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Loveparade: Highway to Matsch

Unter dem Motto "Highway to Love" feierten 1,6 Millionen Menschen in Dortmund die Loveparade. Sie stellten damit auf der gesperrten Bundesstraße 1 einen neuen Besucherrekord in der Geschichte der Veranstaltung auf. stern.de hat sich unter die Tänzer begeben und das Spektakel verfolgt.

Von Matthias Lauerer, Dortmund

Das Dortmunder Wetter will sich an diesem Festival-Samstag nicht recht entscheiden. Mal regnet es minutenlang in Strömen, dann durchbricht die Sonne den Wolken verhangenen Himmel. Doch Tausende Menschen strömen schon am Mittag zur abgesperrten Paraden-Strecke vor den Westfallenhallen und an der Bundesstraße B1.

Um Punkt 14 Uhr setzen sich die 37 Wagen, die bei der Parade nur neudeutsch "Floats" genannt werden in Bewegung. Bunt sind sie geschmückt und sehr laut dröhnt der Sound aus großen schwarzen Boxen. Davor tanzen die teilweise fantasievoll verkleideten Raver. Ob im braunen Affenkostüm, in Neon-gelben Ganzkörperanzügen, oder in selbst gebastelten Verkehrsschild-Tops: Die Ideen gehen den Paraden-Besuchern auch im Jahr 2008 nicht aus. Weiß ist die Farbe der Saison. Weiße Tops, weiße Hosen und weiße Käppis bilden eine optische Einheit. Noch tanzt man auf trockener Straße und grünem Rasen. Doch mehrere starke Regenschauer verwandeln das Gelände am frühen Nachmittag in eine große Matsch-Wiese.

2002 verlor die Loveparade den Demonstrationsstatus

Mit diesem gewaltigen Andrang im siebzehnten Jahr des Bestehens hatten die Macher der Parade 1989 nicht gerechnet. Damals tanzten 150 Menschen vor einem kleinen Lkw und hörten die noch relativ unbekannte Musik Techno. Daraus entwickelte sich in den nächsten Jahren eine Massenveranstaltung. 1993 kamen 30.000 Besucher zur Parade auf den Berliner Kurfürstendamm, 1996 feierten dann 1,5 Millionen Raver in Berlin unter dem Motto "We are one family" auf der Straße des 17. Juni und im Tiergarten. Doch 2002 verlor die Loveparade ihren Demonstrations-Status, bei der die Stadt Berlin die Kosten für Straßenreinigung und Sicherheit übernahm. Die Kosten stiegen und die Veranstalter ließen die Parade 2004 und 2005 in Berlin ausfallen.

Erst ein süddeutscher Fitness-Ketten-Besitzer erweckte die Loveparade 2006 wieder zum Leben. 2007 feierten 1,2 Millionen Besucher in Essen, 2008 folgten 1,6 Millionen dem Ruf nach Dortmund.

"Hatte mit mehr Alkoholleichen gerechnet"

Dazu gehören auch Dr. Bodo Schönfeld und seine Freundin Edith Gilles, 52. Aus der zweiten Reihe sehen sie sich das bunte Treiben an. Die beiden besuchen heute ihre erste Loveparade und sind begeistert. "Die Stimmung ist friedlich und alle feiern hier gemeinsam", sagt Gilles und sagt weiter: "Ich hatte mit mehr Alkoholleichen gerechnet." Wenige Sekunden nach ihrem Lob strauchelt ein junger Mann hinter ihr und landet auf dem Boden. Doch nach ein paar Sekunden berappelt er sich, steht langsam auf und wankt weiter in Richtung Musik und Paradenwagen.

Neben dem Paar verkauft Bilal Kentabi Brezeln und Käsestangen. 150 Stück hat er bereits verkauft, doch der Arbeitstag des 22-jährigen endet erst dann, wenn der große Korb vor ihm leer ist. 120 Euro Tageslohn erhält er für seine Arbeit. Auch für ihn ist es die erste Parade. Kentabi mag sich nicht satt sehen an den Leuten, die "alle gut drauf sind", wie er immer wieder betont. Von dieser Meinung kann ihn auch seine nächste Kundin nicht abbringen. Die zuckt beim genannten Preis von drei Euro pro Brezel sichtbar zusammen, und sagt dann im breiten Pott-Slang: "Wat ist los? Bekloppt, oder wie?" Dann greift sie trotzdem zur Brezel, schüttelt den Kopf und verschwindet in der Menge.

80.000 Kondome

Bei Wagen 29 wagt man einen schnellen Blick auf die beiden Oben-Ohne-Tänzerinnen. Die winken immer wieder in die Menge vor sich und freuen sich sichtlich, wenn sie fotografiert werden. "Affengeil!", ruft Jens ihnen zu. Im weißen T-Shirt und blauer Jeans tanzt der 18-jährige an der Reling des "Szene"-Magazin-Wagens und verteilt immer wieder Küsschen. Die tanzende Masse vor ihm erwidert diese Geste mit lautem Schreien.

Ein paar hundert Meter neben dem Wagen steht das kleine, weiße Zelt der Aids-Hilfe Dortmund. Ehrenamtliche Helfer verteilen - gegen eine kleine Geldspende für die Sammel-Büchse - 80.000 Kondome, 50.000 Ohrenstöpsel und Tausende Würfel Traubenzucker an die Raver. Unter ihnen ist auch Karl-Heinz Theis, 59. Seine Schicht endet erst um 17 Uhr. Mit dem bisherigen Verlauf der Party ist der Helfer zufrieden. "Die Stimmung ist toll und wir haben schon jetzt keine Kondome mehr."

Was 2008 noch auffällt: Die Loveparade ist sehr gut organisiert. Mehr als 5000 Helfer sorgen für den harmonischen Ablauf der Massen-Veranstaltung. So arbeiten spezielle geschulte "Love-Guards" auf dem Gelände, die Besuchern bei Problemen mit Drogen, oder Liebeskummer helfen.

Auf der fast 500 Quadratmeter großen Bühne auf dem Parkplatz vor den Westfallenhallen beginnt um 18 Uhr die Schlussveranstaltung. Bis 24 Uhr legen dort weltbekannte Dj´s wie Paul van Dyk und Armin van Buuren ihre Sets auf. Besonders die Auftritte von Westbam, Moby und Underworld werden von den Fans bejubelt, die bei jedem monsunartigen Regenschauer tapfer ihre Regenschirme aufklappen. Mit einer gigantischen Lichtshow endet die endet die Loveparade "Highway to Love" um Mitternacht. Aus Hochleistungsscheinwerfern schießen Lichtstrahlen in den Nachthimmel und tauchen die Szenerie in ein surreales Licht. Dann heißt es offiziell "Danke Dortmund" und "Hallo Bochum". Dort findet die Parade im kommenden Jahr statt.

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