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Silvio Berlusconi: Tuttifrutti

Er ist nicht bloß der mächtigste Mann Italiens. Er hält sich womöglich auch für den potentesten. Jetzt entflammte der 72-jährige Silvio Berlusconi für eine fast Minderjährige und ihr "Engelsgesicht", und das Volk erlebt eine Seifenoper, wie sie sonst nur seine Fernsehkanäle zu bieten haben.

Von Claus Lutterbeck

Rimini, an einem warmen Samstag im Mai. Ein Pärchen schlendert in den Sonnenuntergang, ihr Yorkshire-Terrier rennt kläffend über den Strand. Hunde sind zwar nicht erlaubt, aber wen kümmert das? Gewiss stammt die Vorschrift von jenem miserabel bezahlten Wichtigtuer, der auch dauernd Steuergelder dafür verschwendet, den Viale Regina Elena mit Zebrastreifen zu verunstalten. Kein Mensch respektiert die komischen Striche auf der Straße, am wenigsten die Fußgänger selbst.

Rambo, befiehlt der Mann seiner Töle, hierher! Rambo folgt nicht, aber mit Terriern, die schlecht hören, kenne ich mich aus, und so kommen wir ins Gespräch. Die beiden stammen aus Brescia, haben "Love me" in Girlanden um den Oberarm tätowiert und sind vernarrt in ihre Handvoll Hund. Eigentlich, sagt sie, müsste der Rüde ja "Silvio" heißen, er sei "klein, mutig und versucht, alle zu besteigen, auch die viel größeren". Dann lacht sie etwas verschämt, das meine sie nicht böse, im Gegenteil, sie hätten beide Silvio Berlusconi gewählt und würden ihn wieder wählen, egal, was man derzeit so alles über ihn hört.

Signora V., die wir im feinen Showroom von Brioni in Mailand treffen, ist eine lebhafte, gebildete Frau, sie unterrichtet digitale Fotografie und hat fünf Kinder. Ein Premier, der seine Frau betrügt, kann sie nicht aufregen. "Ach, hören Sie mir auf mit diesem moralischen Getue", sagt sie, "jeder italienische Mann will eine 18-Jährige im Bett haben, das schockiert hier keine Frau." Sie wählt Berlusconi, "weil er seine Anzüge wenigstens selbst zahlt".

Die 24-Stunden-Soap

Berlusconi spaltet sein Land. Man ist entweder flammend für ihn, oder man lehnt ihn radikal ab. Kalt lässt er niemand. "Ich schäme mich für ihn" sagt Lidia, die Leiterin einer Sprachschule in Mailand, "was soll ich meinen Kindern sagen? Du darfst nicht lügen? Früher hat man sich geschämt dafür, jedenfalls ein bisschen, heute ist man stolz darauf."

Wer in diesem Frühsommer durch Italien reist, gerät mitten in eine extrem glitschige Seifenoper. Und man weiß an manchen Tagen nicht, ob man sich in einer Nachmittagsshow von Canale 5 bewegt, dem größten von Berlusconis drei Privatsendern, oder im richtigen Leben. Die Soap läuft 24 Stunden am Tag, auf allen Sendern, in allen Blättern, sie heißt "Jungfrauen, die sich dem Drachen opfern", der barocke Titel stammt von Berlusconis Noch-Ehefrau Veronica. Die Hauptdarsteller sind:
• eine 18-Jährige namens Noemi, die einem Klatschblatt, das Berlusconi gehört, anvertraut: "Ich habe den großen Schritt noch nicht getan. Die Jungfräulichkeit ist ein wichtiger Wert";
• ihr Vater Elio, der feierlich gelobt: "Sie ist unberührt, sie ist reiner als das Wasser";
• ihre Mutter Anna, die sagt: "Ich habe sie im Lichte des Evangeliums erzogen";
• der "beste Politiker in Europa und der Welt" (Berlusconi über sich), der "beim Leben" seiner Kinder schwört, er habe nie etwas "Ungehöriges" mit diesem Engelchen gehabt;
• die Ehefrau des besten Politikers der Welt, die davon nicht so recht überzeugt ist und die Scheidung einreicht;
• in den Nebenrollen: die restlichen 59 Millionen Italiener, die fasziniert darauf warten, was ihrem Regierungschef diesmal einfällt, um seine Haut zu retten.

