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Meinung

Kommentar zum BBC-Interview: Prinz Andrew und seine sehr spezielle Sicht auf die Welt

Prinz Andrew hat mit der BBC erstmals über die Epstein-Affäre gesprochen. Mit seinem Interview verfehlte der Herzog von York nicht nur das Ziel, seinen Ruf zu retten, sondern er fügte auch seiner Familie und der britischen Monarchie schweren Schaden zu.

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Wer sich einladen lässt, verpflichtet sich zwangsläufig gegenüber dem Gastgeber. Unter guten Freuden oder innerhalb der Familie ist das vielleicht kein Problem, in allen anderen Zusammenhängen kann das unangenehme Konsequenzen haben. Diese simple Lebensweisheit scheint in der königlichen Kinderstube im Buckingham Palast nur unzureichend gelehrt worden zu sein, als Prinz Andrew, Herzog von York, dort aufwuchs.

Der zweitälteste Sohn der Queen gab dem britischen TV-Sender BBC ein einstündiges Interview. Der Anlass war brisant. Die renommierte Fernseh-Journalistin Emily Maitlis befragte den Prinzen über seine Verbindung zum mutmaßlichen  Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der Anfang August im Gefängnis Suizid beging.

Prinz Andrew im BBC-Interview

Prinz Andrew im BBC-Interview

DPA

Prinz Andrew und Jeffrey Epstein waren fast zehn Jahre befreundet

Fast zehn Jahre, von 2001 bis 2010, sind die Männer befreundet gewesen. Immerhin so eng, dass Andrew mehrfach Epsteins Gastfreundschaft annahm und in einem seiner luxuriösen Wohnsitze in New York, Palm Beach oder auf der Privatinsel "Little St. James" in der Karibik residierte.

Der Prinz wohnte laut seiner Aussage immer wieder "aus Bequemlichkeit" dort. Und weil Epstein ihn häufig mit interessanten, für seine königlichen Charity-Projekte nützlichen Persönlichkeiten der US-amerikanischen Elite bekannt machte. Seinen Gastgeber will Andrew bei diesen Aufenthalten immer nur sporadisch gesehen haben.

"Bei ihm (Epstein) ging es immer zu wie auf dem Hauptbahnhof", so Andrews Erklärung dafür, dass er sich nie darüber gewundert habe, wer da so alles ein- und ausging. Dass übermäßig viele minderjährige Mädchen anwesend gewesen seien oder gar irgendwelche sexuellen Handlungen an ihm oder anderen Gästen vorgenommen hätten, könne er nicht bestätigen. Und wenn man es wie er nicht anders kenne, als dass ständig Personal um einen herum und einem zu Diensten sei, mache man sich auch sowieso keine Gedanken darüber, so seine großspuriges Erklärung.

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Für Prinz Andrew war es "eine Frage der Ehre"

Als 2006 öffentlich wurde, dass Epstein wegen Zuhälterei und Missbrauch Minderjähriger angeklagt werden sollte, legte der Prinz seine Freundschaft mit dem Milliardär auf Eis. Trotzdem hielt er es "für eine Frage der Ehre", ihm einige Zeit nach der Entlassung aus dem Gefängnis 2010 persönlich in New York die Botschaft von der Beendigung der Freundschaft zu überbringen - und prompt wieder in Epsteins Stadthaus Quartier zu nehmen, statt schlicht in ein Hotel zu gehen.

Und nein, er habe keinerlei Erinnerung, die damals noch minderjährige Virginia Robertson 2001 über Epstein kennengelernt oder gar mit ihr Sex gehabt zu haben, wie diese ihn beschuldigt, obwohl ein gemeinsames Foto existiert. Das sei wohl irgendwie gefälscht worden, denn er sei nie im ersten Stock des Londoner Hauses von Epsteins Ex-Freundin Ghislaine Maxwell (wo das Bild aufgenommen worden sein soll) gewesen und trage außerdem in der britischen Hauptstadt nie derart legere Kleidung, wie dort gezeigt, also könne der Schnappschuss gar nicht echt sein.

Zum Schluss antwortete der Prinz auf die Frage, ob er sich schuldig fühle oder sich zumindest schäme, dass er den Kontakt zu Epstein nicht früher abgebrochen hatte, gleichermaßen ausweichend wie entlarvend für seine Geisteshaltung, immerhin hätten dessen Kontakte ihm und seinen Projekten viel Positives gebracht.

Prinz Andrew ist ein sehr privilegierter Mann mit einer speziellen Sicht

Was bleibt, ist der unangenehme Eindruck von einem sehr privilegiert aufgewachsenen Mann mit einer sehr speziellen Sicht auf sich und die Welt, ohne Empathie, Verantwortungsgefühl oder gar Scham für die Vorgänge, an denen er - wenn auch vielleicht nur unbewusst - zumindest am Rande wohl beteiligt war.

Was in der Vergangenheit durch Epstein und in seinem Umfeld an Verbrechen geschehen ist und ob der Prinz daran Teil hatte, konnte die Öffentlichkeit bei diesem Enthüllungs-Interview nicht erfahren. Was aber enthüllt wurde, war das Psychogramm eines Mitglieds der britischen Königsfamilie, das auch leider nicht besonders positive Rückschlüsse auf deren Wertmaßstäbe und Weltsicht offenbart. Wenn Prinz Andrews Feingefühl ihm nicht selber eingeben konnte, zumindest ein wenig Bestürzung und Mitleid mit Epsteins Opfern zu zeigen, hätten zumindest seine PR- und Rechtsberater ihm einbläuen müssen, dass er dazu etwas sagen sollte.

Andrew hätte die Ermittlungen unterstützen sollen

Aber wäre er wirklich der Mann von Ehre, der er so nachdrücklich zu sein behauptet, hätte er sich sowieso selbstverständlich zügig entsetzt und erschüttert von einem Menschen zurückgezogen, der für so scheußliche Verbrechen verurteilt worden war. Und es wäre ihm vielleicht auch ein Bedürfnis gewesen, die US-Behörden bei ihren Ermittlungen zu unterstützen und über eine der vielen Charity-Organisationen, mit den er seit Jahrzehnten arbeitet, den Opfern Hilfsangebote zu machen.

Aber hier hat nicht nur ein Mensch versagt, sondern auch die Familie, die Institution, der er entstammt. Wenn er nicht fähig war, angemessen zu reagieren, hätte vielleicht die Königin selbst ihm dringend erklären sollen, wie ein wahrer Ehrenmann sich angemessen verhält, anstatt sich nur symbolisch mit einer gemeinsamen Fahrt zur Kirche öffentlich hinter ihn zu stellen.

Mit diesem Interview hat der Herzog von York nicht nur das Ziel verfehlt, seinen Ruf zu retten und sich von jeglichen Verdachtsmomenten reinzuwaschen. Er hat auch seiner Familie und der Monarchie schweren Schaden zugefügt.

  • Catrin Bartenbach
    Catrin Bartenbach