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Otto Waalkes: Das ewige Ottilein

"Blödelbarde", "Hampelmann der Nation", "Komik-Ikone". Weil Otto Waalkes die Deutschen schon seit rund 40 Jahren zum Lachen bringt, kommen auch noch "alternder Scherzkeks" und "Witz-Methusalem" dazu. Erfolgreich ist er trotzdem. Derzeit ist der 60-Jährige in "Ice Age 3" zu hören. Hört das denn nie auf? Ein Erklärungsversuch des Phänomens Ottilein.

Von Sophie Albers

Da muss doch mehr hinter stecken! Der wahre Otto Waalkes, der Mann hinter der Bühnenfigur, ein trauriger Clown unter der immer lachenden Maske. Aber nein, dieser hyperaufmerksame, übersensible Mann, auf dessen weißem Pulli und weißer Baseball-Kappe drollige Elefanten prangen, ist alles, was man kriegt. Und offensichtlich auch alles, was dieses Land braucht.

Beim Reden klatschen Ottos Hände immer wieder auf die Oberschenkel. Er scheint auf einem natural high, das seit 40 Jahren anhält. Die Augen sind aufgerissen und von Lachfalten umstrahlt, jeder Muskel im Gesicht unter Kontrolle. Auch auf der Werbetour für den Film "Ice Age 3", in dem er das Faultier Sid synchronisiert, tut Otto das, was er immer tut, was das Geheimnis seines Erfolges und gleichzeitig Grund für ein großes Missverständnis ist, das Otto aber ganz gewiss nicht aufklären möchte: Er ist authentisch.

Fans lügen nicht

Manche übersetzen das mit dumm oder kindisch, nennen seine Witze sinnfrei, bezeichnen seine Art von Humor als "Blödeln", was abwertend gemeint ist. Vor dem geistigen Auge pirscht sich ein Grinsen auf Beinen mit Schmidtchen-Schleicher-Hüpfern heran und jodelt. Hartnäckig wie Otto selbst hält sich das Gerücht, dass seine Karriere vorbei sei. Doch das Publikum beweist immer wieder das Gegenteil, klatscht und johlt, sobald der Mann mit den blonden Strähnenresten nur "Jaha" sagt. Gerade erst wieder flippten 9000 Zuschauer in der Stierkampfarena von Palma de Mallorca aus, als Otto zur "Wetten, dass...?"-Liveshow auf dem Sofa Platz nahm. Von den knapp zehn Millionen Fernsehzuschauern zu Hause ganz zu schweigen. Was ist das für eine seltsame Hassliebe zwischen den Deutschen und ihrem "Blödelbarden", dem auch Negativschlagzeilen über Verkehrsdelikte und Trennungsgerüchte nichts anhaben können?

Darüber hat sich sogar der selbstverliebte Thomas Gottschalk gewundert, der die heftige Reaktion seines Publikums auf den zotteligen Gast mit einem verblüfftem "Es funktioniert immer noch" kommentierte. Einen Grund dafür nannte Muskelmann Ralf Möller, der daneben saß: Er sei mit Otto Waalkes groß geworden, sagte der Schauspieler, klopfte Otto zärtlich auf den Rücken und hängte noch ein "Unvergänglich!" dran. Offensichtlich ähnelt Ottos Strahlkraft zumindest in Deutschland fast ein bisschen der von Michael Jackson. Sie waren immer da. Man kennt ihre Texte. Und so wie man bei "Beat it" plötzlich mit dem Fuß wippt, fängt man bei Ottos Geschichte vom Föhn eben an zu lächeln. Tiefgelegte Kulturreflexe.

Dass es soweit gekommen ist, sei ein Zufall, beschwichtigt Otto Waalkes und rührt im Tee. Er habe Folksänger sein wollen - "so wie Bob Dylan" - damals, als er das Pädagogikstudium für die Kunstakademie aufgab. Doch er sei auf der Bühne so nervös und ängstlich gewesen, dass er dauernd Sachen umwarf, wofür er sich dann entschuldigte. Sein studentisches Publikum fing an zu lachen. Immer lauter. Da habe er begriffen, wo sein wahres Talent liegt. 1972 füllte Otto das Hamburger Audimax, ein Jahr später erschien seine erste Platte. In gewrungenen, mit Gitarre unterlegten Schnellsprechattacken verbriet er alles - vom bürgerlichen Alltag bis zu Religion, Politik und Sex. Und natürlich auch die damals so beliebte Schlagermusik.

