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Oktoberfest-Mythen: Nichts als die Wahrheit über die Wiesn

Stimmt es, dass die Maß kein Liter ist und die Zelte bereits um 24 Uhr schließen? Und gibt es wirklich ein schwules Festzelt? stern.de überprüft 20 Oktoberfest-Mythen.

Von Jens Maier

"O'zapft is" heißt es seit Samstag, als Münchens Oberbürgermeister Christian Ude das 179. Oktoberfest feierlich mit dem traditionellen Fassanstich eröffnet. Bis zum 7. Oktober wird auf der Theresienwiese ausgiebig gefeiert. Für alle Flachlandtiroler und "Saupreißn" überprüft stern.de die gängisten Klischees über die Wiesn auf ihren Wahrheitsgehalt.

Stimmt es, dass man nur in Tracht in die Zelte kommt?

Nein! Jeder ist beim Oktoberfest willkommen - auch mit Jeans und Rollkragenpulli. Ein echtes bayrisches Mannsbild kommt allerdings in seiner "Krachledernen", ein bayrisches Madel im Dirndl. Dem Trend zur Trachten folgen aber auch immer mehr Zugereiste und Touristen, die vor Beginn der Wiesn in Münchner Kaufhäusern die Trachtenabteilungen stürmen. Selbst bei "C&A" und "Karstadt" gibt es ganze Abteilungen wo nur Lederhosen und Dirndl angeboten werden. Dass die "Saupreißen" (bayrisch für Norddeutsche) inzwischen auch Tracht tragen, beobachten die Ur-Bayern allerdings mit Argwohn.

Stimmt es, dass alle auf den Tischen tanzen?

Nein, das ist sogar verboten. Mittlerweile haben alle großen Festzelte strenges Sicherheitspersonal, das Schunkel-Versuche auf dem Biertisch sofort unterbindet. Auch die Wiesn-Bedienungen sind angehalten, Besucher von den Tischen zu holen. Grund: die hohe Unfallgefahr bei schunkelnden Massen auf den rutschigen und wackeligen Biertischen. Aber keine Sorge, der Spaß kommt trotzdem nicht zu kurz: Das Stehen und Schunkeln auf der Bierbank ist nach wie vor erlaubt.

Stimmt es, dass die Maß jedes Jahr teurer wird?

Mit wenigen Ausnahmen: ja! Vor 40 Jahren kostete eine Maß noch 2,40 D-Mark, inzwischen über 8 Euro. Nur kurz nach der Umstellung auf den Euro, von 2002 auf 2003, sind die Bierpreise stabil geblieben, ansonsten in den vergangenen 40 Jahren kontinuierlich gestiegen. Trotzdem wird die Ankündigung von Preiserhöhungen jedes Jahr wieder in der örtlichen Presse heftig diskutiert. Mit den Preissteigerungen geben die Wirte steigende Kosten direkt an die Bierkonsumenten weiter.

Stimmt es, dass es nichts außer Bier zu trinken gibt?

Nein, in jedem Zelt gibt es außer Bier auch antialkoholische Getränke zu trinken. Daneben ist das Angebot an Spirituosen riesig: Vom Champagner bis zum Schnaps gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Im Weinzelt ist Bier sogar verpönt. Wer dort trinkt, bestellt entweder Wein oder Schaumwein. "Helles" wird gar nicht ausgeschenkt, lediglich Weißbier vom Fass als Zugeständnis an die Bierklientel.

Stimmt es, dass die Toiletten so voll sind, dass viele unter die Bierbänke pinkeln?

878 Meter "Stehplätze" stehen den männlichen Wiesnbesuchern auf den Toiletten zur Verfügung, dazu kommen noch einmal insgesamt 964 Sitzplätze. Trotzdem kann es auf den Toiletten zu langen Wartezeiten kommen, insbesondere am Wochenende. Da die Zelte bei Überfüllung gesperrt werden empfiehlt es sich nicht, außerhalb zur Toilette zu gehen, wenn man wieder ungehindert zu seinem Sitzplatz zurückkehren will. Aus dieser Not soll sich so manches Mannsbild deshalb schon unter dem Biertisch Erleichterung verschafft haben. Die Lederhose hat dazu übrigens eine aufknöpfbare Klappe.

