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Schwarzeneggers Autobiografie "Total Recall": Der Terminator besudelt seine Legende

Keine Sex-Geschichte lässt er aus: Arnold Schwarzenegger spickt sein Buch mit intimen Geständnissen. Die Ehrlichkeit soll nicht nur den Verkauf ankurbeln. Der Terminator will wieder geliebt werden.

Von Jens Maier

Eine Stunde lang steht er Rede und Antwort. In unüberhörbar steirischem Akzent plaudert Arnold Schwarzenegger über sein Leben. Zu erzählen hätte er viel. Er ist mit nichts nach Amerika gekommen und hat es dank Anabolika und viel Willenskraft erst zum Muskelhelden und Filmstar, dann durch geschickte Heirat mit einer Kennedy auch in die Politik und zum Gouverneur von Kalifornien geschafft. Es ist die unglaubliche Geschichte eines sagenhaften Aufstiegs. Doch jetzt, am Ende seiner Karriere, ist Schwarzenegger alles andere als der strahlende Held, der er in seinen Actionfilmen immer war. Statt über seine Karriere zu sprechen, muss der geschiedene Ex-Politiker in US-Talkshows Auskunft über sein eskapadenreiches Sexualleben geben. Schwarzenegger lässt die Hosen runter.

"Ich bin nicht perfekt", sagte der fünffache Mister Universum am Sonntagabend in der US-Sendung "60 Minutes". Sein Interview mit Lesley Stahl gleicht einer Lebensbeichte. Statt über die großen Momente in seiner Karriere, stellt er sich den Fragen über die Affäre mit seiner Haushälterin, die vor einem Jahr bekannt wurde. Ob er ihr Schweigegeld bezahlt habe. Wann er erfahren habe, dass er einen unehelichen Sohn hat. Warum er die Sache seiner Frau 15 Jahre verschwiegen habe. Und ob er denn wenigstens bereue. Ausführlich gibt Schwarzenegger seine Verfehlungen zu, um dann noch eins draufzusetzen: Ja, er habe vor 27 Jahren, als er mit seiner späteren Frau Maria Shriver bereits zusammengewohnt habe, eine Affäre mit Brigitte Nielsen gehabt. Ein Schuldeingeständnis, das für seine Ex-Ehefrau wie Hohn klingen muss.

Ehrlichkeit als kalkulierter PR-Schachzug

Dass Schwarzenegger ausgerechnet jetzt mit seinen Sexgeschichtchen hausieren geht, nachdem er über Jahre alles vertuscht hatte, gehört zu seinem PR-Schachzug. Am Montag erschien in den USA seine Autobiografie "Total Recall: My Unbelievably True Life Story". Auf 624 Seiten breitet der gebürtige Österreicher seine "unglaublich wahre Lebensgeschichte" aus. Neben seiner unbestreitbaren Lebensleistung als Schauspieler und Politiker dominieren darin vor allem die bislang verheimlichten Affären - vor und während seiner Ehe. Sie sind es, die derzeit die Klatschblätter in den USA füllen und die den Buchverkauf ankurbeln sollen. Indiskretionen zur kalkulierten Verkaufsförderung. Die Frage aber bleibt: Warum tut er sich das an? Warum bewirft der erfolgsverwöhnte Muskelheld aus Thal seine eigene Erfolgsgeschichte mit Dreck?

Schwarzenegger macht den Seelenstriptease. Er gibt offen zu, mit 65 Jahren vor den Trümmern seines Privatlebens zu stehen. Der 1,88 Meter große Hüne kriecht zu Kreuze. In seinem medialen Mea Culpa gesteht er, am Scheitern seiner Ehe Schuld zu sein und ist sich auch nicht zu schade, seiner gehörnten Ehefrau hinterherzuweinen. Sein Selbstmitleid gipfelt im Geständnis, dass er immer noch auf eine Rückkehr zu Maria Shriver hoffe. Nicht aus Liebe, sondern - so deutet er an - weil es ziemlich einsam um ihn geworden ist in seiner Villa im kalifornischen Santa Monica. Die Worte wird Shriver, die vergeblich mit einem Paartherapeuten um die Ehe gekämpft hatte, mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Doch in Wahrheit, das weiß Schwarzenegger selbst, macht er die Tür zu einer Versöhnung damit endgültig zu.

Amerika liebt gefallene Helden

Denn der eigentliche Grund für Schwarzeneggers intime Geständnisse ist nicht Reue. Es ist auch nicht die Aussicht darauf, mit einer möglichst hohen Verkaufsauflage Millionen zu verdienen. Geld hat er genug. Vielmehr will der einst als "Gouvernator" von seinen Fans verehrte Schwarzenegger sich öffentlich rehabilitieren. Undenkbar für ihn, dass er nach all den Mühen und Entbehrungen, die er für seine Karriere auf sich genommen hat, als notgeiler Bock in Erinnerung bleibt. Nein, ein "Terminator" lässt sich von seinem Penis nicht besiegen. Seine amerikanische Erfolgsgeschichte - vom Nobody zum Millionär - will Schwarzenegger mit 65 Jahren noch einmal wiederholen. Er ist der Gefallene und Geläuterte, der wieder aufsteht und es allen beweist.

Schwarzenegger wandelt auf einem schmalen Grat zwischen entwaffnender Ehrlichkeit und peinlicher Idiotie. In Europa mag über Arnies Geschichten von Haushälterinnen, Blowjobs und Eheproblemen die Nase gerümpft werden. Viele hätten sich von ihm gewünscht, dass er in seiner Autobiografie seine Leistungen als Geschäftsmann, als Gouverneur des chronisch unter Geldmangel leidenden US-Bundesstaats Kalifornien, und ja, sogar als Schauspieler ins rechte Licht rückte. Stattdessen entlarvt er seine Unfähigkeit als Ehemann und manifestiert sein Image als Filou, der keinem Rockzipfel widerstehen kann. Doch Amerika liebt gefallene Helden. Und noch mehr liebt es gefallene Helden, die wieder aufstehen. So wie Arnold Schwarzenegger, der seine berühmte Drohung aus "Terminator" wahr machen will: "I'll be back".