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Schweigers Flüchtlingshilfe: Til Schweiger und sein fragwürdiges Vorbild

Mit dem Plan für ein Vorzeige-Flüchtlingsheim trifft Til Schweiger auf Widerstand. An seinem dubiosen Partner hält er trotzdem eisern fest

Von Hans-Martin Tillack und Kerstin Herrnkind

Til Schweiger

Der deutsche Filmstar Til Schweiger will ein Flüchtlingsheim bauen

Til Schweiger hatte eine gute Nachricht zu verkünden. 100.000 Euro werde er in seine neue Stiftung für traumatisierte Kinder stecken, versprach der Schauspieler und Filmproduzent vergangene Woche. Große Namen habe er für den Beirat gewonnen, von Bundestrainer Jogi Löw bis zu SPD-Chef Sigmar Gabriel. Seinen Aufrufen zur Hilfe für Flüchtlinge will Schweiger nun schnell Taten folgen lassen.

Trotzdem lief nicht alles rund für den Filmemacher. Der 51-Jährige ist schwer verärgert über einen Bericht des stern"ein ganz böser Artikel", wie sich Til Schweiger gegenüber der "Bild"-Zeitung beschwerte. Der stern hatte nachgewiesen, dass sich der Filmemacher für sein geplantes "Vorzeige-Flüchtlingsheim" im niedersächsischen Osterode mit zwei dubiosen Partnern eingelassen hatte.

Da ist zum einen der Immobilienunternehmer Wolfgang Koch, von dem Schweiger einräumen musste, ihn nicht einmal persönlich zu kennen. Während es bei dem Geschäftsmann Koch die mageren Bilanzen seiner Firma sind, die Anlass zu Zweifeln geben, ist es bei dem zweiten Partner der Lebenslauf. Die Rede ist von Jan Karras aus der Hamburger Türsteher-Szene, der bei Schweiger-Drehs immer wieder als Personenschützer arbeitet. Der 2,01 Meter große, muskelbepackte Hüne gab sich als ehemaliger Polizeikommissar aus. Dabei hatte er die Polizeischule abgebrochen, nachdem Zweifel an seiner Zuverlässigkeit aufgekommen waren.

Acht Millionen Euro Umsatz

Bereits Ende 2014 hatten sich Koch und Karras in Osterode als Geschäftspartner präsentiert. Später wollten sie dort um die 600 Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne unterbringen und dank der Zuschüsse des Landes mehr als acht Millionen Euro pro Jahr umsetzen - obwohl beide keinerlei Erfahrung auf diesem Feld hatten.

Vor ein paar Wochen erzählte Karras seinem Freund Schweiger von dem Projekt. Der machte sich prompt öffentlich zum Unterstützer des Vorhabens. Inzwischen sind die Beteiligten kräftig zurückgerudert. Das Land Niedersachsen will Koch - anders als noch vor ein paar Wochen - nicht mehr als Betreiber akzeptieren. Der Unternehmer möchte die Kaserne nun verkaufen. Und Schweiger wird jetzt erst einmal ein anderes Erstaufnahmelager unterstützen, in Osnabrück.

"Okay", räumte Schweiger gegenüber dem "Spiegel" ein, das Projekt in Osterode sei "ein Schnellschuss" gewesen. Den Vorwurf, er habe "falsche Partner" gewählt, wollte er trotzdem nicht auf sich sitzen lassen: "Das lass ich mir nicht sagen", beharrte der Filmemacher.

Als Schweiger dieser Tage ein Flüchtlingsheim in Hamburg besuchte und Eiskrem für alle ausgab, war auch Karras wieder dabei. Der sei "ein ganz gerader Typ", ja ein "Vorbild", sagt Schweiger. Doch der Kinostar verwickelt sich in Widersprüche. Einerseits will er immer schon gewusst haben, dass Karras bei der Polizei "mehr oder weniger gegangen worden ist" – andererseits hatte Schweigers eigene Produktionsfirma Barefoot Films dem stern gegenüber die Behauptung ausdrücklich autorisiert, dass Karras sogar amtlich bestellter Kommissar gewesen sei.

Ein "gerader Typ"

Ob sein Freund wirklich so "gerade" ist, wie Schweiger glaubt, scheint fraglich. Und zwar nicht nur, weil sich Jan Karras fälschlicherweise als Ex-Polizeikommissar ausgegeben hat: Auch mehrere Inkassounternehmen waren in den vergangenen Jahren hinter Karras her. Sie forderten unter anderen einen vierstelligen Betrag, den er einer Krankenkasse schuldet. Eine Autofirma der gehobenen Klasse wollte über 30.000 Euro von dem Bodyguard. Im Januar 2013 erging schließlich ein Erzwingungshaftbefehl gegen ihn: Er sollte seine Vermögensverhältnisse vor dem Amtsgericht offenlegen.

Zwei Mal leistete Karras daraufhin - im März und Mai 2013 - vor dem Amtsgericht Hamburg den Offenbarungseid. Vielleicht kein Zufall, dass die Sicherheitsfirma "Greenzone" auf den Namen seiner Lebensgefährtin angemeldet ist.

Zugelassener Sicherheitsmann?

Fraglich scheint auch, ob der Bodyguard überhaupt die nötige Genehmigung vorweisen kann, um als Sicherheitsmann zu arbeiten.  Karras und Schweiger ließen Fragen dazu jedenfalls unbeantwortet. Im Bewachungsgewerbe darf sich nur jemand betätigen, der eine amtliche Erlaubnis vorweisen kann und eine Zuverlässigkeitsprüfung überstanden hat. Das Bezirksamt, bei dem Karras in Hamburg gemeldet ist, hat nach eigenen Angaben "keine Anhaltspunkte", "dass Herr Karras als Leibwächter tätig ist" und will nun eine Überprüfung einleiten.

Karras war erst dieser Tage immer wieder als Beschützer für den von Schweiger gespielten "Tatort"-Ermittler Nick Tschiller unterwegs: Mal vor dem vornehmen Hôtel de Rome in Berlin-Mitte, mal im Rotlichtviertel von St. Georg in Hamburg. Unklar ist allerdings, wer den Bodyguard bezahlt. Folgt man Schweiger, dann hat alles seine Ordnung. Der NDR habe Karras als "Security-Mann" für den "Tatort"-Dreh angeheuert, behauptete der Filmemacher gegenüber der "Bild"-Zeitung. Es klang wie ein Gütesiegel. Doch der öffentlich-rechtliche Sender widerspricht Schweiger mit einem ausdrücklichen Dementi: "Weder hat der NDR Herrn Karras eingestellt, noch ist er im Auftrag des NDR tätig oder tätig gewesen", sagte ein Sprecher dem stern.

Glaubt man Schweigers Firma Barefoot Films, die den Kino-"Tatort" produziert, dann ist Karras auch bei ihnen nicht beschäftigt – und war es nie. Genauso wenig habe Til Schweiger den Bodyguard jemals beauftragt. Das klingt mysteriös. Wer bezahlt den Mann, der Til Schweiger beschützt? Fragt man bei Barefoot Films nach, bekommt man eine Mail von Geschäftsführer Tom Zickler: Er kann zu dieser Frage, schreibt er, keine Informationen geben. Und auch Karras ließ Nachfragen des stern unbeantwortet.

Immerhin ist eins sicher: Die Steuergeld-Töpfe für die Flüchtlingshilfe bleiben für den Schweiger-Freund einstweilen verschlossen.