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Missbrauchsvorwürfe: Woody Allen, Mia Farrow und deren monströse Familie

Woody Allen soll vor mehr als 25 Jahren seine Adoptivtochter missbraucht haben. Doch deren Bruder erzählt nun eine ganz andere Geschichte.

Von Jochen Siemens

Sohn Woody Allens widerspricht Missbrauchsvorwürfen

Ein Bild aus fröhlicheren Zeiten: Woody Allen mit Mia Farrow sowie den Adoptivkindern Dylan (auf Allens Arm) und Moses Farrow. Das Foto entstand 1987; fünf Jahre später brach ein Familienkrieg aus

Es fällt schwer, sich das vorzustellen: Ein 56-jähriger, schmaler Mann mit Hornbrille in Hemd und Cordhose steigt mit einem siebenjährigen Mädchen auf den Dachboden eines Hauses. Er sagt, sie solle sich auf den Bauch legen, er schiebt ihr das Kleid hoch … Eine Etage tiefer ist viel los, fünf tobende Kinder, zwei Kindermädchen, der Fernseher läuft.

War es so? Oder kann es so nicht gewesen sein?

Der Mann mit der Brille soll Woody Allen gewesen sein, das siebenjährige Mädchen seine adoptierte Tochter Dylan. Und ein damals 14-jähriger Junge, ebenfalls adoptiert, Moses, war dabei, im Zimmer, an der Treppe, die ganze Zeit. Und er sagt heute: Es war nicht so.

"Vater, der meine Schwester fickt"

Damit geht ein jahrelanges Familiendrama weiter, bei dem wie mit Spatenstichen ein immer tieferer und schwer erträglicher Morast ausgegraben wird. Ein Drama, das seinen Anfang nahm vor knapp 26 Jahren, an einem "warmen, sonnigen Tag in Bridgewater, Connecticut, in unserem Landhaus, Frog Hollow", wie Moses Farrow in der vergangenen Woche seine öffentliche Erinnerung einleitete.

Es ist die Erinnerung an den 4. August 1992, an den Tag und das angebliche Geschehen, das den Ruf des Regisseurs, Autors und weltberühmten Comedians Woody Allen bis heute beschädigt, für viele auch zerstört hat. Allen ist seitdem mit dem Verdacht beschattet, ein Kinderschänder zu sein.

Woody Allen und Tochter Dylan, 1989. Dylan wurde 1985 von Mia Farrow adoptiert; seit 1991 ist Allen ihr Adoptivvater

Woody Allen und Tochter Dylan, 1989. Dylan wurde 1985 von Mia Farrow adoptiert; seit 1991 ist Allen ihr Adoptivvater

Wenige Tage danach soll sich Dylan, die Tochter von Allens damaliger Lebensgefährtin Mia Farrow, offenbart haben: Allen habe sie auf dem Dachboden des Hauses missbraucht. Sie habe dabei auf dem Bauch gelegen und zusehen müssen, wie eine Spielzeugeisenbahn ihre Runden drehte. Woody Allen war Besucher im Landhaus, er war damals schon getrennt von Mia Farrow, er hatte sich in deren Adoptivtochter Soon-Yi verliebt, was Farrow so wütend machte, dass sie Allen nur noch "das Monster" nannte, den "Vater, der meine Schwester fickt", wie es der fünfjährige Satchel den Kindermädchen erzählte.

Was dann folgte, war eine Schlammschlacht. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten, Mia Farrow verbannte das "Monster" aus der Familie, vor Gericht verlor Allen das gemeinsame Sorgerecht. Später aber wurde er, nach zweimaligen Untersuchungen, vom Vorwurf des Missbrauchs entlastet.

"Was wäre, wenn es Ihre Tochter gewesen wäre?"

2014 beschuldigte Dylan Farrow ihren Adoptivvater in einem offenen Brief erneut des Missbrauchs und fragte darin die Schauspielerin Cate Blanchett: "Was wäre, wenn es Ihre Tochter gewesen wäre?" 2017 klagte sie in furiosen Worten Hollywood an, in der #MeToo-Diskussion zwar einen Harvey Weinstein zu verdammen, aber weiterhin mit Woody Allen zu arbeiten, ihn sogar zu feiern.

