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Kriegs-Mythos: Ärger um russischen Kriegsfilm: Heldentaten, die es so nicht gab

Kriegsfilme zu alten Heldensagen aus dem Zweiten Weltkrieg sollen die Russen begeistern. Dumm aber, wenn die Heldentaten im Kino viel Legende und wenig historische Wahrheit enthalten.

Der Legende nach hatten die 28 Männer nur leichte Bewaffnung - so wie diese Panzerbüchse.

Der Legende nach hatten die 28 Männer nur leichte Bewaffnung - so wie diese Panzerbüchse.

In diesen Tagen findet ein historisches Jubiläum statt. In Deutschland ist die Offensive auf Moskau im Winter 1941 praktisch vergessen, in Russland wird daran erinnert. Die Schlacht um Moskau endete zwar nicht mit einem strahlenden Sieg der UdSSR, aber erstmals gelang es, den deutschen Vormarsch zu stoppen und die bis dahin unbesiegbar erscheinende Wehrmacht zu schlagen. Genau genommen war es der erste schwere Rückschlag der Wehrmacht seit Beginn des Krieges. Die sowjetische Gegenoffensive brachte die Heeresgruppe Mitte an den Rand der totalen Vernichtung.

Mehr Mythos als Wahrheit in dem Kriegsfilm

Einer der populären Mythen der Schlacht wurde nun neu verfilmt, die von Panfilovs 28 Männern. Sie wurden schon im Zweiten Weltkrieg zur offiziellen Legende. Verbissen kämpfend sollen diese 28 Mann am 16. November 1941 eine ganze deutsche Panzerspitze vernichtet haben. Unzureichend bewaffnet, aber vom gerechten Zorn erfüllt, hätten sie gekämpft, bis der letzte Mann gefallen war. Und das nicht, ohne der Nachwelt einen historischen Ausspruch zu hinterlassen: "Russland ist groß, aber wir können uns nicht zurückziehen. Moskau liegt hinter uns."

Deutscher Angriff im Schutz von Panzern.

Deutscher Angriff im Schutz von Panzern.

Ganz der Stoff, aus dem in Hollywood auch Filme gemacht werden. In denen es auch gern ein einzelner mit ganzen Armeen aufnimmt. So wie Rambo - ein neueres Werk dieser Art aus West-Produktion dürfte "Fury" sein. Inhalt: Brad Pitt als harter Kämpe mäht mit seinem – kaputten – Sherman-Panzer Hunderte von fanatischen Deutschen nieder. Wie man sich denken kann, stimmen diese Stories nie so ganz und manchmal auch gar nicht.

Wahrheitsliebender Archivar

So auch bei Panfilovs 28 Männern. Beim Beginn der Dreharbeiten zu dem Kriegsfilm entschloss sich der Moskauer Chefarchivar Sergei Mironenko, die historische Wahrheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und veröffentlichte alte Dokumente von 1948 online. Dokumente, die zeigten, dass der Mythos der 28 eine Fiktion war. Seitdem tobt ein Krieg zwischen zwei Fraktionen in Russland: Die einen wollen die heroische Legende pflegen, auch wenn sie nicht stimmt, die anderen pochen auf die historische Wahrheit. Der Archivar behielt seinen Job nach diesen Streit nicht lange - im Frühjahr wurde er von seinem Posten abberufen.

Untersuchung in der Stalinzeit

Nach Öffnung der Archive nach dem Ende der UdSSR konnte die Heldengeschichte nicht bestätigt werden, auch wenn sie in der Nachkriegszeit in den Schulbüchern stand. Immerhin gab es Panfilovs Division – die 316. Schützendivision. Sie kämpfte in den Vororten von Moskau, bestand aber ursprünglich aus 10.000 Männern. Harte Kämpfe gab es auch, bei ihnen ging aber keine komplette deutsche Division verloren.

Schon im Jahr 1948 fand eine geheime Untersuchung durch den Generalleutnant Nikolai Afanasyev statt. Damals stellte sich heraus, dass keineswegs alle der 28 Männer, die bereits posthum zu Helden der Sowjetunion erklärt wurden, in dem Gefecht starben. Fünf überlebten, einige fielen später im Krieg, aber einer, Ivan Dobrobabin, hatte sich den Deutschen ergeben und diente ihnen in einer Nazi-treuen Einheit in der Ukraine. Dort soll er sich später abgesetzt und wieder den Weg zurück zur Roten Armee gefunden haben. In seinem Bericht an Stalin folgerte Afanasyev, dass das Ereignis um die 28 Männer wohl "nie stattgefunden hat, sondern pure Fantasie ist." Dobrobabin wurde daraufhin in den Gulag verschleppt, überlebte die Lagerhaft und starb friedlich im Jahr 1996.  

Josef Stalin aber entschied, den Irrtum nicht aufzuklären. Eine Demontage des Mythos hätte einen Fehler der Partei offenbart. Außerdem passte die heldenhafte Zuspitzung perfekt ins Bild des heroischen Widerstandes. In Panfilovs Division dienten vor allem Asiaten, deren Beitrag zum Großen Vaterländischen Krieg in der – falschen - Legende weiter überliefert werden sollte.

DVD-Version für den Westen

Im Westen dürfte der Film – wie viele Kriegsfilme aus russischer Produktion – als DVD oder Blueray mit englischer Synchronisation erscheinen. So wie im vergangenen Jahr "Battle For Sevastopol" über die Geschichte der berühmten weiblichen Scharfschützin Lyudmila Pavlichenko. 

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