Sarah Biasini Die Dinge des Lebens


Romy Schneiders Tochter ist erwachsen geworden - und Schauspielerin. Doch vor dem Mythos ihrer Mutter hat Sarah Biasini keine Angst mehr. Heute Abend ist sie in dem TV-Zweiteiler "Julie - Agentin des Königs" zu sehen.

Am schlimmsten sind alte Tanten auf Familienfeiern. Sie liegen auf der Lauer, greifen an und sezieren: Augen von der Mutter, Nase vom Vater, Kinn vom Onkel. Sarah Biasini hat tausend alte Tanten. Seit 27 Jahren, seit sie auf der Welt ist, beäugen Franzosen und Deutsche unermüdlich ihr Gesicht: Wie ähnlich ist sie Romy denn nun?

Nachsichtiges Lächeln - Sarah Biasini weiß, wie sie mit der tantigen Spurensuche umzugehen hat. Sitzt höflich auf dem Sofa, in Jeans und Pullover, ist die nette Französin von nebenan. Eigentlich macht sie überhaupt nicht den Eindruck, als fände sie den Vergleich mit der Mutter bedrückend. Höchstens blöd, aber was soll's.

Es gab Zeiten,

da sah sie das nicht so gelassen. Schauspielerin und eine zweite Romy Schneider werden? Niemals. Zumindest beruflich wollte Sarah Biasini sich so weit wie möglich von ihrer Mutter distanzieren und erst mal Kunstgeschichte studieren. Aber jetzt hat sie es doch getan: In ihrem ersten Film "Julie - Agentin des Königs" (deutsche Erstausstrahlung am 10. und 11. Januar 2005 auf Sat.1) trägt Romys Tochter lange Locken und spielt den mädchenhaften Wildfang im märchenhaften Kostüm. Wenn schon, denn schon.

"Dieser Film ist das Beste, was mir bis jetzt in meinem Leben passiert ist." Keine Floskel, Sarah Biasini meint es ernst. Steckt sich schnell noch eine Zigarette an und erzählt von den Dreharbeiten. Vom Spaß mit dem Team, vom Gefühl, endlich das Richtige zu tun. Und plötzlich ist sie gar nicht mehr so höflich-freundlich-nett. Ihre Augen - ja, es sind die Augen der Mutter, und - ja, sie strahlen. Vor Energie und Begeisterung. Der Film, sagt sie, bedeute ihr mehr als eine erste Schauspiel-erfahrung. Eine kleine Befreiung.

Nächste Zigarette. "Schon an der Uni habe ich die ganze Zeit gespürt, dass in meinem Leben etwas fehlt", sagt sie. Was das ist, wollte sie nicht wahrhaben. "Schauspielerin zu werden - davon musste ich mich erst selbst überzeugen. Aber am schlimmsten wäre es für mich, später auf mein Leben zurückzublicken und zu merken: Ich habe etwas verpasst. Nur aus Angst vor der Reaktion anderer Leute."

Sarah Biasini ist vorsichtig.

Sie will nicht so unvorbereitet in den Beruf stürzen wie einst ihre Mutter. Nach der Uni nimmt sie Schauspielunterricht an der Strasberg-Schule in Los Angeles. Dort, wo sie niemand "Romys Tochter" nennt. "Natürlich ist meine Schauspielerei eng mit meiner Mutter verbunden", sagt sie. "Aber ich sehe das eher pragmatisch: Weil meine Mutter Schauspielerin war, ist das für mich ein nahe liegender Beruf."

Für Romy Schneider war die Schauspielerei immer mehr. "Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand", soll sie einmal gesagt haben. Vielleicht hatte sie deswegen immer das Gefühl zu versagen. Vielleicht war sie zu extrem für ein normales Leben. Zu euphorisch, zu unglücklich, nach jedem Höhenflug ein Abgrund. Romy Schneider gönnte sich kein Mittelmaß.

