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PROMIS: Schnorren de luxe

Hauptsache, umsonst: Die Reichen und Berühmten Amerikas kriegen den Hals nicht voll und zelebrieren Raffgier auf hohem Niveau.

Kennt man ja, diesen Stress. Die schlechte Luft, die Arme voller Kleider, die Umkleidekabinen voll und dann auch bezahlen. Bezahlen? An der Kasse anstehen? Mit normalen Menschen? Wie banal! Zu diesem Schluss muss Winona Ryder gekommen sein, ehe sie im Kaufhaus Saks Fifth Avenue in Los Angeles festgenommen wurde - wegen Ladendiebstahls. Kleider im Wert von über 5000 Euro hatte sich die Schauspielerin in die Tasche gestopft und hielt sich dennoch für unschuldig. Sie habe ja bezahlen wollen, hieß es, sie habe für eine Rolle als Diebin geübt, und überhaupt, das alles sei ein Versehen.

Einstecken, klauen, leihen, nicht bezahlen, schnorren

- seit die Börsenkurse sinken und die Konjunktur lahmt, üben sich Amerikas Reiche und Schöne in der Kultur der langen Finger. Es wird gerafft und eingesackt, was nicht niet- und nagelfest ist.

»Das ist wie bei einem Blackout«, sagt die amerikanische Sucht-Psychologin Gracie Steinberg in der Modezeitschrift »W«, »wenn keiner hinschaut, greifen sie zu. Sie haben keine inneren Benimm-Regeln und fordern dreist Geschenke und Zuwendungen.« Schauspielerin Sharon Stone (»Basic Instinct«) etwa verwechselte offenbar den Unterschied zwischen »geliehen« und »geschenkt« und gab ein 260.000 Euro teures Collier erst dann an den Juwelier Harry Winston zurück, als der Streit zu eskalieren drohte.

Selbst Papierhandtücher werden geklaut

Simon Doonan, Kreativ-Direktor des New Yorker Kaufhauses Barneys, wunderte sich über das stetige Verschwinden ganzer Pakete von Papierhandtüchern aus der Damentoilette und sah dieselben Handtücher an den Tischen abendlicher Dinner in den Marmorhallen der feinen Leute.

Die »Haste mal 'n Dollar«-Masche der Goldcard-Klasse tobt am heftigsten dort, wo sich die vorgeblich Reichen unter sich fühlen. So kann man am Flughafen des Millionärsnestes Palm Beach lungernde Herren mit Louis-Vuitton-Koffern und Rolex-Uhren bei den Privatjets antreffen, die beiläufig fragen: »Ach, Sie fliegen nach New York, hätten Sie noch einen Platz?« Doch nur selten wird die Schnorr-Nummer öffentlich, Ladenbesitzer pflegen noch immer ihr teuerstes Gut, die Diskretion. »Wenn ich einmal laut erzähle, wer hier alles nicht zahlt, bleiben auch die weg, die zahlen«, sagt eine Modeverkäuferin in L.A.

»Die bei Prada wollten mir nichts umsonst geben«

Ganz offen gab sich hingegen Popsängerin Madonna: Einmal auf eine Gucci-Jacke angesprochen, antwortete sie, die trage sie nur, »weil die mir bei Prada nichts umsonst geben wollten«. In New York hat sich die Drohung, Luxusschulden zu veröffentlichen, als wirksam erwiesen. »Page six«, die sechste Seite der »New York Post«, ist ein gern gelesener Pranger der miesen Manieren in besten Kreisen. Autor Richard Johnson über die Klientel seiner Seite: »Eine Menge dieser Vermögenden walzen durch ihr Leben, ohne einen Penny Bargeld dabei zu haben, weil sie es gewohnt sind, dass irgendjemand das schon bezahlen wird.«

Gewohnt, alles für lau zu kriegen, war wohl Courtney Love, Witwe des Nirvana-Sängers Kurt Cobain. Als im Frühjahr ein Stylist seine Gage bei Gericht einfordern wollte, versuchte Miss Loves Manager die Wogen zu glätten und bot dem Stylisten einen weiteren prominenten Kunden an. Mit Courtney Love sei das so eine Sache, sagt man in Hollywood. Auf der Nulllinie einstigen Erfolgs ist sie nur noch für ihr schlechtes Benehmen berühmt. Aber wenigstens berühmt.

Jochen Siemens