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stern-Gespräch

Ewiger Entertainer: Roberto Blanco: "Frauen lieben es, ein Negerküsschen zu bekommen!"

Roberto Blanco, 80, findet: Er darf sowas (noch) sagen. Ein Gespräch über Sexismus, Rassismus und ein bisschen Spaß.

Von David Baum

Der Mann mit dem breiten Lachen: Roberto Blanco – Spaß muss auch mit 80 noch sein

Das alte große Lachen sitzt wie eh und je. Roberto Blanco steht hinter der Gardine eines Veranstaltungssaals im Berliner Hotel "Ritz-Carlton" und reißt den Vorhang auf, als würde dieser zu einer großen Bühne gehören. "Und noch einmal!", bittet der Fotograf, für den er posiert. Und Blanco liefert: sein altbekanntes "Ein bisschen Spaß muss sein"-Gesicht samt Kulleraugen – die launige Grimasse einer langen Karriere.

80 Jahre ist er alt, aber keine Spur honorig. Alle Kollegen aus den guten alten Tagen der Fernsehunterhaltung sind lange weg; er nicht. Kann sich überhaupt jemand an ein deutsches Fernsehen erinnern, in dem er nicht allgegenwärtig gewesen wäre? Die Zeit der großen Fernsehshows ist freilich vorbei. Heute bespielt Blanco Promimagazine im Nachmittagsprogramm, die sich nicht selten aus seinem Privatleben speisen.

"Von der Seele" heißt Roberto Blancos Biografie

Zuletzt hat er ein Buch veröffentlicht, in dem er sein Leben Revue passieren, auch in Abgründe blicken lässt. "Von der Seele" heißt die Biografie im Plauderton. Er berichtet über Affären und Ehebrüche – und dass die liebe Familie seine Kreditkarten und die wertvolle Uhrensammlung geplündert habe. So ist auch dieses Werk zur Boulevardschnurre geraten. Als seine Tochter Patricia im Oktober wild brüllend die Präsentation der Autobiografie auf der Frankfurter Buchmesse stürmte, liefen selbstredend diverse Fernsehkameras mit. Kontaktiert man das Management der Tochter, um ihre Sicht der Dinge zu erfahren, wird man nach der Summe gefragt, die man für ein Statement ausgeben möchte. Es ist ein trübes Geschäft.

Ist einer wie er überhaupt bereit, sein Leben kritisch zu reflektieren? Einen Versuch ist es wert. Roberto Blanco und seine zweite Frau Luzandra, blonde Kubanerin, halb so alt wie er, haben bei Wiener Schnitzel und Bratkartoffeln Platz genommen. Er nennt sie "Mami", sie ihn "Papi", wie es angeblich bei kubanischen Paaren so üblich ist. Dass die erste Frage an sie gerichtet ist, verwundert ihn augenscheinlich.

Frau Blanco, was haben Sie aus der Lektüre über Ihren Mann erfahren, das Sie noch nicht wussten?

Luzandra Blanco: Dass er als Kind so geliebt worden ist. Ich glaube, das macht ihn zu diesem freien Geist, der er heute ist, der einfach sagt, was er denkt. Ich habe das selbst leider nicht erfahren. Roberto, hast du dich eigentlich gefragt, wieso dein Vater dich so geliebt hat?

Roberto und Luzandra Blanco, beide kubanischer Abstammung, seit zehn Jahren ein Paar, seit 2013 verheiratet

Roberto und Luzandra Blanco, beide kubanischer Abstammung, seit zehn Jahren ein Paar, seit 2013 verheiratet

Roberto Blanco: Aber Mami, das gehört wirklich nicht hierher. Das ist eben so, Väter lieben ihre Söhne.

Sie wuchsen nach dem frühen Tod Ihrer Mutter in einem Nonnenkloster auf, später in einem Internat in Beirut. War da Liebe?

Es war eine wunderbare Kindheit, diese Nonnen waren gut zu mir, ich war deren Maskottchen. Ich habe erst begriffen, dass ich anders war, als andere Kinder von ihren Müttern besucht wurden.

Die katholische Prägung scheint nicht nachhaltig gewesen zu sein: Stimmt es, dass Sie bereits im Alter von zwölf erste sexuelle Erfahrungen gemacht haben?