Party mit Papi

Die Handlung ist schlicht. Ein 72-jähriger Premierminister fährt Ende April nach Neapel, weil er nachschauen will, ob man den Müll endlich weggeschafft hat. Am Abend hat er überraschend ein Stündchen Zeit und denkt sich: Schaust du doch mal bei dieser hübschen Blonden vorbei, die sich neulich bei deinem Sender Rete 4 als Showgirl beworben hat. Zufällig feiert sie an diesem Abend ihren 18. Geburtstag, und zufällig hat der Premier auch ein Geschenk in der Tasche, einen mit Diamanten besetzten, goldenen Klunker im Wert von 6000 Euro. (Diese Colliers, sagt sein Anwalt, seien vielleicht für "Normalsterbliche" teuer, für seinen Mandanten aber nicht, deshalb kaufe der Premier stets mehrere Dutzend im Voraus, damit er immer was zu verschenken habe.) Der Geburtstag ist ein voller Erfolg, der Premier bleibt bis Mitternacht, Noemi nennt ihn "Papi". Sie hat ihn schon ein paarmal in Mailand und Rom besucht, "weil der Arme so viel arbeitet und nicht immer nach Neapel kommen kann". Dann werden schöne Partyfotos gemacht, mit Sektglas in der Hand.

Wie es aber so ist in Italien: Die Bilder landen umgehend in der Presse, und die 20 Jahre jüngere Ehefrau des Premiers wundert sich: Komisch, der beste Politiker der Welt kam zu keinem 18. Geburtstag seiner fünf Kinder. Warum besucht er nun eine Neapolitanerin, die kein Mensch kennt? Basta, ihr langt es endgültig mit all den Blonden, Brünetten, Roten und Schwarzen, von denen es immer so viele gab. Weil die Eheleute schon lange nicht mehr miteinander telefonieren, macht sie schriftlich Schluss. Sie könne nicht länger mit einem Mann leben, schreibt sie einer Zeitung, der "Minderjährige frequentiert". Der Premier, der früher immer Rosen schickte, wenn sie ihn mal wieder erwischt hatte, mag nun auch nicht mehr: "Die Dame", sagt er einer Presseagentur, "hat sich von der Linkspresse täuschen lassen", und schaltet seine Anwältin ein. Was seither im Stiefel abgeht, ist selbst für römische Verhältnisse turbulent.

Wäre die Noemi-Saga in einem anderen Land passiert, wäre sie längst zu Ende, der Premier hätte wohl schon bei der ersten Behauptung, die sich als unwahr herausstellte, seinen Hut nehmen müssen. Er kenne die Familie schon lange, behauptete er, schon seit den Tagen, da Noemis Vater "Fahrer bei Craxi" war. Schnell stellte sich heraus: Der Vater war nie Fahrer beim ehemaligen Ministerpräsidenten, er war Angestellter der Stadt Neapel und in einen Bestechungsfall verwickelt. Später behauptete Berlusconi, er habe das Mädchen, "nur zwei-, dreimal gesehen, aber immer mit ihren Eltern". Auch falsch. Rücktritt? Per niente, nicht in Italien. Rund 73 Prozent der Italiener beurteilen Berlusconi positiv, der Fall Noemi hat ihn nur ein paar Zehntel seiner Beliebtheit gekostet. Hätte er in die Staatskassen gegriffen, wie unzählige Politiker vor ihm, hätten sie ihn wahrscheinlich längst verjagt. Aber il Cavaliere, wie die Italiener ihn nennen, der Ritter, hat genug eigenes Geld, der braucht wenigstens die Kohle vom Staat nicht. Außerdem hat er nach dem schweren Erdbeben in den Abruzzen gerade in Rekordzeit dafür gesorgt, dass den Geschädigten geholfen wurde. Wenn er die Zeltstädte besucht, klatschen die Leute Beifall. Das hat in Italien noch selten ein Politiker geschafft.

Ein konkurrenzloser Populist

Sein Land steht nicht schlecht da, es hat die Finanzkrise besser überstanden als andere Länder, Italiens Banken haben nicht so jämmerlich fehlspekuliert wie die deutschen. Berlusconi spricht die derbe Sprache des Volkes, mit seinem siebten Sinn für die Stimmung im Land kann er sich teure Umfragen sparen. Außer seiner Frau muss er keine Opposition fürchten. Die Parteien links von seinem "Volk der Freiheit" haben auch nach 15 Jahren Berlusconi nicht herausgefunden, wie sie ihm beikommen könnten. Der Populist, der geradezu manisch mit seinem Äußeren beschäftigt ist, kann schalten und walten, wie er will.

