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Was macht eigentlich ...: ... Gretchen Dutschke?

Die Amerikanerin ist Witwe des Studentenführers Rudi Dutschke. Als der Weihnachten 1979 vermutlich an den Spätfolgen eines Attentats starb, war sie mit dem dritten Kind schwanger.

Guten Tag, Frau Dutschke-Klotz. Störe ich?

Sagen Sie Gretchen zu mir. Ich sitze in meinem Zimmer in Hanoi. Es ist schweinekalt, drei Grad plus, und eine Illusion, dass es immer warm ist in Vietnam. Dies ist der kälteste Winter seit 100 Jahren. Ich habe keine Heizung, friere seit Monaten.

Warum sind Sie bloß dort?

Ich unterrichte seit Oktober Kinder und Erwachsene in Englisch an einer Privatschule. Ich wollte länger bleiben, um einen tieferen Einblick in das Land zu gewinnen, mit dem wir uns damals so viel beschäftigt haben. Dafür muss ich aber ein bisschen Geld verdienen, um die Kosten zu decken.

Und haben bestimmt schon Ho Chi Minh im Mausoleum besucht?

Nein. Der Leichnam ist erst vor Kurzem aus Russland zurück nach Vietnam gekommen. Ich weiß gar nicht, ob ich mir ein Stück Wachs anschauen möchte. Das ist ja wie bei Madame Tussaud.

Wie war das damals mit "Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!"?

1968 war er noch sehr lebendig. Aber die Begeisterung für ihn war ja nur Mittel zum Zweck. Es ging um den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Der war furchtbar! Manchmal frage ich mich, was wohl Rudi dazu sagen würde, dass ich in Hanoi lebe.

Und? Was glauben Sie?

Er würde es interessant finden, dass Vietnam einen derart kapitalistischen Weg gegangen ist.

Welchen Weg wäre er gegangen?

Ich glaube, er wäre heute noch ein Rebell. Er hätte sich als Kritiker gehalten, vielleicht auch als Minister versucht, wie Joschka Fischer, aber Rudi hätte wahrscheinlich schnell gemerkt, dass das nichts für ihn ist, weil er die Kompromisse der Machterhaltung nicht mitgetragen hätte.

Joschka Fischer war offenbar gern Minister.

Eine Weile hatte ich E-Mail-Kontakt zu ihm. Er mag meine Kritik an Israel, das die Palästinenser aus dem Land jagen will, nicht. Wir haben uns letztes Jahr in Boston gesehen. Er hat sich darüber nicht gefreut.

Sie sind immer noch eine Idealistin?

Man muss doch unterdrückte Menschen unterstützen, vor allem die, die von amerikanischen Kriegsinteressen betroffen sind. Ich engagiere mich immer noch in politischen Aktivistengruppen und beteilige mich an Demonstrationen gegen Kriege.

Welche Erinnerung haben Sie an den Tag des Attentats auf Ihren Mann vor 40 Jahren?

Ich saß mit Gaston Salvatore, einem Neffen Salvador Allendes und engeren Freund von Rudi, in der Wohnung von Helmut Gollwitzer, dem Theologen. Plötzlich riefen Leute an, die uns die schreckliche Nachricht überbrachten. Es waren wirre Anrufe. Dann sagte uns die Polizei, dass Rudi tot sei. Erst später hörten wir, dass er noch lebt, und sind zum Krankenhaus gefahren.

Denken Sie noch oft an ihn?

Oh, ja! Ein englischer Herzog hat mich auf ihn in Youtube hingewiesen. Dort schaue ich mir viel von ihm an. Ein schönes Gefühl.

Erinnert zu Hause etwas an ihn?

Zu Hause ist im Augenblick Hanoi. Nach seinem Tod und dem Auszug aus unserem Haus in Århus habe ich seine Kleider dort gelassen. Sein Pullover - nun in einem Museum in Luckenwalde - war das Einzige, was ich noch hatte. Neben Büchern, Plakaten, Briefen und Fotos natürlich.

Was sind Ihre Pläne?

Ich bin Single und reise gerne. Vor zwei Jahren habe ich mein Haus in Massachusetts verkauft. Nach Vietnam will ich China besuchen, dann zu meinen fünf Enkelkindern nach Dänemark fliegen. Zur Wahl im November bin ich zurück in den USA.

Der nächste Präsident: Obama oder Clinton?

Keiner von beiden. Ralph Nader oder Cynthia McKinney von den Grünen!

Interview: André Groenewald / print