Mickey Rourke Zurück aus der Hölle


Bei den Oscars ging er zwar leer aus, aber den Preis für eins der unglaublichsten Comebacks der Filmgeschichte hatte er vorher schon sicher. Mit dem Ringer-Drama "The Wrestler" entsteigt der Schauspieler grandios der Asche seiner verbrannten Karriere.
Von Christine Kruttschnitt

Er erinnert sich, wie er an einem Spiegel vorbeiging und erschrak. Er lebte damals allein in einem Apartment, hatte sein Haus verloren, seine Frau verloren, seinen Job verloren, sein Geld, sein Ruhm, alles weg. Mickey Rourke - einst als Hollywoods neuer Brando gefeiert und dann fast 20 Jahre lang als Landplage geziehen - hielt sich über Wasser, indem er seine Harleys verkaufte, Stück für Stück, für nicht mal halb so viel, wie sie wert waren. Eines von einem Dutzend Motorräder war noch übrig. "Ich starrte in diesen Spiegel und sah mich zum ersten Mal so, wie andere Leute mich sehen - das Gesicht und alles. Und wie sie erschrak ich vor dem, was aus mir geworden war. Ich hatte Angst vor mir selbst. Mir war klar, ich musste mich ändern."

"Verändern" ist eines der Lieblingswörter von Mickey Rourke. Von "change" spricht er öfter als Barack Obama. Und auch schon eine ganze Weile länger: Vor 14 Jahren, sagt der 56-Jährige, habe er mit jener Veränderung begonnen, die endlich zum Guten führen sollte. Er begab sich in Therapie.

All seine anderen Versuche, sein Leben umzukrempeln, haben ihm nicht geholfen. Im Gegenteil. Weder die neue Karriere. Noch die neuen Freunde. Schon gar nicht die neue Frau. Sein Neuanfang im Boxring, er endete 1995 drei Kämpfe vom Titel entfernt mit Gehirnerschütterungen, gebrochenen Knochen, zermatschter Visage. Das wilde, großzügig von ihm finanzierte Kumpelgefolge, mit dem er einst im weißen Rolls-Royce durch die Stadt düste: Die Jungs trugen Goldkettchen und sahen aus wie Mafiosi (und waren es auch). Die Frau, von der sich der geschiedene Rourke Anfang der 90er Jahre angezogen fühlte wie "von einem Gewitter", das US-Model Carré Otis, war magersüchtig und heroinabhängig und brachte so viel Glück in sein Leben wie eine Katze in den Alltag eines schlecht gelaunten Pitbulls. Mickeys Mutation schließlich vom Schauspielnachwuchs "mit überraschend süßem Lächeln", wie die Kritikerlegende Pauline Kael flötete, hin zum arroganten Rüpel verstörte die Hollywoodgemeinde am allermeisten: Er zerstritt sich mit seinen Regisseuren, nannte Warren Beatty "eines der größten Arschlöcher, denen ich je begegnet bin", und als Dustin Hoffman ihn anrief, um ihm die Hauptrolle in "Rain Man" anzubieten, meldete er sich gar nicht erst zurück.

Blick in die Vergangenheit

"Ich war in der Hölle. Ich wollte mir das Leben nehmen", sagt Mickey Rourke mit achtlosen Zügen aus der Zigarette; seine Stimme ein tiefes, raues Rollen, eine Mischung aus Theaterdonner und Teer. Er spricht derzeit viel über seine dunkelsten Stunden, was verblüffend ist, wo er doch gerade seine zweite Hoch-Zeit erlebt. Und zwar ein Comeback von der Sorte, nach der Amerika süchtig ist: Junger Gott, der alles hat, Talent und Sex-Appeal und eine bonbonfarbene Zukunft, landet bis über beide Ohren in selbst erzeugten Exkrementen und findet nach langem Leiden entgegen allen Erwartungen zurück ins Blitz- und Rampenlicht; Applaus und Oscar-Nominierung und Happy-End.