Und nun das. Moses Farrow, der Junge, den man aus alten Familienbildern als den kleinen adoptierten Koreaner mit der Eulen-Brille kennt, war an diesem 2. August die ganze Zeit dabei, wie er sagt: "Als der 'Mann im Haus' hatte ich versprochen, auf alles ein Auge zu haben. Ich weiß noch genau, dass Woody vor dem Fernseher saß und wo genau Dylan und mein Bruder Satchel waren ... Niemand von uns hätte Dylan erlaubt, mit Woody allein zu sein, auch wenn er es versucht hätte."

Ein Kindermädchen von Freunden gab später an, sie habe Woody Allen dabei gesehen, wie er seinen Kopf in Dylans Schoß gelegt habe, erzählt Moses Farrow. "Wirklich? Und wir haben alle danebengesessen? Und wenn sie es tatsächlich gesehen hat, warum hat sie nicht sofort unser Kindermädchen Kristi alarmiert?"

Daheim in Neuengland. 1998 besuchte der stern Mia Farrow auf ihrem Anwesen in Connecticut. Links Isaiah (damals 6), rechts die blinde Frankie-Minh (damals 8)

Daheim in Neuengland. 1998 besuchte der stern Mia Farrow auf ihrem Anwesen in Connecticut. Links Isaiah (damals 6), rechts die blinde Frankie-Minh (damals 8)

Und so geht es weiter bis zur angeblichen Tat auf dem Dachboden und der Spielzeugeisenbahn. "Das ist eine präzise und überzeugende Beschreibung, aber sie hat ein großes Problem: Es gab keine Eisenbahn auf dem Dachboden. Es war sogar so, dass man auf dem Dachboden mit nichts spielen konnte … Es war ein Abstellraum mit Nägeln im Holz, voll mit Mäusefallen und nach Mottenkugeln stinkend … Die Vorstellung einer dort fahrenden Eisenbahn ist lachhaft."

Er sei, so Moses Farrow, kein Zeuge der Tat gewesen, denn "wie kann jemand Zeuge von etwas sein, das gar nicht passiert ist?" Und auch die Zeit nach dem angeblichen Missbrauch sei normal verlaufen. Mia Farrow sei am Abend mit Woody Allen essen gegangen, und Woody habe am nächsten Tag mit Dylan Spielzeug aus einem Katalog ausgesucht, das sie sich wünschte. Keine Klagen, keine Anzeichen, nichts.

Wie eine Irrenanstalt

Erst einige Tage später habe sich Dylan angeblich offenbart und die Geschichte für ein Video erzählt, das Mia Farrow aufnahm. Es sei aber so gewesen, dass Dylan sehr uninteressiert an der Sache gewesen sei und ihre Mutter die Aufnahmen immer wieder unterbrochen und immer wieder gefragt habe: "Dylan, was hat Daddy getan ... und was hat er dann getan?" Moses Farrow: "Ich habe dies selbst gesehen."

Doch das alles ist es nicht, was an Moses Farrows Geschichte erschüttert. Neben Dylan Farrows Anklage gestellt, steht bis dahin Aussage gegen Aussage, oder es gibt eben "mehr als eine Wahrheit", wie die britische Zeitung "Guardian" schreibt. Wirklich? Kann es von einem Missbrauch mehr als eine Wahrheit geben?

Enge Bande. Dylan und Mia Farrow halten zusammen gegen Allen; hier ein gemeinsamer Aufritt von 2016

Enge Bande. Dylan und Mia Farrow halten zusammen gegen Allen; hier ein gemeinsamer Aufritt von 2016

Auch Moses Farrow erhebt sich nicht zum Richter, sondern beschuldigt sich sogar selbst, in der Schlammschlacht einen Brief geschrieben zu haben, in dem er Allen beschuldigte, etwas Grausames getan und alle seine Träume zerstört zu haben. Er hat diesen Brief damals sogar der Presse vorgelesen. "Die öffentliche Beschuldigung meines Vaters bereue ich in meinem Leben am meisten."

Aber warum hat er es gemacht? Er habe seine Rolle in der Inszenierung seiner Mutter Mia Farrow spielen müssen. So wie damals alle neun großenteils adoptierten Kinder zu einer Art Zwangsensemble von Mia Farrows Familienshow wurden.