Stimmt es, dass in den Zelten keine laute Musik gespielt werden darf?

Ja, zumindest bis 18 Uhr. Seit 2005 wird das Konzept der "sanften Wiesn" konsequent umgesetzt. Es sieht vor, dass die Musik tagsüber nicht lauter als 85 Dezibel sein darf - erst am Abend darf der Verstärker aufgedreht werden. Grund für die Einschränkung waren Beschwerden über die zunehmende "Ballermann"-Atmosphäre des Volksfestes. "Die Zelte sollen aber keine Diskotheken sein, sondern bayerische Bierzelte bleiben", begründete Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl vor vier Jahren die Einführung der Lautstärkebegrenzung. Nach anfänglicher Kritik hat sich das Konzept inzwischen bewährt.

Stimmt es, dass es ein schwules Zelt gibt?

Es gibt zwar kein explizit schwules Zelt, doch inzwischen haben sich mehrere Termine für Homosexuelle auf der Wiesn etabliert. Der "Gay Sunday" findet an jedem ersten Okoberfest-Sonntag in der Bräurosl statt. Die "Prosecco-Wiesn" in der Fischer-Vroni am zweiten Montag ist ebenfalls fester Bestandteil der schwulen Wiesn. Am letzten Oktoberfest-Tag trifft man sich dann nochmals ab 13 Uhr im Schottenhamel.

Stimmt es, dass die Wiesn-Wirte beim Ausschank die Gläser nicht ganz voll machen?

Das Thema Schankbetrug bewegt die Münchner, seitdem es die Wiesn gibt. Rund sechs Millionen Maß werden Jahr für Jahr auf dem Münchner Oktoberfest getrunken. Und eigentlich sollte genau ein Liter Bier im Krug sein. Doch fast jede Maß ist schlecht eingeschenkt, behördlich ist sogar ein Unterschank von 0,1 Liter erlaubt. Der "Verein gegen betrügerisches Einschenken" kämpft dagegen an. Der Vorwurf: Die Wirte bereichern sich konsequent, indem sie zu wenig in die Gläser füllen. Bei einem Maßpreis von 8 Euro ist ein Unterschank von 0,1 Liter 80 Cent wert. "Das macht bei sechs Millionen getrunkenen Wiesn-Maß einen ergaunerten Gewinn von 4,8 Millionen Euro", sagt der Verein.

Stimmt es, dass die Zelte schon vor 24 Uhr geschlossen werden?

Ja, punkt 23.30 Uhr ist Kehraus, der Bierausschank endet sogar schon eine Stunde vorher. Nur Käfers Wiesnschänke und das Weinzelt haben bis 1.00 Uhr geöffnet. Der letzte Wein oder Champagner muss dort um 0.30 Uhr geordert werden.

Stimmt es, dass die Wiesn der größte Wirtschaftsfaktor in München ist?

In München haben BMW, Siemens und andere Großkonzerne ihren Firmensitz. Gemessen an deren Umsatz ist das wirtschaftliche Gewicht der Wiesn relativ klein. Trotzdem ist das größte Volksfest der Welt für die Münchner eine bedeutende Einnahmequelle. Fast eine Milliarde Euro spült das Oktoberfest insgesamt in die Kassen. Zirka die Hälfte erwirtschaften die Wiesnwirte, bei denen 8000 Festangestellten und 4000 Aushilfskräften in Lohn und Brot stehe. Auch die Verkehrsbetriebe und das Taxigewerbe verdienen kräftig mit, außerdem die Hotellerie. Die auswärtigen Wiesnbesucher geben rund 300 Millionen Euro für Übernachtungen aus. Unschätzbar ist der Wert, den das Oktoberfest als Marke für den Münchner Tourismus hat. In einer weltweiten Umfrage der deutschen Zentrale für Tourismus gaben 91 Prozent der Befragten an, das Oktoberfest zu kennen.

Stimmt es, dass keine Münchner auf die Wiesn gehen?

Ganz im Gegenteil. Der Wiesnbesuch gehört für einen Münchner dazu. Im Gegensatz zu den meisten Touristen machen es sich die Einheimischen gerne auch unter der Woche auf den Bänken bequem. Zum Mittagessen oder nach der Arbeit geht es für eine Maß ins Bierzelt.

Stimmt es, dass in den Zelten weiter geraucht werden darf?