Entschuldigung bei Helmut Schmidt

Genau genommen war dieser Blödel-Angriff von hinten durch die Lachmuskeln gesellschaftlich ebenso folgenreich wie die leichter abzulehnende Revolte der 68er. Er sei ein "freischwebender Interpret der geistigen Lockerungsübung, die zu nichts führt", hat Otto sich einmal selbst beschrieben. Wohl wissend, dass der letzte Halbsatz eine Lüge ist. Doch seine verbalen Tortenwürfe taten eben niemandem weh. Wieselflink und Ottilein tänzelten immer auf dem kleinesten gemeinsamen Nenner. So schmunzelten und lachten die Deutschen - und entspannten sich.

Es brauchte schon einen Kanzler Helmut Schmidt, dem der gar nicht so freischwebende Anarchismus auffiel, und der von Otto eine Entschuldigung forderte - wegen eines Witzes über den Papst. "Haben Sie schon gehört, der Papst soll Selbstmord gemacht haben. - Naja, wenn man sich beruflich verbessern kann". Die gab Otto gerne mit kindlich harmlosem Augenaufschlag. Und die ganze Sache war schnell wieder vergessen.

Das, was Schmidt beim Papst zu weit ging und Otto zum Multimillionär gemacht hat, ist die Kunstfertigkeit im Umgang mit den Worten. Beim Kalauern und Limericken standen und stehen ihm wahre Schwergwichte des Humors zur Seite. Bernd Eilert und der mittlerweile verstorbene Robert Gernhardt, Vertreter der neuen Frankfurter Schule und Mitgründer des Satire-Magazins "Titanic", schrieben Texte für Waalkes. "Knochenarbeit im Scherzbergwerk", nennt der Komödiant das Suchen und Finden seiner scheinbar so luftigen Wortgewitter. "Gepflegte, geschickte Reime hören die Leute immer wieder gerne." Aber die zu finden, zu setzen und zu inszenieren sei harte Arbeit, sagt der Entertainer und fängt an zu rattern: "Angeklagter, Ihnen wird zur Last gelegt/ Sie hätten an dem Mast gesägt/ Ich hab nicht an dem Mast gesägt/ Ich hab nur mit dem Ast gefegt/ da hab ich mich mit Hast bewegt/ Und das hat wohl den Gast erregt/ Und der hat dann den Mast zerlegt". Das erledigt Otto, ohne jedes Atemproblem.

"Wenn der Bush sagt..."

Nicht einmal Al Kaida konnte ihn aufhalten: Die Anschläge vom 11. September haben vielleicht die Spaßgesellschaft ausgebremst, nicht aber Otto. Der ging auf Tour. "Ich war ja auch während des Vietnamkrieges auf Tournee und während des Golfkrieges", sagte er in einem Interview mit einer österreichischen Zeitung am 27. September 2001. "Vor zwei Wochen ist selbst mir das Lachen vergangen, aber wenn selbst der Bush sagt 'The show must go on' muss doch auch ich weitermachen." Das ist scheinbar nonchalant hingeworfen, doch mit wenigen Worten auf den Punkt gebracht, wo die Welt gerade steht.

"Ich nehme alles sehr ernst, vor allem meine Arbeit", sagt Waalkes und wirkt vielleicht so müde, weil er sicher sein kann, dass die Leute auch bei diesen Worten wieder lachen werden. "Otto auf der Bühne ist im Prinzip das Privateste, das ich anzubieten habe." Lachen. "Ich gebe dauernd ernsthafte Interviews." Lachen. Er versucht es immer wieder. Auch heute, vielleicht noch etwas koketter, weil es seit Jahrzehnten so gut funktioniert: "Ich will immer ernst genommen werden, schon seit vielen, vielen Jahren. Nur nimmt man mich nicht ernst. Das ist das große Problem bei mir." Sagt es und zieht ein Otto-Gesicht, das die Worte an die lustige Leine legt. Seine ewige Rückversicherung dafür, tun und vor allem sagen zu können, was er will.

Genau da liegt ein Schlüssel zu diesem deutschen Lach-Phänomen. Es geht nicht darum, dass Otto mehr ist, als das, was er seinem Publikum präsentiert, sondern darum, sich genau anzugucken, was da ist. Verzichtete er auf die Otto-Grimasse, das knackernde Lachen oder seine berüchtigten Jodel-Ausbrüche, blieben nichts als die Worte, deren Gewicht und Bedeutung der Mann aus Emden so gut kennt. Und wenn unser "Blödelbarde" auf die immer wieder gestellte Frage, was er denn vom Comedy-Nachwuchs halte, antwortet: "Ist doch herrlich, wenn wir in Deutschland endlich beweisen, dass unser Beitrag zur Weltwitzreserve nicht nur darin besteht, Chaplin für seinen 'Großen Diktator' die Vorlage geliefert zu haben", ist das nicht nur schön formuliert, sondern gut und wahr. Aber Gutes und Wahres will Ottos Publikum eben nicht hören. Sonst hätte er bei Bob Dylan bleiben können.