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Musikgruppe und Familie Sie leben noch! Sechs Mitglieder der Kelly Family im Gespräch

Kelly Family
Die Kelly Family zeigt sich 1998 auf dem Balkon von Schloss Gymich, das sie bewohnten
© Guido Ohlenbostel/action press
Der Auftritt von Paddy Kelly bescherte der Vox-Show "Sing meinen Song" einen Quoten-Rekord. Doch wie geht es dem Rest der Kelly Family? Der stern traf sechs Familienmitglieder zum Gespräch.
Von Hannes Roß und Jochen Siemens

Es ist so ein Hamburger Tag: kalter Wind, Regen, der Himmel so grau wie die Straße. Angelo Kelly, mit 35 der Jüngste in der Familienrunde, blickt aus dem Fenster. "Ich lebe in Irland, da ist das auch so." Und Jimmy Kelly, der früher Haare bis zur Hüfte hatte und sie heute ganz kurz trägt, lehnt sich zurück und lächelt. Das sei gutes Wetter, sagt er, er möge den Regen. Früher habe Regen für ihn Ferien bedeutet, denn dann hätten sie nicht auftreten können. Deshalb waren die Tropfen auf dem Dach sein liebstes Geräusch. Fünf Kelly-Geschwister sitzen an einem Tisch, und Jimmy erzählt das mit dem Regen am Rande und beiläufig, die anderen bekommen es gar nicht so mit.

Es ist auch nicht klar, ob die anderen – also Angelo, Patricia, Kathy und John Kelly– hier am Tisch mitbekommen haben, dass Jimmy ein Buch über ihr gemeinsames Leben geschrieben hat, das ein paar Tage nach dem Gespräch erscheint und in dem er Sätze formuliert wie: "In meiner Familie gibt es auch Politik, Mord und Totschlag." Das ist sicher nicht wörtlich gemeint, verleiht aber der Wiedervereinigung eines der größten Pop-Phänomene Deutschlands eine andere Grundierung. Es sieht nicht so aus, als läge sich eine heile Musik-Family wieder glücklich in den Armen.

"Ich dachte, das wäre eine Falschmeldung gewesen"

"Because It’s Love" hieß einer ihrer Hits. Aber es scheint eine besondere Art der Liebe zu sein, mit der sechs Kellys an diesem Wochenende für drei ausverkaufte Konzerte in der Dortmunder Westfalenhalle auf die Bühne gehen und im nächsten Jahr auf eine Tournee. Alte Liebe war es vielleicht bei den Fans, die innerhalb kurzer Zeit die Konzertkarten wegkauften, was die Kellys hier am Tisch alle überraschte. "Ich dachte, das wäre eine Falschmeldung gewesen", sagt Angelo.

Aber die Liebe der Kellys zu ihrer eigenen Geschichte muss, vorsichtig gesagt, neu erarbeitet werden. Es war nicht so einfach, diese fünf hier und Bruder Joey, den man in Deutschland eigentlich mehr als reisenden Extremsportler und Dauerläufer kennt, wieder zu einer Band zusammenzuschrauben. Und zwei, Paddy und Maite, sind erst mal nicht dabei, Paul nur bei einigen Auftritten. Lange Gespräche quer über den Kontinent waren es, sagen sie, und sicher, "es gab unterschiedliche Auffassungen und Ideen", wie Angelo erzählt. Sie sind nicht mehr die Kinder von früher, sondern Erwachsene; eigene Köpfe, eigene Welten. Joey Kelly sagt später in einem getrennten Gespräch: "Ich brauche die Bühne nicht, ich habe sie auch nie vermisst. Ich glaube auch nicht, dass wir nach der Tour weitermachen werden. Es hat jeder sein eigenes Leben."

Kelly Family
Mitglieder der Kelly Family im April bei der Aufzeichnung der ZDF-Show "Willkommen bei Carmen Nebel"
© picture alliance

Ihre Unterschiedlichkeit sieht und hört man ihnen an. Angelo spricht aufgeräumt und klärend, Patricia leidenschaftlich, beinahe euphorisch; Kathy tritt als diejenige mit der längsten Erfahrung und mit dem größten Abstand auf; Jimmy redet nur für sich selbst. Und John schweigt lange, bis es zu einem bestimmten Thema kommt, das schon lange her ist und das sie trotzdem bis heute verfolgt: Dan Kelly, ihr Vater, der Gründer, Hirte und Manager des musizierenden Clans, aber in der Öffentlichkeit auch ein umstrittener und bisweilen cholerisch auftretender Herrscher der Familie. Dan starb 2002 auf Schloss Gymnich im Rheinland, dem letzten gemeinsamen Wohnsitz der Familie. "Wir lebten nach dem Prinzip der Musketiere: Einer für alle, alle für einen. Ein halbes Leben lang hatten wir gut funktioniert, doch ohne unseren Vater funktionierte plötzlich nichts mehr", so Jimmy Kelly.