Unabhängige Untersuchungen haben Woody Allen entlastet

Moses Farrow, der heute als Familientherapeut arbeitet, erzählt aus diesem Leben wie aus einer Irrenanstalt. Extrem manipulativ sei das Zusammenleben gewesen, sagt er. Man fühlt sich an einen Tischler erinnert, der ein schiefes Holz einfach in seine Möbel prügelt, wenn man erfährt, wie Mia Farrow jeden Tag eine Zwangsfamilie zusammengezurrt haben soll. "Es war ihr wichtig, der Welt eine glückliche Familie aus eigenen und adoptierten Kindern vorzuführen, doch das war weit weg von der Wahrheit."

Einige der adoptierten Kinder waren eingeschränkt, blind oder geistig beeinträchtigt; auch das war Mia Farrows Programm der Inklusion. Nur: "Es tut mir weh, mich daran zu erinnern, wie manche meiner Geschwister, die blind waren, die Treppen hinuntergestoßen und in Zimmern oder Schränken eingeschlossen wurden. Einmal sperrte sie meinen Bruder Thaddeus, behindert durch Folgen der Kinderlähmung, über Nacht in einen Gartenschuppen als Strafe für eine Unartigkeit."

Mia Farrow hat bislang nicht auf diese Vorwürfe reagiert.

Die Liebe seiner Schwester Soon-Yi zu Woody Allen wertet Moses Farrow so: "Meine Schwester war immer sehr unabhängig und ließ sich am wenigsten von Mia einschüchtern", was zu heftigen Streitigkeiten im Hause geführt habe. "Einmal warf Mia eine große Porzellanfigur auf sie, Jahre später prügelte sie Soon-Yi mit einem Telefonhörer." Dass sich seine Schwester dann in Woody verliebte, war sicher "unkonventionell", so Moses, aber sie war nicht Woodys Tochter, und sie war schon 20. "Es war ihre Flucht", bilanziert Moses bitter. "Andere hatten nicht so viel Glück."

Alles inszeniert? Moses Farrow, hier an der Seite von Mia Farrow bei der Hochzeit von Liza Minnelli 2002, erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Adoptivmutter

Alles inszeniert? Moses Farrow, hier an der Seite von Mia Farrow bei der Hochzeit von Liza Minnelli 2002, erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Adoptivmutter

Tam Farrow zum Beispiel. Starb offiziell an Herzversagen, sie wurde 21 Jahre. Nach einem Streit mit Mia Farrow nahm sie im Jahr 2000 eine Überdosis Schlaftabletten. Mia Farrow sagte hinterher, es sei ein tragischer Unfall gewesen, Tam, die blind war, habe aus Versehen zu viele Tabletten genommen. "Blindheit heißt ja nicht, dass man nicht zählen kann", so Moses Farrow. Außerdem habe sein Bruder Thaddeus den Suizid bezeugt, kann das heute aber nicht mehr wiederholen, weil er sich 2016 in seinem Auto in der Nähe des Hauses seiner Mutter erschoss.

Und noch kein Ende. Lark Farrow, eine andere Schwester, litt an Selbstzerstörungswahn, wurde drogensüchtig, erkrankte an Aids und starb 2008 mit 35 an den Folgen einer Krankheit, "in Armut", wie Moses Farrow berichtet.

Lakonisch fasst der Farrow-Sohn seine Kindheit zusammen: "Es war kein glückliches Zuhause. Und auch kein gesundes." Natürlich ist diese Beschreibung der psychischen Umgebung kein Beweis dafür, dass die angebliche Tat nicht stattgefunden hat. Es ist nur so: Einen Beweis, dass es tatsächlich passiert ist, gibt es bislang nicht. Nur die Aussagen von Dylan Farrow, aufgenommen und moderiert von Mia Farrow. Juristisch sind Mutter und Tochter am Ende aller Möglichkeiten angekommen, zwei unabhängige Untersuchungen haben Woody Allen entlastet.

Twitter-Hysterie

Dennoch ist der Verdacht, dieser "Vielleicht war doch was"-Appendix, geblieben. Er wurde in der #MeToo-Diskussion wieder neu befeuert. Allen steht mittlerweile in einer Reihe mit Weinstein, Roman Polanski und Bill Cosby. Und die sonst pfeilschnellen Hollywood-Alarmisten, die aufgerufen hatten, Allens Filme im Kino zu boykottieren? Sie schweigen bislang nach den Worten von Moses Farrow. Auch von der Schauspielerin Greta Gerwig, die sagte, sie werde nicht wieder mit Woody Allen arbeiten, ist nichts zu hören.