Schadet ihm da sein Fremdgehen? Aber bitte, sagen die Leute, wer tut das nicht? Schadet ihm das Nichtbeachten von irgendwelchen Gesetzen? Aber bitte, sagen die Leute, man kann alles übertreiben. Anfangs war der unerbittliche Mailänder Richter Antonio Di Pietro ihr Volksheld, als er die völlig korrupte alte politische Kaste mit seiner Aktion "Saubere Hände" stürzte. Aber inzwischen sieht man sein Treiben voller Argwohn, längst hat man ein Schimpfwort für seine Raserei gefunden, Justizialismus, die Diktatur des Rechts. Der Publizist Beppe Severgnini spottet in seinem Buch "La bella figura": "Nach der ersten Empörung begannen viele Italiener sich Sorgen zu machen: Was wollen diese Richter? Dass man etwa alle Gesetze beachtet?"

So schlimm wird es nicht kommen, davor schützt die angeborene Aufsässigkeit, an der schon ganz andere verzweifelt sind: "Es ist nicht schwierig, die Italiener zu regieren", klagte Mussolini einst, "es ist sinnlos." Der ehemalige Kulturstaatssekretär von Berlusconi gab seinem alten Chef gerade den Rat, bei Vorwürfen gelte die alte Regel: "Immer alles abstreiten." Vittorio Sgarbi hat ein loses Maul, er war so ziemlich bei jeder italienischen Partei kurz Mitglied, einmal wurde er verurteilt, weil er selten zur Arbeit kam, ein andermal wegen Betrugs. Derzeit ist er Kandidat einer Splitterpartei für das Europaparlament, er sagt laut, was das ganze Land weiß: "Diese Frau (Berlusconi) hat völlig recht, nur kann sie uns nicht erzählen, dass sie nicht wusste, dass sie immer schon betrogen wurde."

Berlusconis deutsche Übersetzung

Nur wenige Italiener haben vergessen, dass auch die Geschichte zwischen ihr und Silvio mit einer Affäre begann. Der junge Fernsehstar mit dem üppigen Busen trat damals halbnackt im ehrwürdigen Mailänder Teatro Manzoni auf, in einer Komödie mit dem treffenden Namen "Der prächtige Gehörnte". Berlusconi, verheirateter Bauund Medienunternehmer, war hingerissen. Da gehörte ihm schon das Teatro Manzoni und bald darauf auch die hübsche Schauspielerin.

Sein Hunger nach gut proportionierten Frauen und Immobilien ist unersättlich. Um das Ausmaß seiner Macht und Gerissenheit zu begreifen, muss man den Menschen ins Deutsche übersetzen. Stellen wir uns vor, Gerhard Schröder ist zum dritten Mal Kanzler, sechs Oppositionsführer hat er in 15 Jahren verschlissen, er ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die kleinen Gemeinheiten, die ab und zu in der Presse stehen, fördern nur seinen Ruf als Frauenheld. Wie das abgehörte Telefonat vom Silvesterabend 1986, als er jammerte, zwei Girls aus einer Fernsehshow hätten ihn und einen Freund versetzt: "Wenn das Jahr so beginnt, werden wir nie wieder vögeln."

Nun ist wieder Silvester, und er feiert mit 100 Gästen in seiner 2500 Quadratmeter großen Villa Barolo auf Sylt. Zum Jahresende lässt der deutsche Kanzler immer ein paar Dutzend junge Mädchen einfliegen, lange Beine und großer Busen helfen sehr dabei, ausgewählt zu werden. "Meine Mädels", wie er sie nennt, bekommen ein Tagegeld von 1500 Euro, ein paar Ausgewählte dürfen nach der Ankunft in Westerland auch shoppen gehen, pro Kopf für 2000 Euro, auf seine Rechnung natürlich. Er zahlt das aus der Portokasse, denn mit 4,6 Milliarden Euro ist er der zweitreichste Mann Deutschlands.

Ein politischer Witz

So gegen Mitternacht sitzt auf seinem Schoß eine 20-Jährige, die auch schon bei "Big Brother" immer auffiel, weil sie so wenig anhatte. Der Chef ist bester Laune, er singt: "Auf der Reeperbahn, nachts um halb eins …". Früher mal hat er auf Kreuzfahrtschiffen gesungen, um sein Studium zu verdienen. Jetzt ist er 72, hat sich ein paar Haare implantieren und das Gesicht und die Augen straffen lassen, vielleicht ein bisschen zu straff, denn wenn er lacht, sieht er aus wie eine Kreuzung aus Mao und Haifisch.

