Kronprinzessin im Praktikum Krönung light


September 2002, schwedischer Exportrat in Berlin: Kronprinzessin Victoria wollte sich als normale Praktikantin erweisen, Kaffee kochen gehört dazu. "Wer die letzte Tasse nimmt, der muss neuen machen."

Praktikanten sollten eigentlich morgens unter den ersten im Büro sein - doch für Schwedens Kronprinzessin Victoria galtenandere Regeln. Kurz vor 9.00 Uhr begann die 25-jährige Thronfolgerin offiziell ihr zweimonatiges Praktikum bei der deutschen Abteilung des schwedischen Exportrates. Da hatten die anderen Mitarbeiter des Büros schon Kaffee gekocht, Blumen aufgestellt und Position bezogen. "Ich freue mich sehr auf die Kronprinzessin", sagte eine von Victorias neuen Kolleginnen, die ihren Namen nicht verraten wollte, vor Ankunft der Prinzessin. "Das ist ein ganz besonderes Erlebnis."

Ganz informell im ärmellosen, fliederfarbenen Sommertop gekleidet startete die Prinzessin in ihren ersten Arbeitstag. Dagegen hatten manche ihrer insgesamt zwölf neuen Kollegen ihre Garderobe eher offiziell gewählt und zu Kostüm und Pumps oder zum dunklen Anzug gegriffen. Eine Mitarbeiterin hatte auf dem Weg zur Arbeit ein kleines Blumensträußchen in der Hand. Für die Prinzessin? "Kann sein", sagte sie und wurde ein bisschen rot. Allerdings wird es, das versicherte ein Mitarbeiter des Exportrates, eher locker zugehen. "Die Kronprinzessin wird alle Arbeiten erledigen, die wir auch tun."

"Du" ist tabu

Zu Beginn des Arbeitstages im zweiten Stock des Bürogebäudes in einer Wohnstraße im Stadtteil Wilmersdorf stand erst mal eine Besprechung auf dem Plan. An der Seite Victorias war an diesem Vormittag auch die Sprecherin des schwedischen Hofes, Elisabeth Tarras-Wahlberg. Einer der Tagesordnungspunkte an den hellen Tischen hinter riesigen Glasfronten war nach Angaben eines Mitarbeiters die Anrede für Victoria - schließlich sagen, wie in Skandinavien üblich, sonst alle Du zueinander. "Ich denke, wir werden sie einfach mit Kronprinzessin ansprechen", sagte ein Kollege. Das wurde später eine Botschaftssprecherin bestätigt: Gesprochen werde ohne Pronomen: "Möchte Kronprinzessin etwas essen, will Kronprinzessin sich setzen?"

Auch andere Protokollfragen wurden aufgeworfen: Die Prinzessin hatte nach ihrer Ankunft mit einer Linienmaschine aus dem dänischen Kopenhagen exakt 11 Minuten auf dem Rollfeld warten müssen, bis sie abgeholt wurde, wie die 'Bild'-Zeitung berichtete. Victoria - mit Pferdeschwanz und im weißen Top mit wadenlangem Rock - blinzelte in die Sonne, zog sich die Lippen mit Labello nach und wurde schließlich von ihrem in Berlin lebenden Onkel Jörg Sommerlath auf dem Rollfeld abgeholt. Darf man eine Prinzessin warten lassen? "Ungehörig", urteilte ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert in der Zeitung: "Peinlich, peinlich".

"Lasst die gute Frau mal arbeiten"

Die Berliner werden sich vermutlich nicht so sehr um Protokoll und Bräuche scheren. Für so manchen ist die Prinzessin einfach ein nettes Mädchen in der Ausbildung. So wie für eine Nachbarin, die die Thronfolgerin auf ihrem Weg zur Arbeit beobachtete: "So jetzt ist Feierabend", rief sie den Fotografen zu. "Lasst die gute Frau mal arbeiten."

