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Quentin Tarantino: "Ich bin die Anti-Walküre"

Er sieht seinen Kriegsfilm als Abenteuergeschichte und mag Winnetou, Old Shatterhand und "Knockin' on Heaven's Door". Quentin Tarantino erweist sich im Interview als Kenner deutscher Filmkunst.

Mr Tarantino, nach "Jackie Brown", Ihrer Verneigung vor dem schwarzen Genre-Kino der 70er Jahre, und der Kampfkunst-Hommage "Kill Bill" schlachten Sie nun offensichtlich die Nazis popkulturell aus. Was reizt Sie daran?

Wenn ich die wirklich ausschlachten wollte, gäbe es in meinem neuen Film viel mehr weibliche Nazis. So Blondinen wie in "Ilsa - She Wolf of the SS".

Dennoch werden bei Ihnen, wenn man sich an das im Internet kursierende Drehbuch hält, Judenverfolgung, "Drittes Reich" und Weltkrieg zur Staffage für eine gut gelaunte Gewaltorgie degradiert.

Das sehe ich nicht so. Das Gute an den 60er Jahren war, dass man damals noch Kriegsfilme machen konnte, die sich nicht um die Schrecken des Krieges scherten, sondern einfach nur aufregende Abenteuerfilme waren wie "Agenten sterben einsam". Just fun! Genau das versuche ich mit "Basterds". Ich will nicht respektlos erscheinen vor diesem schwergewichtigen historischen Hintergrund, aber ich habe keine Angst, respektlos zu sein. Ich will keine Geschichtsstunde geben, sondern erzähle die Geschichte auf meine eigene Weise. Und die war bisher immer: Lache, lache, lache! Hör auf zu lachen! Und dann lache weiter! Ich sehe "Basterds" in der Tradition von "Sein oder Nichtsein", oder als ob Otto Preminger einen Ernst-Lubitsch-Film drehen würde.

Angeblich haben Sie sich zur Einstimmung auf die Dreharbeiten zusammen mit Ihren Schauspielern den nationalsozialistischen Propagandafilm "Der ewige Jude" angesehen. Und andere Nazi-Machwerke.

Yeah, aber Sie täuschen sich: Die sind nicht alle furchtbar. Nur ein paar der Filme, die unter Goebbels entstanden, wollten Drittes Reich und Antisemitismus voranbringen. Die meisten waren Komödien oder Glockenspiel-Musicals. Ich liebe beispielsweise "Glückskinder" mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. Wenn Sie Sturmtruppen mit Kampfstiefeln im Stechschritt sehen wollen, müssen Sie amerikanische Propagandafilme anschauen. Aber ich habe meiner Crew auch noch andere Filme gezeigt. Ich weiß, dass ihr Deutschen Spaghettiwestern liebt, also habe ich eine meiner 35-Millimeter-Kopien aus den USA einfliegen lassen: einen Film mit Bud Spencer.

Sie scheinen sich gut auszukennen mit deutschen Vorlieben. Im Skript wird sogar Winnetou erwähnt …

Ich bin sehr stolz auf mein grenzüberschreitendes popkulturelles Wissen. Winnetou, Old Shatterhand, Old Firehand: Für mich sind das die Vorläufer der Spaghettiwestern. Ich mag aber auch Edgar Wallace. Der Regisseur Alfred Vohrer ist großartig. Und "Der Würger" ist sehr cool.

War von Anfang an klar, dass Sie in Deutschland drehen? Ihre Geschichte spielt doch laut Drehbuch komplett in Frankreich.

Ich wusste immer, dass ich in Deutschland drehen wollte. Und ich wusste, dass ich in den Ufa-Studios drehen wollte, wo all die großen deutschen Regisseure früher gearbeitet haben. Wenn ich eine Szene drehe mit 300 Statisten, die alle deutsch reden sollen, dann nehme ich doch keine Rumänen oder Leute aus Santa Monica und muss später alles synchronisieren.

Mögen Sie den in Deutschland sehr umstrittenen Film "Operation Walküre"?

Ich hab bisher nur den Trailer gesehen, aber ich kann Ihnen schon mal sagen: Ich bin die Anti- Walküre! All diese berühmten britischen Schauspieler, die einen Nazi nach dem anderen spielen. Nichts gegen diese Jungs, aber das ist so altmodisch. Dass die Deutschen auch von deutschsprachigen Schauspielern gespielt werden, war extrem wichtig für mich. Keine Schweden, keine Holländer. Sorry, Max von Sydow, bye-bye Rutger Hauer! Alle in meinem Film - Deutsche, Franzosen, Engländer, Amerikaner - haben die richtige Nationalität und sprechen die korrekte Sprache.

Und wie fanden Sie Ihre deutschen Darsteller?

Christoph Waltz, der die Rolle eines gnadenlosen Judenjägers spielt, kam bei einem unserer Vorsprechtermine einfach rein und gewann die Rolle. Andere wie August Diehl, Daniel Brühl oder Til Schweiger kannte ich bereits vorher. Ich bin ein großer Fan von "Knockin' on Heaven's Door". Daniel habe ich vorher nie getroffen, aber ich kenne "Good Bye, Lenin!" und "Die fetten Jahre sind vorbei", und ich sah ihn zusammen mit Diehl in "Was nützt die Liebe in Gedanken". Ihr Deutschen habt fantastische Talente, und ich sage das jetzt nicht nur, weil Sie von einer deutschen Zeitschrift kommen.

Interview: Matthias Schmidt / print
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