Das hat nichts mit den Nonnen zu tun. Ich durfte in den Ferien nach Griechenland reisen, wo mein Vater als Sänger in einem Nightclub gastierte. Weil ich zu jung war, wurde ich nach dem Essen vom Portier ins Hotel gebracht und spielte dort mit anderen Jungs Dame, also das Brettspiel. Eines Abends kam diese Frau, eine wahre griechische Göttin, sage ich Ihnen! Sie nahm mich mit auf ihr Zimmer und zeigte mir, was Männer und Frauen miteinander alles anstellen können. Da hat es bei mir klick gemacht!

Was macht das mit einem Heranwachsenden? Aus heutiger Sicht hat sich die Frau strafbar gemacht.

Nicht nur aus heutiger Sicht! Aber sie hat mir eine neue Welt eröffnet, es war: wow! Dann in Kairo habe ich wild mit den Ballettmädchen im Ensemble meines Vaters geflirtet. Als er das mitbekommen hat, schickte er mich natürlich sofort ins Internat zurück.

Sie sind immer ein Womanizer geblieben. Würden Sie sagen, dass Sie heute ein zeitgemäßes Frauenbild vertreten?

Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Ein Kompliment ist keine Belästigung und schon gar kein Sexismus. Dass das heute so angesehen wird, halte ich für absurd. Und es ist nicht so, dass nur die Männer die Schlimmen sind. Ich habe viele Frauen in meinem Leben gesehen, die fremdgegangen sind. Also hören Sie mir auf damit. Ich habe das aufgeschrieben, weil ich ehrlich sein wollte. Soll ich etwa lügen? Es ist mein Leben, und niemand hat das Recht, es zu kritisieren.

Luzandra Blanco: Ich habe mich gefragt, wieso sich Frauen immer so auf ihn gestürzt haben. Ich bin mir sicher, weil er ein Charmeur alter Schule ist. Männer sind nicht für nur eine Frau geschaffen, das ist nun einmal so. Treu ist man in der Seele.

Als Sie nach Deutschland gekommen sind, lag das Land noch in Trümmern, der Krieg war erst einige Jahre vorbei. Wie haben Sie die Deutschen damals erlebt?

Roberto Blanco: Ich erinnere mich noch, wenn wir Kinder in Beirut Krieg gespielt haben, da waren die Deutschen immer die Bösen. Aber ich bin frei von Vorurteilen. Ich bin hierher gekommen und fand, dass es ein wunderschönes Land ist. Ich konnte in einem Film mit großartigen Schauspielern mitwirken, Hansjörg Felmy, Joachim Hansen, Horst Frank …

… im Landser-Drama "Der Stern von Afrika" aus dem Jahr 1957.

Wir haben uns wunderbar verstanden, haben in Spanien gedreht. Hätte man damals ständig darüber nachgedacht, ob jemand früher Nazi gewesen ist, wäre man verrückt geworden. Ich habe dieses Land geliebt, und man hat mich so genommen, wie ich war. Und ich hatte Erfolg!

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat in seinen Frankfurter Vorlesungen die Showstars dieser Zeit bezichtigt, stellvertretend für ihre Zuschauer vor der Vergangenheit ins Lustige geflohen zu sein. Hat er recht?

Die Leute waren damit beschäftigt, dass das Wirtschaftswunder gelingt. Manchmal haben mir welche ungefragt gesagt, dass sie nichts von den KZs gewusst hätten, und ich habe gesagt: Gut, dann haben Sie eben nichts davon gewusst. Die wollten arbeiten und leben. Die Menschen hatten genug vom Krieg. Man ist in die Bars gegangen und nach Rimini gefahren. Ich habe nie Ressentiments erlebt. Ich wurde oft von Journalisten danach gefragt, und die waren enttäuscht, dass man mich nie diskriminiert hat. Wegen meiner Herkunft wurde ich nur einmal angepöbelt: im Auto auf den Pariser Champs-Élysées wegen meines Wiesbadener Kennzeichens.

Sie sind immer sehr gnädig damit umgegangen, wenn man Sie als "Neger" bezeichnet hat. Zuletzt 2015 der CSU-Politiker Joachim Herrmann. Haben Sie nie darüber nachgedacht, dass das andere farbige Menschen stören könnte?