"Supermarktpsychologie"

- Sarah Biasini will von Spekulationen über sich und ihre Mutter nichts wissen. Nach Romy Schneiders Tod im Mai 1982 wuchs sie im Elternhaus ihres Vaters Daniel Biasini auf - dem Haus, an dessen Gartenzaun ein Jahr zuvor ihr 14-jähriger Halbbruder David starb. "Trotz allem: Ich hatte großes Glück damit, wie ich aufgewachsen bin", sagt Sarah Biasini. "Es gibt Kinder, die viel mehr erleiden müssen." Der Tod ist für sie kein Tabu, aber sie will sich kein traumatisches Schicksal andichten lassen. Die tragische Schönheit - das mag die Rolle ihrer Mutter gewesen sein. Sarah Biasini ist eher die Frau, die Ikea-Regale zusammenschraubt und mit ihren Freundinnen fernsieht. Ganz normal.

Vier Jahre ist Sarah alt, als ihre Mutter stirbt. Erinnerungen hat sie viele, aber teilen will sie sie mit niemandem. "Das ist privat." Wieder dieses nachsichtige Lächeln. Hallo, ich bin keine Zicke, aber hier ist meine Grenze. Respekt. Und dann gibt sie doch ein wenig nach. "Ich könnte auch gar nicht viel dazu sagen. Es ist wie ein Fotoalbum, wie Blitze aus Bildern. Und ich träume sehr oft von ihr."

Der Tratsch, die Biografien, die selbst ernannten Romy-Experten - Sarah Biasini geht das alles auf die Nerven. Sie knubbelt an ihren geweißten Fingernägeln und legt die winzige Nase in Falten. "Die Leute sollten sich wegen der Filme an meine Mutter erinnern und keine dummen Analysen machen. Sie war sehr erfolgreich in ihrem Beruf. Viele Menschen haben sie geliebt."

Noch im Jahr 2000 - 18 Jahre nach ihrem Tod - wählen die Leser von "Le Parisien" Romy Schneider zur Schauspielerin des Jahrhunderts, vor Catherine Deneuve. In Frankreich durfte Deutschlands süße Sissi vor allem die bis zur Selbstaufgabe liebende Frau spielen. Stark und zerbrechlich, wild und ängstlich, ein bisschen grüblerisch, ein bisschen deutsch. Mit der Öffentlichkeit bekam sie immer dann Probleme, wenn sie diese Rolle verließ. Zu viele Liebhaber, zu viele Partys. Der Stoff, aus dem gefallene Engel gemacht werden. "Ich denke, sie hat sich einfach ihre Freiheiten genommen", sagt Sarah Biasini. "Das gehörte ja auch zu den 70er Jahren - eine gute Zeit für Frauen. Vieles war spontaner und auch irgendwie gesünder. Meine Mutter hat für ihre Unabhängigkeit gekämpft. Darauf bin ich stolz." 1971 engagierte sich Romy Schneider in der stern-Kampagne "Wir haben abgetrieben" für die Abschaffung des Paragraphen 218, bei der Arbeit schimpfte sie über das "Pascha-Gebaren" von Männern, die zwar vor der Kamera emanzipierte Frauen inszenieren, aber in der Realität alles beim Alten lassen wollen. Gut geschimpft, findet die Tochter heute. "Die Frauen meiner Generation haben davon profitiert."

Sie hätte auch gern

in den Siebzigern gelebt. Aber in der ihr eigenen Art, nichts zu problematisieren, findet Sarah Biasini es natürlich auch völlig in Ordnung, jetzt zu leben. Alles ist easy, und so soll es bleiben. Auch im Beruf. "Mit meiner Arbeit möchte ich den Leuten eine gute Zeit bereiten. Ich möchte sie zum Träumen bringen und habe nicht den Ehrgeiz, mit einem Film die Welt zu retten."

Die Tochter ist eben ganz anders als die Mutter, lautet Sarah Biasinis Botschaft an die Tanten dieser Welt. Ein bisschen entspannter, ein bisschen gradliniger, ein bisschen weniger deutsch.

Andrea Ritter und Tilman Müller print

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