Er erzählt gern folgenden Witz: "Bei einer Umfrage unter ,Brigitte‘-Leserinnen wird gefragt: Wer würde gern mit Schröder ins Bett gehen? 65 Prozent sagen: Ich. - Aber warum so wenige? Weil die anderen 35 Prozent schon mit ihm im Bett waren." Da schlägt sich der Kanzler vor Vergnügen auf die Schenkel, ein Witz nach seinem Geschmack, den werden seine Untertanen nächste Woche in der "Bunten" nachlesen dürfen. Die gehört ihm ebenso wie Sat.1, RTL, Pro Sieben, die "Welt", der "Focus" und der Heyne-Verlag. Samstags geht er zu den Spielen von Bayern München, der Verein ist in seinem Besitz. Wenn die Fans krakeelen, kauft er ihnen Beckham und Ronaldinho. Wenn sie trotzdem nicht Meister werden, wird der Trainer gefeuert.

Weil er so mächtig und reich ist, hat er viele Neider, die ihm mehr als 100 Prozesse angehängt haben. 900 Richter haben sich mit ihm beschäftigt, 587-mal hat ihn die Steuerfahndung besucht, 2560 Gerichtstermine haben ihn 200 Millionen Euro gekostet, verurteilt wurde er nie. Weil die Gerichte so überlastet sind, verjähren viele Prozesse oder werden eingestellt. Wenn es wirklich mal knapp wird, lässt er seinen Freund Steinmeier schnell ein Gesetz durchs Parlament bringen, das ihn vor Verurteilung schützt.

Vom Showgirl zur Ministerin

Natürlich hat Schröder das alles nie gemacht, wenn er's versucht hätte, wäre er wahrscheinlich schon über die schöne Mara gestolpert. Die ehemalige Miss-Italia-Bewerberin Mara Carfagna, die als Showgirl in Berlusconis Sender auftrat, wurde 2008 überraschend Ministerin für Gleichstellungsfragen. "Wenn ich nicht schon verheiratet wäre", schwärmte der damals öffentlich, "würde ich dich heiraten." Berlusconis Frau verlangte eine Entschuldigung von ihrem Mann (die sie bekam). Die Kabarettistin Sabina Guzzanti handelte sich allerdings eine Verleumdungsklage ein, denn sie stichelte: "Man kann doch nicht jemanden zur Ministerin machen, weil sie einem den Schwanz lutscht." Frau Carfagna erklärt standhaft, sie habe nie etwas mit ihrem Chef gehabt.

Auch die Affäre Sanjust überstand Berlusconi bisher ohne Schaden. Die ging so: Im Januar 2008 erstattete Federico Armati, ein Angestellter beim Geheimdienst Sisde, Anzeige gegen Berlusconi wegen Amtsmissbrauchs. Der Premier habe 2003 eine Affäre mit seiner ehemaligen Frau gehabt, der ebenso hübschen wie beliebten Fernsehansagerin Virgina Sanjust de Teulada. Er habe ihr Schmuck und größere Geldsummen geschenkt und über den Strohmann Salvatore Sciascia auch eine Wohnung im Zentrum von Rom gekauft. (Sciascia, Chef der Steuerabteilung in Berlusconis Holding Fininvest, ist wegen Bestechung der Finanzpolizei zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, er wurde von Berlusconi mit einem Sitz im Senat belohnt.)

Nach der Scheidung stritt sich das Ehepaar um den kleinen Sohn, der Geheimdienstmann verlor seinen gut bezahlten Job und wurde, so sagt er, erst wieder in eine schlechter bezahlte, andere Position übernommen, als er damit drohte, die Affäre in die Presse zu tragen. Die römischen Staatsanwälte leiteten den reich dokumentierten Fall an das "Tribunale dei Ministri" weiter, und die "Kammer der Minister" stellte das Verfahren im Januar 2009 ein. Gerade sind die Gerichtsakten ungekürzt als Buch erschienen. Auf 165 Seiten wird dokumentiert, wie der Premier eine seiner Geliebten versorgt. Was passiert? Nichts.

"Eine starke sexuelle Persönlichkeit"

Berlusconis Hang zu schönen Mädchen hat ihm in Italien bisher nicht geschadet, im Gegenteil. Je aufdringlicher er seine Virilität anpreist - "drei Stunden Schlaf genügen mir, dann kann ich wieder drei Stunden amore machen", krähte er selbstverliebt, als er 2008 frühmorgens aus einer Mailänder Disco kam -, umso höher steigt seine Beliebtheit, gerade bei Frauen. Eine Umfrage vom Mai zeigt, dass deutlich mehr Frauen als Männer fanden, Frau Berlusconi hätte ihre Eheprobleme privat regeln müssen. Dazu kommt seine erstaunliche Energie, die sein Leibarzt Umberto Scapagnini dem US-Magazin "New Yorker" so erklärte: "Berlusconi ist 15 Jahre jünger als sein tatsächliches Alter. Von allen Patienten, die ich untersucht habe, ist er vielleicht der, der am längsten leben kann." Frauen fänden ihn attraktiv, "weil er eine starke sexuelle Persönlichkeit" sei.

