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Royale Autobiografie UK-Medien toben, Royal Family zittert: Harrys Buch ist sein Befreiungsschlag

Prinz Harrys Autobiografie "Spare" ("Reserve" in Deutschland) erscheint am 10. Januar 2023
Prinz Harrys Autobiografie "Spare" ("Reserve" in Deutschland) erscheint am 10. Januar 2023
© Jeremy Selwyn – WPA Pool / Getty Images
"Spare" – so wird Prinz Harrys Autobiografie heißen, die Anfang Januar 2023 erscheinen wird. Die Aufregung im Palast und in den Medien groß. Wohl zurecht.

Die britische Boulevardpresse ist seit der offiziellen Verlagsankündigung von "Spare" in heller Aufregung. Allerdings: Wann waren sie das mal nicht, wenn es um Prinz Harry und Herzogin Meghan ging? Daher ist es kein schlechtes Zeichen. Im Gegenteil, denn die Autobiografie des Königssohns soll aufrütteln. Es ist die Geschichte von Henry Charles Albert David, Herzog von Sussex. Und die scheint Palast und Medien derart zu beunruhigen, dass sich in den vergangenen Stunden die Meldungen schier überschlagen.

Die "Daily Mail" kreischt auf ihrer Homepage über Harrys "nukleare" Biografie und will wissen, dass sie Kritik über alles und jeden beinhalte. Die Palast-Anwälte seien "auf Standby". Der "Mirror" fabuliert wiederum acht "Bomben", die Harry in seinem Buch zünden könnte. Die "Sun" nennt "Spare" auf seiner Titelseite einen "Seitenhieb". 

Warum so viel Bösartigkeit – und sollte es Harry überhaupt noch kümmern?

Prinz Harry, der "Spare" und die Suche nach der wahren Identität

Die einfachen Antworten wären: "Ist doch egal" und "Nein". Aber so leicht ist es eben nicht. Harry (und Meghan als seine engste Beraterin) wird es klar gewesen sein, dass seine Titel-Wahl zerpflückt werden würde. Mit "Spare" hat er den Begriff gewählt, der lange Zeit seine Funktion, seine Existenz beschrieben hat. Und der gleichzeitig eine jahrhundertealte Tradition in Königshäusern repräsentiert. Es gibt William in der Spitzenposition als Thronfolger und es gibt Harry, die Reserve – so lautet auch der deutsche Titel des Buchs –und Einwechselmöglichkeit.

Zumindest bis 2013, als mit Prinz George, Williams Nachfolger auf dem Thron, auf die Welt kommt. Neun Jahre Zeit, um sich eine neue Identität zu schaffen und sich von alten Stigmatisierungen zu befreien. Jeder von uns wird es kennen, wenn einem bestimmte Dinge zugeschrieben werden – und wie schwer es ist, sich davon zu befreien. Dass die Presse nun über Harry herfällt, weil er sich so lange als Ersatz fühlte und vielleicht sogar immer noch so fühlt, ist nichts anderes als Heuchelei und lässt jegliche Empathie fehlen.

Viel spannender wird es sein zu lesen, ob der Prinz es geschafft hat, aus dem Schatten des "Spare" herauszutreten und sich selbst gefunden zu haben. Wer ist er, wenn er nicht die Reserve ist? Was macht die Suche nach dem Selbst mit ihm? 

Wie wird Harry seine Kritik an der Royal Family verpacken?

Die Suche nach sich selbst bedeutet auch, dass Harry auf seine Kindheit und Jugend zurückblicken wird. In der Ankündigung hatte der Verlag Penguin Random House zuerst die Szene beschrieben, als er und sein Bruder hinter dem Sarg der Mutter gingen. Dianas Leben und Tod haben ihren jüngsten Sohn zutiefst geprägt, wie dieser schon häufig in Interviews betont hat. Es ist davon auszugehen, dass Harry das Verhalten aller Beteiligten vor und nach dem Unfall in Paris beleuchten und bewerten wird. Es ist daher kein Wunder, dass der Palast laut "Daily Mail" in "Sorge" ist. 

Das ewig proklamierte Mantra "Never complain, never explain" (zu Deutsch: Beschwere dich nie, erkläre dich nie) hat zurecht im 21. Jahrhundert ausgedient. Kritik sollte auch innerhalb einer der berühmtesten Familien der Welt möglich sein. Die Frage, die bleibt, ist, wie Harry sie formuliert. Und ob es hinterher die Möglichkeit gibt, an den Beziehungen zu arbeiten – oder ob alle so brüskiert sind, dass jegliche Kommunikation zunichte gemacht wird. Das ein oder andere Boulevardblatt auf der Insel wird auf Zweites hoffen und das Seine tun, um dafür zu sorgen. Schon seit Jahren versuchen "Daily Mail" & Co., die Sussexes zum Herzogpaar von Windsor 2.0 zu stilisieren. Die Königsfamilie und allen voran ihr neuer Patriarch Charles dürfte nicht daran gelegen sein, öffentlich auf Kriegsfuß mit einem so hochrangigen Mitglied zu stehen. Die Beliebtheit des neuen Königs steht selbst auf wackeligen Füßen. Der neue Monarch hat sich bisher im Amt noch nichts zuschulden kommen lassen – dies könnte sich ändern im Umgang mit Harry. 

Für den Herzog von Sussex ist die Veröffentlichung seiner Autobiografie ein Befreiungsschlag. Endlich kann er all das erzählen, das ihm auf der Seele brennt. Aus seiner Sicht natürlich. In den vergangenen Jahren hat er immer wieder davon erzählt, wie sehr ihn manche Ereignisse geprägt haben, vor allem natürlich der Tod der geliebten Mutter. Ein allumfassendes Bild blieb der Öffentlichkeit bis jetzt verwehrt. Vermutlich ist es auch das, das den Palastmitarbeitern und der Königsfamilie am meisten Angst macht. Es ist nicht die Kritik, die Harry äußern könnte, sondern das Bild einer möglicherweise höchst dysfunktionalen Familie. Wenn "The Firm" vor der Familie kommt. Und jeder kann sich ab dem 10. Januar selbst eine Meinung bilden, ob diese Reihenfolge die gesündeste ist. 

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