Moses Farrow schreibt: "Ihr habt euch so beeilt, im Chor der Richter zu sein, aus Angst, nicht auf der richtigen Seite einer Bewegung zu stehen. Aber anstatt zu einer Twitter-Hysterie beizutragen, solltet ihr bedenken, was ich sage. Denn ich war dabei – im Haus und im Zimmer."

Es ist bemerkenswert, dass drei Kinder aus der Farrow/Allen-Familie in der #MeToo-Debatte eine Rolle spielen. Dylan Farrow als Anklägerin, Satchel Farrow, der sich heute Ronan nennt, als Reporter, der den Weinstein-Skandal enthüllte, und nun Moses Farrow. Der Graben geht mitten durch sie hindurch: Dylan und Ronan reden nicht mit Woody Allen, Moses Farrow hat keinen Kontakt zu den beiden und zu seiner Mutter, er steht in Verbindung zu Allen – eine Ruine, die mal eine Familie war.

Mia Farrow hatte insgesamt 14 Kinder, zehn davon adoptiert. Drei der Adoptivkinder sind mittlerweile gestorben. Auf diesem Bild von Silvester 1984 sind zu sehen (v. l.): Sascha, Matthew und Fletcher (alle drei leibliche Kinder aus Mias Ehe mit André Previn), Soon-Yi (adoptiert 1978; seit 1997 verheiratet mit Woody Allen), Daisy (adoptiert 1976), Moses (adoptiert 1980; seit 1991 auch Allens Adoptivsohn) und Lark (adoptiert 1973; gestorben 2008). Weitere Kinder: Dylan (adoptiert 1985), Ronan (geboren 1987), Tam (adoptiert 1992, gestorben 2000), Isaiah (adoptiert 1992), Thaddeus (adoptiert 1994, gestorben 2016) sowie Quincy (adoptiert 1994) und Frankie-Minh (adoptiert 1995)

Mia Farrow hatte insgesamt 14 Kinder, zehn davon adoptiert. Drei der Adoptivkinder sind mittlerweile gestorben. Auf diesem Bild von Silvester 1984 sind zu sehen (v. l.): Sascha, Matthew und Fletcher (alle drei leibliche Kinder aus Mias Ehe mit André Previn), Soon-Yi (adoptiert 1978; seit 1997 verheiratet mit Woody Allen), Daisy (adoptiert 1976), Moses (adoptiert 1980; seit 1991 auch Allens Adoptivsohn) und Lark (adoptiert 1973; gestorben 2008). Weitere Kinder: Dylan (adoptiert 1985), Ronan (geboren 1987), Tam (adoptiert 1992, gestorben 2000), Isaiah (adoptiert 1992), Thaddeus (adoptiert 1994, gestorben 2016) sowie Quincy (adoptiert 1994) und Frankie-Minh (adoptiert 1995)

Am Ende macht Moses Farrow, heute 40, noch eine Anmerkung. Es ist ein fachlicher Einwurf. Im Zuge von #MeToo seien viele Täter genannt und entlarvt worden, unzählige Klagen und Geschichten seien ans Licht gekommen, die meisten Genannten seien Mehrfachtäter. Woody Allen ist in den 60 Jahren seines öffentlichen Lebens einmal angeklagt und freigesprochen worden.

"Als ausgebildeter Therapeut weiß ich, dass Kindsbelästigung eine zwanghafte Krankheit ist, die nach Wiederholung verlangt. Meine Schwester Dylan war mit Woody unzählige Male allein, und es gab nie einen Hinweis auf unangebrachtes Verhalten, und dann soll einer mit 56 auf einmal beschlossen haben, im Beisein einer wachsamen, ja feindlich gesinnten Familie, seine Tochter zu missbrauchen."

Genug ist genug

Wie die Schlacht nun weitergeht? Wenn es nach Moses Farrow ginge, gar nicht.

Jochen Siemens traf Woody Allen schon mehrfach. Zu dem angeblichen Vorfall wollte sich Allen dabei nie äußern: "Ich habe einmal alles gesagt, das reicht." 2014 beteuerte Allen seine Unschuld in der "New York Times"

 "Nach dieser ganzen Zeit: Genug ist genug", richtet er seiner Mutter Mia Farrow aus. "Du und ich kennen die Wahrheit. Und es ist Zeit, diesen Rachefeldzug zu beenden."

Die Erinnerungen von Moses Farrow sind im Original nachzulesen unter mosesfarrow.blogspot.de

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