Zur Pressekonferenz am nächsten Tag kam die Kronprinzessin leger in cremefarbener Bluse und weißer Hose, präsentierte sich humorvoll und souverän. "Ich freue mich sehr, in Berlin zu sein und bin froh, dass es ein längerer Aufenthalt ist", sagte die 25-Jährige. Durch die deutsche Verwandtschaft ihrer Mutter, der gebürtigen Heidelbergerin Silvia Sommerlath, fühle sie sich Deutschland sehr verbunden.

Der erste Praktikumstag sei mit Einweisungen und Besprechungen vergangen. Ja, Kaffee kochen müsse sie auch. "Wer die letzte Tasse nimmt, der muss neuen machen." Sie sei auch nach Deutschland gekommen, um ihr Sprachkenntnisse zu verbessern, sagte die Prinzessin auf der komplett in Englisch geführten Pressekonferenz in der schwedischen Botschaft. Heimweh habe sie nicht, aber ihren Hund, den vermisse sie schon.

Lebenslustig und tanzbegeistert

Für die Öffentlichkeit war schwer, einen Blick auf die strengstens abgeschirmte Thronfolgerin werfen zu können. Allerdings outete sich die königliche Praktikantin als begeisterte Tänzerin und neugierige Berlinbesucherin. "Ich hoffe, sie werden mir Abends freigeben", sagte Victoria mit Blick auf ihren Praktikumschef Jonas Augustson.

Untergebracht war sie in einer eigenen Wohnung. "Aber ich werde nicht sagen, wo die ist", schmunzelte sie. Einen Journalisten, der sie nach ihrer Lieblingsmusik befragte und wissen wollte, ob sie gerne tanze, beschied sie keck: "Fragst du mich hier gerade nach einem Date?" Mehr Privates war nicht zu hören. Ob sie einen Freund habe, darauf antwortete die Prinzessin nicht.

Normal ist im Leben eines Königskindes gar nichts

Dafür präsentierte sie sich bestens gewappnet für ihre öffentliche Rolle als zukünftige Königin von Schweden. "Ich bin sehr stolz auf mein Land." Das mit der Monarchie sei schon eine komplizierte Sache. "Für mich ist es wichtig, eine gute Botschafterin meines Landes zu sein", umschrieb sie ihre Rolle. Das Praktikum diene unter anderem auch dazu, die deutsch-schwedischen Beziehungen noch besser kennen zu lernen. Einige Male wollte sie in Städte außerhalb Berlins reisen.

Normal ist im Leben eines Königskindes gar nichts, und das weiß Victoria schon lange. Ihren ersten Staatsbesuch machte sie als kleines Mädchen in Finnland - "ich hatte davor Angst", erinnert sie sich. Und auch wenn sie nicht als Prinzessin, sondern als Praktikantin unterwegs ist, kommt Victoria inkognito nirgends hin - schon der Griff zum Lippenstift bei der Ankunft war auf Fotos festgehalten, und der Gang in den Supermarkt (Victoria kaufte Brot, Margarine und Wasser) wurde in einer Boulevardzeitung dokumentiert.

Sein, was man wirklich ist

Wie sie damit klar kommt? "Indem man versucht, so zu sein, wie man wirklich ist", sagt die Prinzessin. Für sie, die in den späten 90ern unter Magersucht litt, war das nicht immer leicht. "Ich habe schon einige der Fotografen in den Büschen gesehen", beschwerte die 25-jährige zu Beginn ihres Berlin-Aufenthalts. "Ich bitte wirklich sehr darum, in Ruhe in Berlin sein zu können", appellierte sie auf englisch, nicht deutsch - vielleicht aus Sorge, sie könnte einen klitzekleinen Fehler machen, der ihr dann vorgehalten würde.

Vorsichtig betonte sie: "Mein Wissen ist äußerst begrenzt. Und die Position einer Praktikantin ist die, die ich unter normalen Umständen auch haben würde." Und sah dabei wie das Mädchen von nebenan aus mit ihrem Pferdeschwanz, beigefarbener Bluse, weißer Hose und spitzen Stilettos.


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