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Mirjam Müntefering: "Mein Vater ist kein Sesselpupser"

"Du bist doch das Kind von...". Diesen Satz bekam Mirjam Müntefering, Tochter des designierten SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, in ihrem Leben häufiger zu hören, als ihr lieb war. Was es heißt, mit einem berühmten Vater aufzuwachsen, schildert Müntefering in einem persönlichen Text.

Mirjam Müntefering ist die Tochter des SPD-Politikers Franz Müntefering und seiner ersten Frau. Die 39-Jährige lebt und arbeitet als Schriftstellerin im Ruhrgebiet. Aus der Ich-Perspektive schildert sie ihre Erfahrungen, als Kind eines Prominenten aufzuwachsen. Der Text entstand vor der Rückkehr Franz Münteferings in die Bundespolitik.

"'Ich bin ich, und ich hab's zu sagen mit mir!', notierte sich Franz Müntefering, heute designierter SPD-Vorsitzender, im September des Jahres 1975. Das Zitat stammt von seiner damals sechsjährigen Tochter. Von mir. Dieser eine Satz macht klar, welche Einstellung schon das Kind Mirjam zu Fremdbestimmung und allzu großer elterlicher Einflussnahme hatte.

Bereits damals hatte ich ein gutes Gespür dafür, wo ich Grenzen setzen wollte. Gegen meine wohlwollenden Eltern, erst recht aber gegen Politiklehrer, die sich im Unterricht mit herausforderndem Lächeln an mich wandten: 'Mirjam, du müsstest das doch wissen…?'

Gönnerhaftes Schulterklopfen und schadenfreudige Frotzeleien

Als hätte mein Vater nichts Besseres zu tun, als seiner andächtig lauschenden Familie beim Abendessen die aktuellen politischen Streitpunkte zu erläutern oder mir beim samstäglichen Aldi-Einkauf die Weimarer Republik zu erklären. Aber ich bekam nicht nur von Lehrern zu spüren, aus welchem Stall ich stammte: Nach Bundestagswahlen gab es von Mitschülern, deren Eltern anders wählten, je nach Ausgang der Wahl entweder schadenfreudige Frotzeleien oder neidische Missgunst serviert. Ich erfuhr gönnerhaftes Schulterklopfen von flüchtigen Bekannten, die auf Schützenfesten und Kirchweihfeiern im schwarzen Sauerland bierselig beteuerten, mein Vater sei schon ein klasse Typ, nur eben leider bei der falschen Partei. Ich durfte Meinungen zur aktuellen Tagespolitik sammeln, um sie 'bitte daheim auszurichten'.

Wie gern hätte ich gehabt, dass sie mir egal gewesen wären, diese ungebeten kundgetanen Meinungsäußerungen, die scheelen Blicke und Sticheleien. Doch ich war nie ein Typ für dickes Fell. Es war mir nicht gleichgültig, was andere über meine Eltern sagten. Meine Mutter mit ihrer heiteren Art und dem großen Herzen war bei allen beliebt. Doch zu meinem Vater musste ich mir natürlich auch Kritik anhören.

'Schreiben Sie an Franz Müntefering. Ich bin Mirjam.'

Niemanden kümmerte es, ob ich in einer Sache seiner Meinung war oder - was als Kind noch häufiger vorkam als eine abweichende Meinung - ob mir klar war, worum es überhaupt ging. Die Verantwortung für die beruflichen Entscheidungen meines Vaters war ich gezwungen, ein Stück weit mitzutragen, als Teenager, als junge Frau, bis hinein in mein erwachsenes Leben. In dem ich endlich gelernt habe, Dummschwätzern und Besserwissern freundlich ins Gesicht zu lächeln mit dem Hinweis: 'Damit habe ich nichts zu tun. Schreiben Sie an Franz Müntefering. Ich bin Mirjam.'

Hat lange gedauert, bis ich das selbstbewusst vertreten konnte. Denn mein Vater war schon immer ein toller Typ. Als Kind ritt ich auf seinen Schultern, liebte seine Albernheiten und bewunderte sein Talent beim Zeichnen und Töpfern. Er konnte so vieles, kannte alle möglichen einflussreichen Leute, wusste, wie man mit ihnen umging und wie man hinbekam, was wichtig war. Ich lernte von ihm Menschenliebe und Diplomatie.

Beobachtete mit meinen Kinderaugen bei ihm den Wunsch, Einfluss und Können dort einzusetzen, wo es jenen nützlich sein konnte, denen es schlecht ging. Wildfremde Menschen riefen bei uns an und baten ihn um Hilfe, betrachteten ihn als letzte Rettung in Krisensituationen.

Väter sind immer die, an denen wir unsere Leistung messen

Bis ich in die Schule kam, war ich der Meinung, dass mein Vater, wenn er nur wolle, sogar machen konnte, dass auf einen Dienstag der Donnerstag folgt. Väter sind immer die, an denen wir unsere Leistung messen. Manchmal frage ich mich natürlich schon, ob ich wie eine Irre Bücher schreiben, nebenbei mein eigenes Unternehmen führen, Schreiburlaube für angehende Autorinnen anbieten und Lesungen in ganz Deutschland halten würde, wäre Franz einfach der Industriekaufmann geblieben. Wäre ich so ehrgeizig, so fleißig, so diszipliniert geworden, wenn ich einen Sesselpupser zum Vater gehabt hätte?

Mit zunehmender eigener Prominenz durch meine Bücher begann ich zu ahnen, dass mein Vater es wahrscheinlich genauso hielt wie ich: Wir hatten beide unsere offiziellen Ichs, die wir zu Veranstaltungen und Interviews aus dem Gepäck zogen. Teile von uns, die sich hervorragend dazu eignen, öffentliche Auftritte jeglicher Art unbeschadet zu überstehen.

Doch sogar mein offizielles Ich, das an das Leben im Mittelpunkt gewöhnt ist, reagiert hin und wieder gereizt auf die Frage: 'Sind Sie die Tochter?' Denn damit wird etwas Maßgebliches auf den Kopf gestellt: Subjekt und Objekt werden verkehrt. 'Ist Franz Müntefering Ihr Vater?' würde doch ganz anders klingen.

Nachdem ich mit beinahe 40 immer noch bei Erscheinen eines neuen Buches von Journalisten danach befragt werde, wie 'mein Vater das denn findet', hatte ich irgendwann endgültig den Keks auf. Ich schrieb mein 18. Buch, 'Tochter und viel meh', in dem ich aus meinem Leben erzähle. Darin schrieb ich auch von meinem Vater und wie er findet, was ich so mache. Ich freue mich schon auf mein erstes Interview zu meinem 19. Buch, in dem ich nach meinem Vater gefragt werde. Ich werde gelassen das Buch über den Tisch schieben und sagen: 'Hier, lesen Sie das. Und jetzt können wir über mein neues Buch sprechen.' In diesem Sinne: 'Ich bin ich. Und ich hab's zu sagen mit mir.'"

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