Er hat "wunderbarer Neger" gesagt, das war freundlich gemeint. Ich bin nicht der Repräsentant anderer Leute. Es ist nun mal meine Art, damit umzugehen. Basta!

Für die Programmzeitschrift "Hörzu" haben Sie sich einmal als Schoko-Osterhase verkleidet. Kam Ihnen das nicht falsch vor?

Aber wieso sollte es das? Manchmal haben mich andere farbige Menschen gefragt, wie ich damit umgehe, dass man oft von den Deutschen so angeguckt würde, weil man anders aussieht. Ich habe immer gesagt: Wenn man dich anguckt, dann lächle. Ich habe es geliebt, als ich herausfand, dass es in Deutschland eine Süßigkeit gibt, die man Negerküsschen nennt. Es war von da an mein größter Gag. Frauen lieben es, wenn man sie fragt: Willst du ein Negerküsschen haben?

Spätestens jetzt möchte man als Interviewer dringlich widersprechen. Was redet der Mann denn da? Anderseits: Ist es an einem weißen Journalisten, einem farbigen Showstar zu erklären, was er über Rassismus zu denken hat? Dann passiert Erstaunliches. Der farbige Kellner, der gerade im Rücken von Blanco den Weinkühlschrank nachfüllt, mischt sich in das Gespräch ein. Der Mann stellt sich als Patrick vor. "Ich sehe das wie Sie", sagt er. Viele Argumente seien aus Amerika übernommen, sagt er. "Aber wir sind nicht die Nachfahren von Sklaven, weshalb wir auch nicht die Verbote aus den USA übernehmen müssen. Ich komme aus Kamerun und bin stolz auf meine Herkunft, ich lebe seit 20 Jahren gerne hier und fühle mich sicher. Man muss nicht alles so ernst nehmen!" Blanco lacht triumphierend und sagt: "Danke, mein Junge!"

Herr Blanco, Ihre Familie stammt aus Kuba, Sie sind in Tunesien geboren, im Libanon aufgewachsen, lebten in Spanien, sind deutscher Staatsbürger – was, würden Sie sagen, ist Ihre Identität?

Meine Identität? Obstsalat. Natürlich sind mein Temperament, meine Musikalität kubanisch. Auch ein Pferd, das in einem Kuhstall zur Welt kommt, ist ein Pferd.

Luzandra Blanco: Aber du hast auch sehr viel Deutsches. Wenn du ein Bier bestellst, dann willst du ein Glas dazu. Das macht kein Kubaner.

Zu Beginn Ihrer Karriere traten Sie mit Josephine Baker auf. Was hat Ihnen die Showlegende für Ihre Karriere mitgegeben?

Roberto Blanco: Sie sagte zu mir: Junge, wenn du eine Bühne betrittst, dann musst du aussehen wie ein Sieger. Daran habe ich mich immer gehalten.

Ihr größter Hit "Ein bisschen Spaß muss sein" verfolgt Sie ein Leben lang. Fühlen Sie sich als Künstler ernst genommen?

Was heißt verfolgt? Ich bin überglücklich, solche Hits gehabt zu haben. Ich kann viele verschiedene Genres, ich singe Swing, Salsa, Bolero, alles. Ich hätte auch Oper singen können, ich habe das studiert. Aber daran fehlt mir der Rhythmus. Ich bin Entertainer, das ist mein Beruf. Ich war immer erfolgreich damit.

Ist der Bruch mit Ihrer Familie also Ihr einziger Misserfolg?

Freunde kann man sich aussuchen, Familie ist Glücksache. Für mich ist das Thema erledigt. Ich habe nichts Böses getan, aber nur Undank erfahren. Ich bin nicht der Einzige, dem das passiert ist, schauen Sie sich die Söhne von Helmut Kohl an.

Vermissen Sie das alte deutsche Fernsehen?

Ich verstehe nicht, dass die Fernsehmanager all die Sachen abgesetzt haben, die gut waren. Auch "Wetten, dass ..?" hätte weitergehen müssen – mit Gottschalk. Aber er war leider müde geworden. Es war die beste Show Europas. Wenn ein Artist abstürzt, ist das traurig, aber man sperrt doch deshalb nicht den Zirkus zu. The show must go on! Aber das haben viele leider vergessen.

Roberto und Patricia Blanco auf der Frankfurter Buchmesse
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