NATHALIE LICARD »Isch 'abe süperviel Spaß 'ier«


Irgendwann wird jeder von der »Harald Schmidt Show« berühmt - wie Nathalie Licard, die Vorzeigefranzösin mit der anregenden Stimme.

Schlampe. Das ist eines von Nathalie Licards deutschen Lieblingswörtern. »Schlompäh« sagt die Französin.

Nathalie Licard, sagt Manuel Andrack, Redaktionsleiter der »Harald Schmidt Show«, »hat eine super Stimme«. Darum darf sie Abend für Abend ihr »Aus dem Stüdiö 449 in Köln die «Harald Schmidt Show. 'eute mit ...» in deutsche Wohnzimmer hauchen, wo dann dem einen oder anderen deutschen Mann vermutlich jene sexuelle Tätigkeit in den Sinn kommt, die auf Französisch «sucer» genannt wird.

»Diese Schlampe«, kommt dann, falls sie noch wach ist, der einen oder anderen deutschen Frau neben ihrem deutschen Mann in den Sinn.

Dabei sieht Nathalie Licard, 38, in ihrem schwarzen Anzug mit der dreiviertellangen Hose eher aus wie eine dieser Studentinnen, die im Louvre die Mona Lisa erklären. Sie hat dunkelbraune, hinter die Ohren gestrichene Haare und braune Augen hinter beigebraunem Brillengestell. Und so sitzt sie jetzt an ihrem Arbeitsplatz, dem Empfang der »Harald Schmidt Show« in Köln-Mülheim, und erzählt. »'arald ist süperlüstig«, sagt sie, und »in die Team wird süperviel Ünsinn erzählt«, und »isch 'abe süperviel Spaß 'ier«.

Irgendwann wird jeder berühmt, der neben Schmidt auftreten darf. Das ging Andrack so, der im Gespräch mit dem Meister auf der Bühne den lebenden Sandsack gibt. Oder Helmut Zerlett, dem nicht besonders kompliziert denkenden Chef-Musikanten der Sendung.

Und in den französischen Wochen der Show, in denen Schmidt sich mit Jean-Marie Le Pen und dem gestürzten Fußball-Weltmeister vergnügte, war Nathalie Licard, die Dame vom Empfang, wieder ganz vorn. Als Schmidt beispielsweise eine ganze Sendung auf Französisch bestritt - was ihm lausige Quoten einbrachte, aber auch eine Wiederholung beim Arte-Themenabend »Surrealismus« -, gab Nathalie vorher die Ansagerin und warnte die deutschen Zuschauer schon mal vor: »Ihr Fernseher ist nicht im Arsch.«

Madame Licard ist längst die Kulturbeauftragte der Show, »die Verkörperung des Französischen«, wie Andrack sagt, »und dafür lieben wir sie«. Denn Nathalie besucht Museen, und diese Beiträge heißen dann »Madame Nathalie au Musée«. Oder Madame besucht die Filmfestspiele in Cannes, wo sie Woody Allen fragt, wie er es beurteile, dass die Franzosen Schnecken und Frösche essen. »Besser als Affenhirn«, sagt Allen. Solche Filmchen führt sie in der Show vor, und dann entschuldigt sie sich: »Isch glaube, Woody Allen 'at meine Inglisch nischt so gut verstanden.« Und Schmidt sagt: »Er spricht nicht so gut Englisch, das hab ich auch schon gehört.«

Man kann diese Nathalie Licard für niedlich und kindlich halten; man kann sie aber auch unterhaltsam und natürlich finden. Sie redet ohne Pause. Sie verdreht die Augen, schielt, macht Grimassen, gestikuliert. Sie lacht über andere und vor allem über sich selbst. Sie sagt, sie habe Eltern, die sehr konservativ seien. »Davor habe ich mich immer mit Witz und Humor geschützt.« Einer ihrer Kollegen erzählt, bei sexuellen Anspielungen höre bei Madame Nathalie der Spaß auf. Fragt man sie allerdings nach ihrem Lieblingswitz, erzählt sie diesen: »Ein Mann steht vorm Richter, er hat eine Frau vergewaltigt, und er sagt, nein, das war kein Missbrauch. Missbrauch ist nur, wenn die Leute nicht wollen. Aber ich wollte das.«

Nathalie Licard kommt aus Dax, »das schreibt man wie dieses Aktien-Dings«, einer kleinen Stadt zwischen Bordeaux und Biarritz nahe der Atlantikküste. Sie studierte nach dem Abitur Literatur und arbeitete nebenbei fürs Radio, für eine Comedy-Sendung namens »Schade, dass es keinen Teppichboden gibt«. Sie brach das Studium ab, ließ sich in Paris zu einer Art Sozialarbeiterin ausbilden und betreute Problemkinder. Nach Dax zurückgekehrt, gründete sie zusammen mit ihren zwei Schwestern ein kleines Tonstudio. So lernte sie einen Herrn von einer deutschen Plattenfirma kennen, der in Köln lebte, und »irgendwie ergab es sich, dass ich ihn besuchte und blieb«. In Köln. Nicht bei dem Herrn.

Zur Harald Schmidt Show kam Nathalie Licard vor etwa sechs Jahren als Praktikantin, und dass eine Frau, die kein Deutsch spricht, an den Empfang und die Telefonzentrale gesetzt wird, gibt es vermutlich nur bei ihm. Nathalie, heute Single, strampelt mit ihrem schwarzen Hollandrad aus dem Norden der Kölner Altstadt zur Arbeit nach Mülheim und setzt sich »an die Kreuz«, wie sie sagt, »da kommen alle vorbei, und es ist immer lustig«. »Die Kreuz« ist in Wahrheit ein Tresen, orange angestrichen, dahinter ihr hellblauer Schreibtisch mit zwei PCs, Drucker, Fax, vier Telefonen. Gelbe Post-It's bappen überall; rechts neben Nathalies Platz hängt das schwarze Brett, auf dem Schmidt verkündet: »Ihr Lieben, in Zukunft ist der Montag frei. Schöne Freizeit, Euer Cheffe«.

Es ist halb fünf in Köln-Mülheim, und Redaktionsleiter Manuel Andrack drückt Nathalie Licard ein weißes DIN-A4-Blatt in die Hand, auf dem die Ansage für die heutige Show steht. Madame muss sie ihm einmal vorlesen, dann geht sie in ein kleines Tonstudio, setzt sich den Kopfhörer auf und haucht ins Mikrofon: »Aus dem Stüdio 449 in Köln ...«

Es dauert keine 60 Sekunden, bis Nathalie Licard fertig ist. Sie klingt sexy. Verrucht. Wie eine »Schlom-päh«.

Ulrike von Bülow


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