In der bayerischen Gastronomie gilt nach einem Volksentscheid seit 1. August das bundesweit strengste Rauchverbot. Eine Ausnahme gibt es auch für das größte Volksfest der Welt nicht - zumindest offiziell. Eine Hintertür aber bleibt: Die Stadt will während der Jubiläums- Wiesn beide Augen zudrücken und das Rauchen nicht ahnden. Auch die Wirte wollen Raucher nicht bestrafen. Zwar sollen Schilder und das Personal auf das Verbot hinweisen. Aber kein Raucher wird aus dem Bierzelt fliegen. Roiderer: "Die Wiesn ist ein Vergnügungszentrum, kein Rehazentrum."

Stimmt es, dass Münchner Firmen ihren Mitarbeitern Geld für Bier schenken?

Ja, in vielen Münchner Betrieben wird traditionell das sogenannte "Wiesngeld" ausgezahlt, entweder in Form von Gutscheinen oder bar. Die Beträge schwanken meist zwischen 15 und 30 Euro. Wo es kein Wiesngeld gibt, gehört es meist zum guten Ton, einen Firmenausflug aufs Oktoberfest zu machen, bei dem die erste Maß und das erste Hendl auf den Chef gehen.

Stimmt es, dass die Wiesn wegen des schöneren Wetters vom Oktober in den September gelegt wurde?

Ja, das erste Oktoberfest fand am 17.10.1810 statt und war eigentlich ein Pferderennen zu Ehren der Hochzeit von König von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Hildburghausen. Fortan wurden die Feierlichkeiten jedes Jahr wiederholt, später verlängert und zeitlich vorverlegt - vor allem wegen des besseren Wetters im September. Die Nächte sind wärmer, somit lässt es sich auch in den Außenbereichen der Zelte ohne Frösteln feiern. Das letzte Wiesn-Wochenende liegt aber traditionell im Oktober.

Stimmt es, dass der traditionelle Fassanstich am ersten Wiesntag die Erfindung eines SPD-Politikers war?

Ja, und zwar des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Thomas Wimmer. 1950 setzte er zum ersten Mal zum Fassanstich an und begründete damit eine Tradition, die alle Münchner Stadtoberhäupter bis heute fortgesetzt haben. An der Anzahl der benötigten Schläge misst sich das Ansehen des OB. Die scheinen inzwischen fleißig zu üben: Wimmer benötigte damals 19 Schläge, Christian Ude im vergangenen Jahr lediglich zwei.

Stimmt es, dass der Wiesn-Chef ein Mann sein muss?

Nein. Gabriele Weishäupl ist seit 1985 die Fremdenverkehrsdirektorin der Stadt München und automatisch auch Chefin der Wiesn.

Stimmt es, dass Albert Einstein auf der Wiesn gearbeitet hat?

Ja, er ist wohl der berühmteste Hilfsarbeiter beim Aufbau des Oktoberfestes. Als Lehrling in der Elektrofirma seines Vaters und seines Onkels drehte er 1896 im Schottenhamel-Festzelt Glühlampen ein.

Stimmt es, dass die meisten ausländischen Oktoberfestbesucher aus den USA kommen?

Nein. Laut Statistik des Münchner Tourismusamtes kommen 19 Prozent der Wiesn-Besucher aus dem Ausland, die meisten davon aus Italien. Erst auf dem zweiten Platz folgen die Amerikaner, dicht gefolgt von Engländern und Australiern.

Stimmt es, dass die Wirte das Mitnehmen von Maßkrügen bei der Polizei anzeigen?

Ja, denn die Maßkrüge sind Eigentum der jeweiligen Brauerei. Um den Maßkrugklau einzudämmen, wird jeder Diebstahl bei der Polizei angezeigt. Das Sicherheitspersonal ist außerdem angewiesen darauf zu achten, dass Krüge nicht aus dem Zelt gebracht werden. Maßkrüge, die offiziell als Souvenir gekauft werden, sind zur einfacheren Unterscheidung mit einer farbigen Plakette markiert.

Stimmt es, dass auf dem Oktoberfest nur Münchner Bier ausgeschenkt werden darf?

Ja, die Betriebsvorschriften des Festes besagen, dass nur Münchner Bier der "leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien" ausgeschenkt werden darf.