HOME

NASTASSJA KINSKI: Das Rätsel Nastassja

Seit Jahren hat sie keinen Erfolg mehr, trotzdem wird die Kinski immer ein Weltstar sein - und man fragt sich: Warum? Jetzt kommt ein neuer Film.

Na gut, es gab »Paris, Texas«. Großer Film. Wim Wenders eben, großer Regisseur. 17 Jahre her. Und natürlich: »Reifezeugnis«, DER Tatort. Wolfgang Petersen. 25 Millionen saßen vor dem Fernseher, den Männern lief an jenem Sonntagabend der Sabber aus dem Mund; 55 Prozent aller deutschen Männer, so ergab damals eine Umfrage, träumten nach der Ausstrahlung von Lolita-Sex mit ihr. Das ist 25 Jahre her. Aber sonst? Wer kennt schon den Polanski-Film »Tess«, für den sie den César erhielt? Wer erinnert sich an Coppolas »Einer mit Herz«? Und besser gar nicht erst erinnern wollen sollte man sich an die Peinlichkeiten »Harem« von 1985 oder »Stadt, Land, Kuss« aus diesem Jahr.

Trotzdem ist sie ein Weltstar. Vielleicht sogar der einzige, den Deutschland noch hat. Und nie käme man auf die Idee, sie habe jetzt mit ihrem neuen Film »Das Reich und die Herrlichkeit« ihr Comeback. Warum auch? Sie war immer da. Irgendwie. Ohne dass man allerdings genau weiß, warum.

Der Vater! Diese Erklärung reicht nicht, immerhin hat Klaus Kinski noch mehr Kinder, die problemlos ohne Menschenauflauf Brötchen kaufen gehen können, und der Status Tochter allein hält niemanden 27 Jahre lang im Geschäft. Von Francis Ford Coppola bis Roman Polanski, von Wim Wenders bis Lina Wertmueller - alle sahen und sehen etwas in der schönen Deutschen.

Die Männer! Die Affären! Roman Polanski, Robert De Niro, Gérard Depardieu, Al Pacino, Marcello Mastroianni! Diese Herren mögen viele Qualitäten haben; einen Weltstar können selbst sie in ihrem Bett nicht erschaffen.

Das »Time«-Magazine hob sie 1983 auf den Titel, sah im Gesicht der damals 22-Jährigen die Züge von Ingrid Bergman, Brigitte Bardot, Sophia Loren und Audrey Hepburn vereint und ließ Norman Mailer schwärmen: »She has the same qualities as Marilyn Monroe.«

Das hat man gelesen und gelächelt; doch dann steht sie vor einem; man läuft direkt hinein in eine Wolke aus Aura, und man versteht Herrn Mailer. Versteht auch, weshalb der Fotograf Richard Avedon ihr symbolträchtig eine Schlange um den Hals hängte, sie nackt fotografierte und damit zum Sexsymbol der Achtziger machte: Die Kinski wirkt. Wirkt, ohne sich anstrengen zu müssen, wirkt, ohne es vielleicht zu wollen. Es sind nicht nur diese Augen, nicht nur dieser unfassbare Mund, nicht ihr Gang, nicht ihr Haar - es ist ... ALLES. Und wie wenig Selbstbetrug ist vonnöten, um zu glauben, sie flirte mit einem.

»Hallo, ich bin Nastassja Kinski«, sagt sie dann, ohne dies als einen Understatement-Gag verbuchen zu wollen, streckt ihre kühle Hand aus und lächelt dieses Lächeln, von dem man nicht genau weiß, in welchem Film man es unterbringen soll.

Hoffnungslos, gemeinsam mit ihr ergründen zu wollen, weshalb sie trotz allem ein Weltstar ist. Sie versteht solche Erörterungen nicht, hält sie vermutlich für unsinnigen »German Tiefgang«. Nach Fragen denkt sie lange nach, sucht nach den richtigen deutschen Wörtern, denn ihre Muttersprache benutzt sie nur noch sehr selten. Und irgendwann setzt sie zu Sätzen an, die sie manchmal hinten nicht mehr zukriegt und in denen sie von einem Gedanken zum nächsten springt.

Doch man vergibt ihr. Allzu gern vielleicht. Denn was soll man mit Sätzen anfangen wie diesen hier - es soll darum gehen, wie sie die Zeit im Jugendgefängnis empfand, im dem sie ihre Klauereien absaß, als sie 15 war: »Da habe ich zum ersten Mal mich selbst gehört. Das war eine Schnitte, wenn man so einen Kuchen hat, der wahnsinnig gut für mich war. Okay, ich will nicht das, ich will das, ich will nicht das, ich will ein friedliches, gutes Leben, was natürlich nicht immer so war. Doch das ist das, was ich will. Ich weiß, was ich will.« Dann ist die 40-Jährige - 40!? Unmöglich! -, dann ist die Kinski jedenfalls irgendwann fertig, lächelt dieses Kinski-Lächeln, und man macht: Mhmmmm.

Viele Filme dreht sie, dieses Jahr sechs, denn die alleinerziehende Mutter muss Geld verdienen für sich und ihre drei Kinder, die sie aus gescheiterten Beziehungen mit dem Produzenten Ibrahim Moussa und dem Musiker Quincy Jones hat und denen zuliebe sie nur Rollen annimmt, die sie nicht zu lange von ihrem Zuhause in Los Angeles fernhalten. Schade, dass sie kaum die Chance bekommt, sich wirklich weiterzuentwickeln - heißt doch einer der Filme dieses Jahres verheißungsvoll »Tagebuch eines Sexsüchtigen«.

Den wird man wohl hierzulande nicht einmal im Nachtprogramm tapferer öffentlich-rechtlicher Sender zu sehen bekommen, die Kinskis alte Kunstfilme sonst auszustrahlen pflegen, gleich nach der Berichterstattung von Dressur- oder Springreiten. Ab und zu schafft es einer ihrer Streifen mal auf deutsche Kinoleinwände - und floppt. Ohne dem neuen Film Unrecht tun zu wollen, denn er ist ein interessanter Western mit Tiefgang und guten Schauspielern: Ihm wird es wohl genauso ergehen.

Diesmal lassen sie sie also Blut spucken. Lassen sie röcheln, schreien und leiden. Natürlich stirbt sie anmutig und mit morbidem Sex-Appeal, denn leiden, das kann sie am besten, in der Regel kombiniert mit heißen Sexszenen, von denen sie mal sagte, sie fielen ihr so leicht wie Kaffeetrinken. Auf diese Rolle wurde sie gebucht, immer wieder; umso erfreulicher, dass sie diesmal nicht ihre Haut zu Markte tragen muss. Trotzdem lässt Regisseur Michael Winterbottom sie kaum zeigen, was sie kann. Nur vereinzelt blitzt ihr Können mal auf, doch dann ist sie auch schon tot.

Aber all das wird ihr nichts anhaben können. Sie wird immer da sein.

Irgendwie.

Oliver Link