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Kulturschock Wiesn: Reisbauer unter Lederhosen

Urlaub andersherum: Wie der Kambodschaner Nouem, der seine vertraute Heimat noch nie zuvor verlassen hat, am Ende einer Reise durch Deutschland das Oktoberfest erlebt.

Von Christopher John Peter

Blasmusik, Busenheberdirndl und Kaltblutbespannte Bierkutschen: "O'zapft is!" Willkommen auf dem Münchner Oktoberfest. Genauer, dem 175. seiner Art. Eine süffig-selige Dauerorgie voller Trachtenornat, Krachledernen, Puffärmelblusen und enggeschnürten Miedern, aus denen Brüste wie Germknödel quellen. Der Himmel ist eher gräulich als blau-weiß, die Luft geschwängert von Bier und zünftiger Volksmusik.

Mittendrin im Tsching und Rassabum, der zierliche Kambodschaner Heng Kim Nouem. Neugierig ruckt immer wieder das Haupt des gerade einmal 160 Zentimeter großen Gastes in alle Richtungen. Geweitete dunkle Augen versuchen die auf ihn einstürmenden Eindrücke aufzunehmen. Die Hände fingern eifrig an seiner Kamera herum. All die absonderlichen Rituale der Deutschen sollen für zu Hause festgehalten werden - für die Dörfer in Oddar Meanchey, einer der ärmsten Provinzen Kambodschas an der Grenze zu Thailand.

Erst vor neun Tagen ist Nouem in Deutschland gelandet. Auf einer Rundreise durch die Bundesrepublik mit der Martinshilfe der Malteser hat er Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser besucht - zusammen mit Jugendgruppen über sein Heimatland Kambodscha diskutiert und auf Elternabenden Projekte der Hilfsorganisation vorstellen. Als eine Art Entwicklungshilfebotschafter der Hilfsorganisation reist der 29-Jährige zehn Tage durch das Land, um Helfer für den Aufbau des jahrzehntelang vom Bürgerkrieg zerrütteten Landes zu gewinnen.

Der Eindruck einer zügellosen Orgie

Er selbst musste noch mit 14 Jahren aus seinem Dorf vor dem Terror der Roten Khmer flüchten. Mittellos lernte er im Hilfscamp der Malteser deren Arbeit kennen, eignete sich autodidaktisch Englisch an und machte mit ihrer Hilfe eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Jetzt steht er staunend auf der Theresienwiese. "Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Platz gesehen", sagt Nouem. Immer wieder wendet er peinlich berührt den Kopf beiseite, wenn überschwänglich gebusselt wird. Aus kambodschanischer Sicht muss ihm das größte deutsche Volksfest wie eine einzige zügellose Orgie vorkommen. "Bei uns ist das nicht so richtig erlaubt", sagt Nouem, der zwischen seinem siebten und vierzehnten Lebensjahr in einem buddhistischen Kloster aufwuchs.

"Ans zwa gsuffa", mit einem behändem Schritt zur Seite weicht er einer grölenden Horde in Lederhosen aus. Auch die Lautstärke auf der Wiesn ist ein Novum für Nouem. Erst einmal will er verstehen, was hier überhaupt vor sich geht. Vermeintlich ist das deutscheste aller Feste weltweit bekannt. Über 3000 Ableger gibt es von Chile bis China. Nouem schüttelt den Kopf. Von Bazis, Bier und bajuwarischer Lebensart hat er noch nie gehört. Sein Maßstab sind Feste in der Provinzhauptstadt Samraong - und die hat, mitten im Dschungel gelegen, gerade einmal 2000 Einwohner.

Bier- statt Wasserfest

Beim ersten Oktoberfest 1810 drehte sich alles um ein Pferderennen zu Ehren der Vermählung des Kronprinzen Ludwig. Bier gab es da noch keins, erklärt man ihm. "Unsere Version des Oktoberfestes heißt Bon Oumtouk", antwortet Nouem da. Beim dreitägigen Wasserfest, das im Oktober stattfindet, treten landesweit hunderte Dorfgemeinschaften in pfeilschnell gepaddelten Langbooten gegeneinander an.

Wo in Deutschland der Schuhplattler hämmert und Dirndl schwingen, da picknicken komplette Familienclans aus den kambodschanischen Provinzen an den Flüssen des Landes und lauschen schmalzigen Popballaden auf Khmer. "Ich selber habe im Wettstreit der Dörfer auch schon einmal mitgerudert", erzählt Nouem mit strahlenden Augen. "Doch die Dorffeste in Samrong sind lang nicht so groß, prächtig und laut, wie in Deutschland." Dafür hat das Wasserfest ein paar Jahre mehr auf dem Buckel: Seit über 800 Jahren werden die Bootsrennen in Erinnerung an den Sieg der Khmer-Könige gegen den Stamm der Cham aus Vietnam ausgetragen.

