegwaschen, ich war ja die letzten Monate kaum zuhause. Dann will ich endlich kochen lernen.

Für wen?

Sie wollen wissen, ob ich einen Freund habe?

Naja, in früheren Jahren konnte man Ihr Liebesleben schließlich auch in der Presse verfolgen. Da waren: ein Rockmusiker, ein Tourmanager, ein amerikanischer Seriendarsteller...

... zu so was sag ich nichts mehr, das habe ich mir abgewöhnt.

Und was lief mit dem früheren "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust?

Ein guter Freund der Familie.

Noch ein Versuch: Das heißeste Eisen des Sozialismus ist Single?

Ich hab einen Fernseher im Schlafzimmer, reicht Ihnen das?

Offenbar haben Sie sich immer in die Falschen verliebt.

Eigentlich bin ich romantisch. Aber ich glaubte nicht, dass irgendwas für die Ewigkeit ist. Beziehungen gab es für mich nur auf Zeit. Manche Männer haben so ein Bild von mir, diese Fantasie von der alles überstrahlenden sexy Kati. Und am Ende bin ich dann doch nur das freche Mädchen.

Den Kinderwunsch haben Sie abgehakt?

Man kann im Leben nicht alles haben: eine Bilderbuchkarriere und ein erfülltes Privatleben. Manches kann man sich selbst erfüllen, anderes passiert.

Das klingt ein bisschen wehmütig. Haben Sie Angst vorm Altwerden?

Schon irgendwie. Ich halte es für unaufrichtig, wenn einer sagt, er habe keine Angst. Am meisten graust es mir davor, körperlich abzubauen.

Würden Sie sich liften lassen?

Wenn es soweit ist, dass die Erdanziehungskraft überhand nimmt, werde ich mich vielleicht auch beschnibbeln lassen. Dazu stünde ich dann auch. Ich fände es bescheuert, zu sagen: Es war der grüne Tee und der Schlaf vor Mitternacht.

Sie sind zweifache Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Sie waren das Aushängeschild der DDR. Kriegen Sie noch Gänsehaut, wenn Sie irgendwo die alte Hymne hören: "Auferstanden aus Ruinen"?

Naja, wenn es im Zusammenhang mit einer Siegerehrung ist: ja. Ansonsten bin ich da relativ emotionslos.

Wie war das, von Honecker geküsst zu werden?

Mein Gott, wie war das für die westdeutschen Athleten, von Schröder oder Kohl geherzt zu werden? Erich Honecker hat mir zweimal den Verdienstorden verliehen und mir dabei Küsschen rechts und Küsschen links auf die Wange gegeben, na und? Wenn er für mich geschwärmt hat und sich nachts um drei im Schlafanzug vor den Fernseher schleppte, um meine Kür in Calgary zu sehen - da kann doch ich nichts dafür.

Die Gauck-Behörde warf Ihnen nach der Wende vor, eine Begünstigte des DDR-Regimes gewesen zu sein.

Begünstigte? Es gibt über 3000 Seiten Stasi-Unterlagen über mich, ich wurde ausgehorcht, bespitzelt, sogar bis ins Schlafzimmer...

... Sie durften reisen, fuhren Lada und Golf.

Alles selbst bezahlt!

Und wenn Sie beim Rasen erwischt wurden, durften Sie den Führerschein trotzdem behalten.

Aber das kommt doch in den besten Familien vor, dass ein Polizist mal eine Frau anhält und dann weiterfahren lässt. Heute ist es ein Mensch, den du vielleicht um den Finger wickeln kannst - früher war es die Institution.

Im Fernsehen gab es in jüngster Zeit eine Flut von DDR-Verfilmungen: "Prager Botschaft", "Die Frau vom Checkpoint Charlie", "Das Wunder von Berlin". Gucken Sie so was?

"Prager Botschaft" habe ich gesehen, das war sehr ergreifend. Am meisten hat mich aber "Das Leben der Anderen" berührt. Ich saß im Kino und bekam eine unheimliche Wut. Vieles hatte man nicht wahrhaben wollen, auch nach der Wende nicht.

Absurd, oder? Sie müssen sich in der Bundesrepublik einen Film anschauen, um zu begreifen, wie schlimm die DDR war?

Klar habe ich einiges mitbekommen. Wenn wir telefonierten und es in der Leitung knackte, dann kommentierten wir das mit Galgenhumor: Ach, sie müssen jetzt erst mal ihr Band wechseln. Wie brutal es wirklich war, habe ich erst nach und nach verstanden, ich hatte ja den Leistungssport, übrigens ein kapitalistisches System innerhalb des Sozialismus. Da wurde die Einzelleistung gefördert. Da war nichts mit Kollektiv und Gleichbehandlung, man musste sich durchsetzen, kämpfen - und siegen.

Und das schon als kleines Kind. Sie haben Ihre Eltern so lange genervt, bis die Sie beim SC Karl-Marx-Stadt angemeldet haben. Von da an wurden Sie gedrillt.

Ich wollte das so. Kinder sind viel belastbarer, als man annimmt. Man sollte nicht alles von ihnen fernhalten, dann kommen sie später auch besser durchs Leben. Der Sport hat alles aus mir rausgeholt, was in mir schlummerte. Ich habe gelernt, Störendes beiseite zu schieben und zu funktionieren.

Im Sozialismus wie im Kapitalismus. In Karl-Marx-Stadt genau so wie in New York, wo Sie jahrelang wohnten. Haben Sie ein Anpasser-Gen?

Das ist meine Ost-Mentalität. Man hat sich mit vielem abfinden müssen. Wie gern hätte ich meine Eltern bei meinen Wettkämpfen im Ausland dabei gehabt, aber sie durften nicht reisen. Man hat das infrage gestellt, aber es gleichzeitig hingenommen.

Mit neun kamen Sie in die Obhut der erfolgreichsten Eislauftrainerin der DDR: der strengen Frau Müller.

Ein Trainer muss streng sein. Sie hat mich angebrüllt, okay. Aber abends hat sie meine Handschuhe gestopft und mir die Stullen geschmiert. Ich habe Frau Müller gern, sie gehört zur Familie. Vor meiner letzten Show in Hannover schickte sie mir eine SMS: "Ich bin in Gedanken bei dir. Dein Coach." Ist doch liebevoll, oder?

Und Sie sagen immer noch "Frau Müller"? Nach 33 Jahren?

Natürlich. Das Du würde ich nie über die Lippen bringen. Sie ist jetzt 79 und immer noch eine Respektsperson für mich.

Kurz nach dem Mauerfall haben Sie in einem Interview gesagt, Sie setzen große Hoffnungen in Gregor Gysi. Enttäuscht?

Ach Gott, der Gysi.

Können Sie uns einen Grund sagen, warum wir ihn wählen sollten?

Kann ich nicht. Früher hab ich mich zu politischen Aussagen hinreißen lassen. Mach ich nicht mehr.

Hat die Linkspartei mal angefragt, ob Sie im Wahlkampf mithelfen?

Alle Parteien haben mal angefragt, aber ich lasse mich vor keinen Karren spannen. Es reicht, dass ich mal in der SED war.

Sind Sie wenigstens ein bisschen stolz auf Angela Merkel? Eine Frau - und dann noch aus dem Osten!

Ich finde, sie macht einiges großartig. Mit Charme und Witz und ganz uneitel. Als sie antrat, dachte ich: höchste Zeit, 15 Jahre nach dem Mauerfall. Wir sind ja auch nicht doof im Osten.

Interview: Alexander Kühn und Ulrike Posche