"Dies geschieht nur, weil ich mich verändert habe", wiederholt Rourke. "Ohne meinen Therapeuten säße ich nicht hier." Und so ist es der schiere Stolz, den inneren "kleinen Mistkerl" im Griff zu haben, wenn er heute so offen und so viel über seine Fehler und seine Einsamkeit spricht.

Sein einst so schönes Gesicht zeigt Gebrauchsspuren, und es ist vernarbt von Operationen, die notdürftig gerichtet haben, was die Haken und Geraden seiner Boxgegner zerdepperten. Er hat seit seiner Rolle als Show-Ringer "The Ram", der Bock, im Drama "The Wrestler" wieder gut zehn Kilogramm abgenommen. Im wahren Leben sieht er nicht ganz so verbeult aus wie auf vielen Fotos. Mickey ist wieder oben. Er hätte Grund zu strahlen. Aber Mickey will vom Tod reden. "Ich hatte also die Drogen schon in der Hand", raunt er und zeigt die Spur eines Lächelns. "Und dann fiel mein Blick auf meine Hunde. Und sie schauten mich an, als wollten sie sagen: Und wer bitte schön kümmert sich um uns, wenn du dich verpisst?"

Tierische Lebenshilfe

Er tätschelt den Chihuahua-Mischling, der mit ihm auf dem Sofa sitzt. Loki weilt inzwischen im Hundehimmel: Eine Woche vor der Oscar-Verleihung starb sie im satten Alter von 18 Jahren. Er liebt diesen und seine fünf anderen Hunde - und deren verblichene Vorgänger - innig; sie seien eben die Einzigen, die zu ihm hielten, als er so tief unten war. Die amerikanische Zeitschrift "Psychology Today" widmet sich in ihrer jüngsten Ausgabe diesem Phänomen: "Hunde als Therapeuten - Der Fall Mickey Rourke".

Manchmal sieht man Hollywoods berüchtigtsten Bad Boy in Los Angeles über Tiermärkte schlendern. Er trägt Sporthosen und Kapuzenshirt, der tätowierte Bizeps dick wie ein Rottweilerschädel; im Gefolge eine Testosteronbande, alles schwere Jungs. Und dann tragen diese Kerle Zehn-Pfund-Hündchen im Arm.

"Mickey ist ein Seelchen", sagt Darren Aronofsky, der Regisseur von "The Wrestler". Weil er unbedingt Rourke für die Hauptrolle wollte, bekam er seinen Film fast nicht finanziert. Kaum ein Studio wollte mit dem notorischen Störenfried arbeiten, obwohl der gerade in zwei, drei Nebenrollen sein neues Arbeitsethos demonstriert hatte ("Ich bin jetzt pünktlich und zuverlässig"). So schrumpfte die teure Großproduktion, für die ein "richtiger" Star gesucht wurde, zu einem Fünf-Millionen-Dollar-Sparprogramm. "Darren hatte keine Angst vor mir", staunt Rourke. "Ich bin früher ausgeflippt, wenn sich mir gegenüber einer als Boss aufspielte. Darren sagte zu mir: Pass auf, du bekommst die Rolle, wenn du versprichst, mich niemals vor der Crew anzuschreien. Du tust, was ich sage. Alles klar? Ich habe nur gegrinst. Ich habe mich verändert, Mann."

Grandioser Neustart

Rourke nennt Aronofskys Film "den besten meiner Karriere". Vielleicht auch deshalb, weil er seine Rolle - er spielt einen einst grandiosen, jetzt abgehalfterten Ringer, der sein Comeback plant - zum Großteil selbst geschrieben hat. Wer könnte einen Typen wie Mickey Rourke besser spielen als Mickey Rourke? Wer könnte die Reue ob all der zertretenen Chancen, die Sehnsucht nach der alten Größe besser verstehen? "Wenn du dir nachts im Kiosk ein Bier holst, und hinter dir steht einer und sagt, ich kenne dich, aber ich komm nicht auf den Namen …" Gedemütigt fühle er sich da, bekennt Mickey, schämen würde er sich. Ganz klein fühlen. Und dabei habe er sein ganzes Leben lang versucht, dieses Gefühl zu überwinden.