"Deutschland ist merkwürdig"

Zumindest an Hektolitern ist das Oktoberfest nicht zu schlagen: 6,9 Millionen Maß Bier rannen allein letztes Jahr 6,7 Millionen ausgetrocknete Kehlen hinunter. Es gab ja auch eine Menge herunterzuspülen: 104 Ochsen, 58.446 Schweinshaxen und 521.872 Brathendl wurden im vergangenen Jahr verspeist. Ein dreiwöchiges dionysisches Rekordgelage auf das auch die Cäsaren stolz gewesen wären.

Darauf Prost! Auch Nouem hat es ins Festzelt verschlagen - als Ehrengast von BMW-Vorstand Richard Schottenhaml, der den Maltesern gerade einen BMW spendete, und dem Wirt der Ochsenbraterei Hermann Haberl.

Rasch wird deftige Kost aufgetischt. Der Gast aus Kampuchea verschwindet fast hinter einer riesigen Schweinshaxe und einer übervoll eingeschenkten Maß Bier - Betrug gibt's nicht, wenn der Wirt mit am Tisch sitzt. Stunden später linsen große schwarze Pupillen vergnügt über das fast leere Glas hinweg. "Deutschland ist merkwürdig, alles ist so groß. Die Menschen, die Nasen und die Bierkrüge. Das merkt man auch beim Essen." Entschuldigend schiebt Nouem die zur Hälfte verzehrte Schweinshaxe von sich weg. "Bei uns wird davon eine ganze Familie satt."

Die Blase drückt

Jetzt rufen die sanitären Einrichtungen. Die Statistik: 980 Sitztoiletten, 878 Meter Standtoiletten. Für Nouem ein interessantes Spektakel der Massenabfertigung. Der Fotoapparat wird gezückt. Nach der Maß sichtlich munter, erzählt Nouem von weiteren Wunderlichkeiten, die ihm auf seiner Reise durch Deutschland aufgefallen sind. Vor allem Windräder haben es ihm angetan. "Das ganze Land ist voll davon", ruft er begeistert. "Bei uns sollte jedes Dorf eins haben."

Was hat ihm denn nicht gefallen an Deutschland? Wer jetzt genau wissen will, was in Nouem vorgeht, muss zwischen den Zeilen lesen. Kritik wird nie offen vorgebracht, der Gesprächspartner könnte ja sein Gesicht verlieren, erklärt er. Doch wenn etwas "nur ein wenig gut" ist, dann ist es schlecht.

Und so fand er es nur ein bisschen gut, als er in Berlin am Bahnhof Zoo zum ersten Mal mit Obdachlosen und Junkies konfrontiert wurde. "Deutschland hat so viel Geld, warum können die nicht wenigstens saubere Kleidung haben", wundert er sich. "Die sahen aus, wie einige bei uns auf den Dörfern, die dauernd Reisschnaps trinken."

Auch nicht so gut fand er die Tanz-Attacke eine Woche zuvor, auf einem Schützenfest in Nordrhein-Westfalen. Plötzlich ergriffen ihn Frauenhände, zogen ihn lachend in den Reigen der wild tanzenden Majestäten. Erschrocken und eingeschüchtert versuchte Nouem auf dem hochherrschaftlichen Parkett des dörflichen Festzeltes Schritt zu halten. Die Wangen leicht gerötet, das Mieder eng geschnürt, wirbelte eine Schützenkönigin unbeirrt den asiatischen Gast herum. Nach einigen Minuten macht der sich jedoch nach einer knappen Verbeugung aus dem Staub. "Ich bin schließlich verheiratet und habe zwei kleine Kinder", sagt er.

Ein Kleinbauer begegnet dem Minister

Die Hände tief in die Taschen vergraben, die Schultern hochgezogen stapft Nouem weiter über die Wiesn. Es ist 15 Grad, er zittert ein wenig vor Kälte. Da tauchen in der Ferne Traktoren und Mähdrescher auf. Zielstrebig steuert er auf die Bayrische Landwirtschaftsmesse zu, die sich alle vier Jahre neben dem Oktoberfest auf der Theresienwiese breit macht. Seine Begleiter schauen wehmütig auf die Bierzelte zurück, doch der Kambodschaner hat anderes im Sinn.

"Ich baue gerade zum ersten Mal in meinem Leben selber Reis an", erklärt er. Die Brust schwellt, er fährt fort: "Drei Hektar habe ich bestellt - damit kann ich im Jahr über 30 Dollar verdienen." Wie aufs Stichwort öffnet sich eine der Ausstellungshallen.

Mit großem Gefolge drängt Landwirtschaftsminister Horst Seehofer heraus. Schüttelt Hände, gibt kurze Interviews. Nouem mittendrin. Nach kurzer Frage, wer das denn sei, ergreift er die Chance. Ein Handschlag vom Chef der deutschen Großbauern mit dem Kleinbauern aus Kambodscha. Doch bevor er etwas fragen kann, zieht die Karawane weiter.