"Smelly-Family" - "singende Altkleidersammlung"

Wie ein Wanderzirkus durch Europa Die Jahre ihres Erfolges sitzen ihnen noch in den Knochen, sie haben alles gelesen, was damals geschrieben wurde: "die Kelly-Sekte", die "Smelly-Family", "singende Altkleidersammlung". Sie hatten in den 90er Jahren zwar Zigtausende sie verehrende Fans, aber eben auch laute Kritiker und Spötter. Doch während andere Stars dieser Zeit ihre damaligen Stile, Frisuren oder mal auch dumm Gesagtes als Jugendsünde abschütteln konnten, ist das bei den Kellys anders. Dan Kelly, gebürtiger Amerikaner, seit 1982 Witwer und ein ewig reisender Barde, zog mit seinen zwölf Kindern in einem Doppeldeckerbus durch Europa wie ein Wanderzirkus. Zwischendurch lebten sie in Köln auf einem Hausboot. Keines der Kinder ging zur Schule, aber sie hatten Privatausbilder und auch die besten Musiklehrer, Bill Cobham zum Beispiel, den berühmten Jazz-Drummer.

Es war ihre Kindheit und keine Jugendsünde, und deshalb verteidigen sie, jeder auf seine Art, das, was sie einmal waren. "Eine Zeit lang dachte ich, ich wäre lieber zur Schule gegangen. Aber heute weiß ich, dass ich von meinem Vater etwas Wichtiges gelernt habe: Wenn du fällst, lerne wieder aufzustehen, lerne selber zu leben", erzählt Jimmy. Und John Kelly besteht darauf: "Mein Vater war ein freier Mensch und hat uns alle beschützt. Es wurde vieles falsch über uns berichtet, und da konnte ich seine Wut verstehen."Ja sicher, sagen die anderen, diese seltsamen Kleider, die sie alle trugen, keltenhaft und plunderig, aber so war es halt. Am Anfang hatten sie nicht viel Geld, machten Großeinkäufe auf dem Flohmarkt. Einmal mochten sie alle Leder, das war günstig, also trat die ganze Bande in Lederhosen und Lederjacken an, man war ja eine Family. Ein halbes Jahr später alle in Strick, dann alle in Samt, sie waren Kinder und fanden das lustig. "Wir hatten einen richtigen Kostümfundus", sagt Kathy. Und wieder Jimmy: "Wir lebten auf einem Hausboot und trugen, was wir wollten. Eigentlich waren wir Punks."

"Viele von uns waren nicht volljährig, mein Vater hat entschieden"

Ob das Leben als Wanderzirkus ein erstrebenswertes war, lassen sie dahingestellt sein. "Viele von uns waren nicht volljährig, mein Vater hat entschieden" , sagt Joey Kelly. In knorrigem Beharren entschied sich Dan Kelly auch für die Unabhängigkeit von großen Plattenfirmen. Er gründete das Label Kel-Life, mit einem einträglichen Merchandising von T-Shirts, Taschen und anderem Fan-Kram, ein Unternehmen mit bis zu 80 Angestellten und zeitweise Jahresumsätzen von 100 Millionen D-Mark.

Ende der 90er Jahre wuchs das Ganze über den Horizont des vollbärtigen Hirten hinaus. Geschwächt nach seinen Schlaganfällen, versuchte er, den Kelly-Rausch über die Welt auszudehnen. Amerika und China sollten ihnen als Nächstes verfallen, Dan Kelly verhandelte vom Bett auf dem Hausboot, neben sich ein Fax und mehrere Telefone. "Es wurde einfach zu viel und zu groß", sagt Kathy Kelly heute. "Wir waren nicht fähig, irgendetwas abzugeben oder zu delegieren. Und es kam dazu, dass einige einfach erschöpft und ausgebrannt waren."

Die Familie war zur Fessel geworden, aus der sich jeder für sich allein befreien wollte. Die Kinder wurden größer, Träume vom eigenen Leben blühten in ihren Köpfen und kollidierten mit dem Zwang, eine Fassade etwas muffiger Hippieseligkeit aufrechtzuerhalten. Hinzu kam die Entfremdung vom normalen Leben: "Uns wurde alles gebracht, und alles wurde gemacht. Ich konnte irgendwann keinen Kaffee mehr kochen, weil ich nicht wusste, wie das ging. Als ich nach Jahren mal wieder ganz allein ein Spiegelei briet, habe ich geweint vor Glück", beschreibt Kathy Kelly ihr Wiedersehen mit der Wirklichkeit. Ende der 90er Jahre erwarb die Familie das Wasserschloss Gymnich bei Bonn für angeblich zwölf Millionen Mark, wie Jimmy in seinem Buch schreibt. "Ein goldener Käfig", sagt Angelo heute, und irgendwie auch ein Irrsinnskauf, denn die Family war längst erodiert. Patricia ging ihrer Wege, Paddy zog sich in ein Kloster zurück. Als der Vater 2002 verstarb, war das Schloss nur noch eine hallende Hülle, und die Kinder waren über ganz Europa versprengt.