14 Jahre Therapie - natürlich führt das knietief in die Kindheit. Er wolle sich nicht als Opfer darstellen, sagt er entschieden. Nur so viel: Es habe da "Verlustängste" gegeben. Das Gefühl von Hilflosigkeit. Seine spätere Großspurigkeit, seine Aggressivität sollten diese "Verletzungen" übertünchen. Als er fünf Jahre alt ist, trennen sich die Eltern, und die Mutter heiratet einen Polizisten mit fünf Kindern; sie zieht mit Mickey, seinem jüngeren Bruder und seiner Schwester von New York nach Miami. Der Stiefvater ist offenbar gewalttätig, hart mit den Kindern, die Mutter schaut weg. Mickey lernt mit zwölf Jahren zu boxen. Mit dem Stiefvater will er bis heute nichts zu tun haben, der Mutter hat er erst kürzlich verziehen, als er von ihrer Alzheimer-Diagnose hörte. Sein Wunsch damals: nur raus da. "Ich dachte immer schon, dass ich mal was Außergewöhnliches mache. Eine Bank überfallen zum Beispiel."

Zeitweilig hätte er das nicht nötig gehabt, er galt als Kapitalanlage: Nach dem Sado-Maso-Dramolett "9 1⁄2 Wochen" wurde er zum Sexsymbol erklärt, und man legte ihm Drehbücher wie "Das Schweigen der Lämmer", "The Untouchables" und "Pulp Fiction" zu Füßen. Mickey lehnte ab. Er war angewidert von Heldenrollen. Er suchte das Schwierige, landete im Schmierigen. Als Säufer in "Barfly". Als Schnüffler in "Angel Heart", der am Ende zur Hölle fährt. Doch dann floppten seine Filme. Die Bestien einer kaputten Kindheit stiegen in ihm auf. Depression, Gewaltausbrüche, Drogen; seine Ehe zerbrach. Er umgab sich mit Halbwelttypen und Stripperinnen, schloss Freundschaft mit dem Gangsterboss John Gotti, stürzte sich ins Nachtleben, als gäb's kein Morgen. Es gab keines. Jedenfalls nicht für ihn.

Quertreiber und Kämpfer

Als die Frau weg und seine Karriere eine Lachnummer war, fand er zu seinem Glauben zurück. "Wenn ich nicht katholisch wäre, hätte ich mir längst das Hirn rausgepustet. Ich habe viel gebetet: Gott, bitte, kannst du mir nicht wenigstens ein bisschen Tageslicht schicken?"

Wer immer es geschickt hat: Mickey sieht wieder Land. Und ist sich bei aller Läuterung doch treu geblieben. Auf die Frage, ob der Single Rourke was mit Courtney Love habe, erwiderte er: "Da wäre ich lieber auf einer einsamen Insel mit einem Gorilla." Den Kollegen Tom Cruise beschimpfte er als "cunt" - beleidigend für Angehörige beiderlei Geschlechts -, weil der Scientologe Psychotherapie als Humbug abtut. Und ganz der Quertreiber Rourke, tönt er im liberalen Hollywood "Scheiß auf alle Bush-Gegner!" und schmäht seinen Arbeitsplatz Los Angeles als "Drecksloch, wo der Neid regiert". "El Marielito" nannte er sich im Ring. Das ist Latino-Slang für einen Ganoven. Boxen bleibt seine Leidenschaft. Er hebt die Fäuste, es blitzen Amulette und Ringe. Und es schimmern die goldenen Schuhe. Tatsächlich: golden. Seltsam feminin, wie bei einer Ballerina.

Mickey gibt Überlebenstipps. "Du musst richtig stehen", sagt er, "vor allem mit dem rechten Bein, rechts fest stehen, linke Hand schlägt, so kannst du jeden Gegner bezwingen." Er trippelt, er tänzelt. Er weiß, wovon er redet. Er hat seinen härtesten Gegner bezwungen, sich selbst.

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