Sex war immer wichtig in seiner Karriere, in seinen drei Sendern hat Berlusconi von Anfang an die seichte Tuttifrutti-Variante kultiviert, die Mädchen mussten nur eins sein: hübsch, kurvig und (k)nackig. Ihre unveränderlichen Kennzeichen sind dicke Lippen und tiefe Dekolletés, aus denen die ausgestopften, hochgeschnallten, braun gebrannten Brüste fast herausspringen. Weil praktisch jede Rateshow mit ihnen angeheizt wird, ist die Suche nach Frischfleisch heute ein florierender Industriezweig. Allein in den Container von "Big-Brother", der in Italien "Grande Fratello" heißt und in Berlusconis Fernsehen läuft, drängen jedes Jahr zwischen 50.000 und 60.000 junge Italiener und Italienerinnen.

Vor dieser Jugendbewegung muss sich der Premier nicht fürchten, er badet geradezu darin. Und wenn es wirklich einmal eng wird, zieht Berlusconi ein neues Kaninchen aus dem Zylinder. Auf dem Höhepunkt der Noemi-Affäre zettelte er eine Diskussion über die "verkommenen italienischen Städte" an, deren Dreck ihn an "Afrika" erinnere. Recht hat unser Premier, scholl es ihm aus allen Leserbriefspalten entgegen, er sagt, wie es wirklich ist!

Arbeit für Sisyphos

Wir sind nach Neapel gefahren, um zu schauen, warum es so dreckig ist - und wahrscheinlich auch bleibt: Jeden Morgen um halb sieben geht Sisyphos zur Arbeit. Er legt seine schwielige rechte Hand auf ein biometrisches Lesegerät. Den Apparat hat man eingeführt, weil mit der alten Stechuhr früher so viel betrogen wurde, dass bei der Müllabfuhr in Neapel an den schlimmsten Tagen schon mal die halbe Belegschaft faulenzte. Dann schnappt Sisyphos einen blauen Plastikbesen und kehrt. Wenn er um halb zwei schweißüberströmt Schluss macht, ist sein Viale Maria Cristina di Savoia picobello sauber. Aber Sisyphos weiß: Morgen früh sieht sie wieder aus, als hätte er nie gekehrt. Dabei ist dies ein feines Viertel, in dem die Stadtverwaltung alle 50 Meter einen Papierkorb aufgestellt hat. "50 Meter", sagt Sisyphos, "das ist dem Neapolitaner zu weit."

Sisyphos heißt Antonio Capasso, 59, und ist Straßenkehrer. Er ist ein Mann, der seinen Beruf liebt. Seit Gott ihn aus einem Lotterleben als Taugenichts und Spieler gerettet hat, macht er für 1200 Euro netto anderer Leute Dreck weg, "con molto amore", sagt er, mit viel Liebe. Antonio zieht eine stark gelesene Bibel aus der Tasche, darin stecken neben Fotos seiner krebskranken Frau auch die der scheußlichsten Müllgebirge, die er in seinem Distrikt gefunden hat. Auch ein Zeitungsausschnitt ist dabei, Überschrift: 86-Jähriger rutscht auf Hundekacke aus - tot. Manchmal zeigt er Passanten seine Horrorsammlung. Dann sagen sie voller Anerkennung: "Antonio, du bist ein Heiliger", stecken sich eine Zigarette an und schmeißen ihm die leere Schachtel vor die Füße. Neapel, sagt Antonio, "könnte die schönste Stadt der Welt sein ..."

Als die Sauberkeitsdiskussion abebbte und die um Noemi wieder anschwoll, brach Berlusconi wieder eine Verfassungsdiskussion vom Zaun und forderte ein radikal verkleinertes parlamentarisches System. Der Beifall kam von fast allen Seiten, denn er hat ja wieder mal recht: In Italien machen zwei fürstlich bezahlte Kammern - Senat und Parlament - genau das Gleiche, und alle sind sich einig, dass die aufgeblähten Kammern dezimiert werden müssen. Aber wie immer, wenn Berlusconi Reformen vorschlägt, hat die Sache einen Haken. Diesmal forderte er deutlich mehr Macht für sich, den Premier, und deshalb versickert die Sache wohl bald wieder im Sand. Berlusconi mit einer Parlamentsreform zu beauftragen, warnt sein erbitterter Widersacher Di Pietro, das sei ungefähr so, als würde man "Dracula zum Chef in der Unfallklinik machen".

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