Wo ist bloß die Euphorie?

Die Frage, warum sechs von ihnen jetzt als "Kelly Family" mit dem bunten Schriftzug von früher wiederauferstehen wollen, beantworten sie nostalgisch. Joey Kelly etwa sagt, er mache das mit, weil es mal wieder nett sei, die Geschwister zu sehen. Und sie alle hätten mitbekommen, dass auch Familien im Publikum sein werden. Die Fans, die damals vor dem Kelly-Boot zelteten und die der Family durch ganz Deutschland hinterherfuhren, hätten schließlich auch schon Kinder. Eine sehr große Familie kommt da zusammen in der Westfalenhalle und wird zum Folkrock der Kellys mitsingen, einer Musik, die schon deshalb nicht alt werden kann, weil sie es schon ist.

Die Kellys sagen, dass sie sich freuen auf die große Bühne. Und doch vermisst man an diesem Tag in Hamburg bei ihnen die Euphorie, mit der solche Wiederbelebungen alter Zeiten üblicherweise befeuert werden. Man spürt eher eine Art Vernunftsverbindung, so ein "Na gut". Joey rutschte es bei einer Talkshow heraus, dass er eigentlich kein Instrument mehr spiele, und Jimmy schreibt in seinem Buch: "Zurück ins Showbusiness wollte ich nicht. Ich hatte genug gesehen."

Es ist etwas anderes, das man im Gespräch mit ihnen heraushört. Sie müssen. Es ist ihr Beruf, den sie sich nicht ausgesucht haben. "Was sollen wir denn machen, wir können nichts anderes. Oder sollen wir jetzt Bäcker werden?", sagt Patricia. Sicher, sie alle – außer dem Marathonläufer Joey – sind "selbstständige Künstler", wie sie sagen. Jeder von ihnen hat eine Karriere, Patricia hat fünf CDs herausgebracht, Angelo tourt mit seiner eigenen Familie, John spielt mit seiner Band Elfenthal, und Jimmy singt solo. Sie leben, wie sie sagen, ganz gut. Ob sie aber anders oder besser lebten, wenn die eine Ärztin, der andere Maler, der nächste Koch geworden wäre, können sie nicht sagen. Gefragt, ob ihnen Schulen, Schulfreunde und andere Ausbildungen als die an der Gitarre oder am Schlagzeug andere Welten eröffnet hätten, sagen sie, dass sie es so mochten, wie es war – auf dem Hausboot, im Schloss. Das sei ihre Kinderwelt gewesen. Sie hatten "keine Wahl", schieben sie nach.

"Ich bin stolz, dass ich meine Familie selbst ernähren konnte und kann"

Und weil sich der alte Dan Kelly nicht in die Bücher blicken ließ, war nach seinem Tod auch die Erbschaft so eine Sache. Eine komplizierte Angelegenheit, zu der sie sich nicht äußern wollen. Weil sie nicht wissen, wo das Geld geblieben ist. Angeblich hinterließ Dan Kelly 15 Millionen Euro, aber kein Testament. Das bedeutet, dass jedes der zwölf Kelly-Kinder gleichermaßen Anspruch hatte. Aber es gab, wie Kathy Kelly es beschreibt, noch Angestellte, Betriebskosten und jede Menge Unklarheiten.

"Das Erbe", schreibt Jimmy in seinem Buch, "ist zum Großteil ungeklärt." Er selbst habe mit 30.000 Euro Schulden wieder als Straßenmusiker angefangen. Und Angelo sagt nur: "Ich bin stolz, dass ich meine Familie selbst ernähren konnte und kann."

Geblieben sind ihnen die Rechte an ihren Liedern. Es sind auch die Rechte an ihrer Kindheit. Und die sollen sich jetzt, 15 Jahre später, auszahlen. Denn es war für sie wertvoll, das sagen sie immer wieder. Jetzt, wo sie es "Over the Hump" gebracht haben, wie eines ihrer Alben hieß. Was man übersetzen kann mit: Sie sind über den Berg.

Der Artikel erschien am 18. Mai im stern Nummer 21


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